5 – 2020

Dichte Quartiere

Selten hat ein raumpolitisches Schlagwort so rasche Wirkung entfaltet wie heute die «Siedlungsentwicklung nach innen». In den Städten wird gebaut wie noch nie, und noch hektischer läuft die Baumaschinerie im Umland. Das liegt freilich weniger am politischen Schlagwort, als an der Lage auf den Finanzmärkten, die ungeahnte Mittel in den Immobilienbereich pumpen. Und es stellt sich dabei die Frage, ob die vielen tausend Neubauwohnungen tatsächlich zur Siedlungsverdichtung beitragen, sprich: ob die Dichte an Menschen im Gleichschritt mit der baulichen zunimmt und daraus Architektur und schliesslich Stadt entsteht. Zweifel sind angebracht. Wo entstehen im gegenwärtigen Bauboom auch soziale Dichte und Durchmischung, wo atmosphärische Dichte und räumliche Spannung? Unsere Baugesetze bewirken das Gegenteil. Deshalb fragen wir in diesem Heft: Wie sieht gelungene Dichte aus? Zeigt sie sich in Form hoher Häuser inmitten von weiten Boulevards und grünen Parks? Als dicht gesäumter Strassenraum im Sinn der Europäischen Stadt? Oder als kleinmassstäbliches Geflecht in der Art unserer gewachsenen Altstädte und Dorfkerne?

Leseprobe

Mehr Wasser, mehr Schatten, mehr Grün

Ansprüche an die verdichtete Stadtlandschaft

Sabine Wolf

Bei der Verdichtung von Quartieren geraten zu allererst die Freiräume unter Druck. Umso wichtiger wäre es, die klimagerechte Stadt aus der Landschaft heraus zu planen, fordert unsere Autorin Sabine Wolf. Im Klimawandel mit heissen Sommern und starken Regenfällen liegen die Herausforderungen bei der Anlage von kühlendem Grün und dem Regenwasser-Management. Sie zeigt gelungene Antworten aus Paris, Nantes und Kopenhagen.

Raum für das Unfertige, gerahmt von viel­fältigen Freiraumstrukturen. Esplanade des Riveurs vor dem Quartier Prairie au Duc auf der Île de Nantes. 
Bild: Volker Schopp

Poröser Stadtbaustein

Labitzke-Areal, Zürich Altstetten von Gigon/Guyer

Tibor Joanelly, Roland Züger, Roman Keller (Bilder)

Acht Neubauten von Gigon/Guyer besetzen das Areal der einstigen Farben- und Lackfabrik Labitzke in Zürich-Altstetten. Die geschickte Verbindung der Bauten ermöglicht eine Abfolge von Höfen, die mit Kolonnaden verbunden sind. Dabei überzeugen sowohl der Umgang mit der Dichte als auch die Schwellenräume im Entwurf von Gigon/Guyer mit Schmid Landschaftsarchitekten. Die Fassaden halten dem Versprechen eines robusten Stadtareals hingegen weniger stand, urteilen die Kritiker nach ihrem Stadtspaziergang.

Vorhof als Adresse zur Hohlstrasse 
Bild: Roman Keller

Operation im Stadtraum

Wohnhäuser an der Zollstrasse in Zürich von Esch Sintzel Architekten

Daniel Kurz, Philip Heckhausen (Bilder)

Mit drei Wohnhäusern an der Einfahrt zum Zürcher Hauptbahnhof haben Esch Sintzel Architekten überraschend einen neuen, urbanen Stadtraum geschaffen. Zur Weite des Gleisfelds hin versetzten sie die Baumassen in Schwingung. Der Rhythmus kräftiger Fassadenpfeiler bringt die unterschiedlichen Massstäbe in Einklang. Dichte entstand hier weniger durch die Masse des Gebauten als durch die intensive Vernetzung, die der neue Stadtbaustein mit dem bestehenden Quartier aufnimmt.

Im neu entstandenen Strassenraum fühlt sich das Publikum im Sommer 2019 sichtlich wohl. Die Bebauung vernetzt sich mit dem Quartier.
Bild: Philip Heckhausen

Alt-Therwil wird neu

Schmitti Therwil von Buol & Zünd

Dorothee Huber, Philip Heckhausen (Bilder)

Atmosphärische Dichten findet man in den gross gewordenen Dörfern meist nur im historischen Zentrum. In Therwil lebt dieses von einer Handvoll Altbauten rund um die Dorfkirche. Direkt hinter der Kirchenmauer haben Buol & Zünd einen Neubau mit zehn Wohnungen präzise eingepasst. Die alte Schmiede, die stehen bleiben konnte, und zwei sanierte, alte Bauernhäuser bilden nun zusammen mit dem Neubau ein stimmungsvolles Ensemble.

