6 – 2019

Programm Agglo

Unter dem raumplanerischen Diktat der Siedlungsentwicklung nach innen plant man heute immer dort, wo schon etwas steht. Das bedingt eine bessere Abstimmung der Planung und Mitsprache der Bevölkerung; Planung wird komplexer als bisher. Dabei wird deutlich: Der öffentliche Raum bestimmt die Qualität der Entwicklung – und nicht die einzelnen Bauprojekte. Der Subventionsanreiz der Agglomerationsprogramme des Bundes hat viel dazu beigetragen, den Immobilien-Goldrausch in den Agglomerationen in geordnete Bahnen zu lenken, den Langsamverkehr und den ÖV zu stärken und Freiräume sicherzustellen. Denn die Programme schreiben heute zwingend vor, die Planung von Verkehrstrassen und Siedlungsgebieten im Verbund anzugehen. Vor allem aber bewirken sie eine zuvor kaum denkbare Bereitschaft zur Kooperation, Planung und Problemlösung über Gemeinde- und sogar Kantonsgrenzen hinweg. Denn Verkehrsfragen können einzelne Gemeinden ebenso wenig im Alleingang bewältigen wie etwa die Erschliessung der meist dringend benötigten Erholungsräume in den dicht beplanten Gebieten. So rücken die einst vernachlässigten Rand- und Grenzlagen in den Mittelpunkt des Interesses. Nicht nur politische Grenzen stehen zur Disposition, wenn qualitätsvoller Lebensraum entstehen soll, sondern immer mehr auch die Parzellen- und Eigentumsgrenzen.

Leseprobe

Es braucht Strategien und Projektstrukturen

Einsichten aus derAgglomerationspolitik

Maria Lezzi und Ariane Widmer im Gespräch mit Daniel Kurz und Roland Züger, Matthieu Gafsou/SDOL (Bilder)

Nur wer weiss, was er will, kann in der komplexen Planung der Agglomeration Qualität schaffen. Klare Ziele und Strategien sowie starke Leitungsstrukturen sind die Voraussetzung für erfolgreiche Agglomerationsprojekte. Zentrale Herausforderungen bilden dabei die Stärkung des öffentlichen Raums und die Erschliessung von landschaftlichen Freiräumen. Der Ouest lausannois steht vor dem Paradigmenwandel: auf die Transformation von Arealen folgt die territoriale Gesamtsicht.

Geschichte und stetiger Wandel: Im Auftrag der SDOL fotografierte Matthieu Gafsou 2018 die Landschaft des Ouest lausannois.

Der Wille von Wil

Zwei Kantone, zweiundzwanzig Gemeinden, ein neues Areal und viele flankierende Massnahmen: Wil West

Caspar Schärer

Die Agglomerationsprogramme des Bundes verpflichten. Auch das sankt-gallische Wil, das mit 37 Millionen Franken den Impuls aus Bern aufgenommen hat und der Forderung nach einer koordinierten Raumentwicklung nun nachlebt. Dabei sollen die Gelder ebenso in den Verkehr fliessen wie in die Siedlungsplanung. Ein Pionierprojekt gibt's obendrauf: Unter dem Namen Wil West wird ein Gewerbegebiet entwickelt, das entsprechende Vorhaben von 22 Gemeinden bündelt – auch über Kantonsgrenzen hinweg.

Zwei Kantone, zweiundzwanzig Gemeinden, ein neues Areal und viele flankierende Massnahmen: Wil West

Die Zwischenstadt birgt ungehobene Schätze

Planung in der urbanen Stadtlandschaft

Thomas Sieverts im Gespräch mit Stefan Kurath, Peter Liedtke (Bilder)

Ohne das Buch Zwischenstadt würde Planung in der Agglomeration heute wohl anders aussehen. Sein Autor Thomas Sieverts erzählt im Gespräch mit Stefan Kurath, wie er zu seinem prägenden Begriff gekommen ist, auf welche Widerstände sein Konzept stiess und wo dessen Aktualität heute noch liegt: in planerischen Antworten auf den Klimawandel.

Die IBA Emscherpark legte 1989–99 die Landschaft des Ruhrgebiets unter den Trümmern der Schwerindustrie wieder frei. Der Fotograf Peter Liedtke dokumentiert seither den Wandel im Ruhrgebiet.Im Bild: Aussichtsplattform auf der Halde Emscherblick bei
Bottrop

Ortsplanung von unten

Entwicklung Zentrum Birsfelden

Philippe Cabane

Die städtebauliche Qualität eines Entwurfs muss nicht leiden, wenn die Bevökerung mitredet. Der Basler Vorort Birsfelden führte für die Aufwertung und Verdichtung seines öffentlichen Zentrums ein aufwändiges Mitwirkungsverfahren durch. Und erhielt dabei ein nicht nur politisch tragfähiges, sondern auch städtebaulich überzeugendes Projekt. Der gefasste Raum im Entwurf von Harry Gugger und Westpol hat das Potenzial, ein funktionierender Begegnungsort für alle zu werden.