Hinter dem alten Häuschen der Schmiede, eingepasst zwischen die Bestandsbauten des Dorfkerns, sitzt der Neubau mit seiner Laubengangerschliessung.
Bild: Philip Heckhausen

Zweifel am Ersatzneubau

Kritische Fragen zu einer Verdichtungsstrategie

Daniel Kurz, Theodor Stalder (Bild)

Der vor allem in Zürich florierende Ersatzneubau schafft zu wenig städtische Dichte, kritisiert Chefredaktor Daniel Kurz. Schon unser Heft zum Thema (wbw 9 – 2018) hat aufgezeigt, dass mit dem laufenden Stadtumbau Quartiere auseinandergerissen werden und preisgünstige Kleinwohnungen für weniger zahlungskräftige Bewohner verloren gehen. Warum wird dem Bestand so wenig Sorge getragen – und doch so wenig Stadt geschaffen?

Wenig Fläche, aber viel Raum und weite Perspektiven: Durch die Öffnung des Korridors wurde die Altwohnung in der Kolonie Letten in Zürich hell und geräumig.
Bild: Theodor Stalder
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werk-notiz

Seit Dezember 2019 sind unsere Daten zum werk-material auch online erhältlich. Wir haben uns umgehört, wie sich das neue Tool macht und wo die Anwender seine Vorteile erken­nen. Stimmen aus den Büros von Jessen Vollen­weider und Graber Pulver zeigen: Das Streu­diagramm ist der Clou.

Debatte

Der Stadtforscher Philippe Koch kritisiert, dass beim Umbau der Städte mit den Abrissen auch die sozialen Beziehungen der Menschen zer­stört werden. Mit einem an Lucius Burckhardts Landschaftsbegriff und dessen Urbanismus­kritik geschulten Blick warnt Koch, die räumli­chen wie die sozialen Beziehungen würden bei der inneren Verdichtung unterschätzt.

Wettbewerb

Sebastian Holzhausen legt in seiner Besprechung des Projektwettbewerbs zur Instandsetzung der Zürcher Kaserne den Finger in die Wunde: Aus politischen Gründen war der Bezug des Ge­bäudes zu seiner Umgebung und der künftig öf­fentlichen Kasernenwiese kein Thema. Am ersten Preis schätzt er zwar das Zeichen des Auf­bruchs in Form eines Atriums im Zentrum der Anlage, doch die Vernetzung der Aussenräume vom Sihlufer zur Kasernenwiese bleibt schwach.

Bücher

Dorothee Huber kritisiert Emeline Curiens Buch Pensées Constructives zur Deutsch­schweizer Architektur 1980–2000, und Daniel Kurz stellt Susanne Schmids umfangreiche Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens vor. Ausserdem: die konstruktiv­kritische Publikation Siedlungsbiografien entwerfen. Transformation statt Totalersatz aus der ZHAW und die woh­nungspolitische Debatte Die neue Krise der Städte von Ernst Hubeli.

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Junge Architektur Schweiz

Weyell Zipse & Hörner, Basel

Das Trio, bekannt seit seinem Erfolg beim Wett­bewerb Guggach 3 in Zürich (wbw 10–2018), hat in Basel die «Manabar» realisiert.

Wo der Bergschuh drückt

Was ist eigentlich aus der Bündner Architekturszene geworden?

Tibor Joanelly, Jenny Keller

Was ist eigentlich aus der Bündner Architektur­szene geworden? Tibor Joanelly und Jenny Keller haben Akteure in Graubünden befragt.

Mehrfamilienhaus Phoenix; Haldenstein, Michael Hemmi, 2019. 
Bild: Ralph Feiner

Architektur für eine extreme Lebenslage

Justizvollzugsanstalt Cazis-Tignez (GR) von D. Jüngling und A. Hagmann Architekten

Daniel Kurz, Tibor Joanelly, Ralph Feiner (Bilder)

Wie kann Architektur Schönheit und Mensch­lichkeit bieten in einem Bau, der dem Frei­heitsentzug dient? Wie Jüngling Hagmann beim Bau der Graubündner Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez dieses Dilemma gelöst haben, zeigt unser Bericht.

Das Hauptgebäude mit seinen vergitterten Zellenfenstern steht in der klassischen Tradition institutioneller Gebäude.
Bild: Ralph Feiner

werk-material 01.07 / 752

Städtebau am Stadtrand

David Ganzoni Ralph Feiner (Bilder)

Überbauung Böschengut 3 in Chur, Men Duri Arquint

Hier beginnt die Stadt. Die Erschliessungsstrasse umfasst das Grundstück; die Häuser sind über kleine Höfe erschlossen.
Bild: Ralph Feiner

werk-material 11.06 / 753

Für Erlebnishungrige und Geniesser

Martin Deuber Ralph Feiner (Bilder)

Camping Campadi Ogna in Trun (GR), Iso Huonder

Casa Baltresca, Promontogno; Alter Clavuot Nunzi, 2019. 
Bild: Architekten

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