Über verschiedene Nutzungsszenarien wurde das Konzept der Zentrumsentwicklung mit der Bevölkerung diskutiert.
Illustration: Harry Gugger Studio

Königsdisziplin der Innenentwicklung

Schlieren stellt sich der Transformation seines Bestands

Joris Van Wezemael und Markus Nollert

Die Zürcher Vorstadt Schlieren erscheint nicht zum ersten Mal bei wbw. Das hat seine Gründe: Schon sehr früh sind dort Weichen gestellt worden, Schlieren plant mittels Leitbildern, die in Politik und Bevölkerung verankert sind und stellt Forderungen an die Investoren. Nach dem Wegzug der Industrie hat proaktive Planung kontinuierlich und nachhaltig Mehrwert geschaffen; heute ist Schlieren ein Vorbild.

Das Zentrum von Schlieren als Grossbaustelle. Mit dem Bau der Limmattalbahn wird die Hauptstrasse verlegt, es entsteht ein verkehrsberuhigter Bereich mit Park. Die Gestaltung des Strassenraums folgt jedoch dem
Primat der schnellen Fahrt: Der Verkehr nimmt viel Raum ein.
Bild: Limmattalbahn / Andrin Winteler
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Debatte

Werner Binotto betrachtet das Thema der Nachhaltigkeit aus der Sicht des Kantonsbaumeisters: Eine hohe Gewichtung technischer Aspekte führt zu steigenden Betriebs- und Unterhaltskosten, die für ein Gemeinwesen eine erhebliche Belastung bedeuten können. Low-Tech-Lösungen böten eine vernünftige Alterative.

Ausstellungen

Im Zentrum Architektur ZAZ steht Zürich im Mittelpunkt. Die erste grosse umfassende Schau zeigt die Stadt aus kontroverser Sicht. Ähnlich kontrovers rezipiert wurde die moderne Architektur im Toggenburg; und nicht weniger streitbar sind in Wien Rezepte gegen die Krisen unseres Planeten. Artikel online lesen

Bücher

Ein grosses Buch öffnet einen kleinen Spalt in das hermetische Werk des japanischen Architekten Kazuo Shinohara. Ein Buchtipp plädiert für die Öffnung von Erdgeschossen in Zürich und darüber hinaus, ein zweiter handelt von offenen Türen und Wohnrealitäten in Osteuropa.

Reichhaltige Erbschaften

Zum Tod von Marcel Meili, 1953 – 2019

Wohnraum statt Obstbrand

Umbau zweier Gewerbebauten in Nuglar, Lilitt Bollinger Studio und Buchner Bründler Architekten

Tibor Joanelly, Mark Niedermann (Bilder)

Im Juradorf Nuglar baute Lilitt Bollinger Studio mit Buchner Bründler aus Basel eine Produktionsstätte für Kirsch und Wein zu Büro, Ateliers und Wohnungen um.

Wo einst Schnaps und anderes verkauft wurde, geschäftet nun die Architektin Lilitt Bollinger. Rechts die Anlieferung für das ehemalige Kirschlager. Heute werden dort Quitten und Motorräder gelagert.
Bild: Mark Niedermann

Ein Bier auf die Kunst

Muzeum in Susch von Lukas Voellmy und Chasper Schmidlin

Roland Züger, Conradin Frei (Bilder)

In Susch machten Lukas Voellmy und Chasper Schmidlin für die polnische Mäzenin Grażyna Kulczyk eine alte Bierbrauerei zum Kunstort.

In den alten Räumen der Brauerei Campell am Inn liegt das Kunst-Ensemble. Es besteht aus vier Gebäuden: Der Eingang liegt im Haus am Fluss.
Bild: Conradin Frei

Mit neuem Schwung

Erneuerung Ortstockhaus ob Braunwald von Althammer Hochuli und Steiger Architekten

Lucia Gratz, Hannes Henz (Bilder)

In Braunwald haben Margrit Althammer, René Hochuli und Freunde das Ortstockhaus von Hans Leuzinger einer baulichen und betrieblichen Erneuerung unterzogen.

Das Ortstockhaus lädt in der verschneiten Berglandschaft zur Rast ein. In der wiederhergestellten
offenen Halle finden Berggänger bei schlechtem Wetter Schutz. Die später hinzugefügte Aufstockung darüber behielt man als Pächterwohnung bei.
Bild: Hannes Henz

werk-material 01.02 / 734

Vorstadt 2.0

Martin Klopfenstein, Roman Keller, Alexander Jaquemet (Bilder)

Siedlung Stöckacker Süd in Bern von Armon Semadeni und Meier Hug Architekten

Dank ihrer besonderen Geometrie verzahnt sich die neue Siedlung mit dem Quartier. Zur Bahnseite sind Maisonetten mit privatem Vorgarten angeordnet.
Bilder: Alexander Jaquemet

werk-material 01.02 / 735

Effizienz und Enfilade

Lukas Gruntz, Marc Lendorff (Bilder)

Siedlung Holunderhof in Zürich-Oerlikon von Schneider Studer Primas

Der leichte Schwung an der stark befahrenen Regensbergstrasse gliedert die Länge des Baukörpers und verweist bereits subtil auf die Hofovale zur Rückseite. 
Bild: Jens Studer

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