11 – 2019

Kirchen neu nutzen

Unter gotischen Kreuzgewölben Hummer speisen? Im Angesicht des Gekreuzigten den Sonnengruss üben? Oder Windeln wechseln und Verstecken spielen? Ist es vertretbar, dass man einen geweihten Raum in die Niederungen des Alltags entlässt und zum Event- oder Erlebnisraum umfunktioniert? Wo liegen die Grenzen eines immobilienwirtschaftlichen Umgangs mit kirchlichen Räumen? Und wo die Chancen der Öffnung so oft leer stehender Bauten als Allmend für breit verstandene gesellschaftliche Bedürfnisse? Welche architektonische Herausforderung ist damit verbunden? Für die Beantwortung dieser Frage mit moralischer und architektonischer Brisanz gilt wie für die Kunst des Umbauens: Eine Lösung findet sich nur caso per caso. In den modernen westlichen Gesellschaften haben der Glaube und die Kirche längst aufgehört, den Alltag zu durchdringen. Doch vielleicht könnte im Gegenzug der gesellschaftliche Alltag mit seinen Bedürfnissen vermehrt in die Kirche dringen und ihr neuen Sinn verleihen?

Leseprobe

Warum nicht leer stehen lassen?

Gion A. Caminada, Barbara Emmenegger und Michael Hauser im Gespräch über den zeitgemässen Umgang mit dem Raum der Kirche

Daniel Kurz und Tibor Joanelly

Kirchen sind Symbole der Gemeinschaft wie des Glaubens. Profanen und kommerziellen Nutzungen widersetzt sich ihr sakraler Charakter ebenso wie ihre architektonische Würde. Doch wie viel Aktivität braucht es überhaupt im Kirchenraum? Und werden die Möglichkeiten, Kirchen in zeitgemässen Formen für soziale und kulturelle Zwecke zu öffnen, genügend genutzt?

Aus der Kirche wurde ohne bauliche Eingriffe eine regionale Bühne für Theater und Comedy: Das «Dömli» in Ebnat Kappel. 
Bild: Karin Hofer / NZZ

Erweitertes Evangelium

Umbau der reformierten Kirche Kloten, Fahrländer Scherrer Architekten

Tibor Joanelly, Hannes Henz (Bilder)

Von der stillen Einkehr über das Rockkonzert bis zur Jugendarbeit oder dem Orgel-Oratorium: Alles kann unter dem Dach der spätbarocken reformierten Kirche in Kloten stattfinden. Der clevere Umbau von Fahrländer Scherrer Architekten öffnet das Gotteshaus für neue und multifunktionale Nutzungsformen.

Die spätbarocke Kreuzkirche ist seit jeher als Versammlungsraum gedacht. Rückt man die Bänke weg, so ist dieser Raum auch ein Lokal für Rockkonzerte.
Bild: Hannes Henz

Die Musik feiert das Hochamt

Anneliese Brost-Musikforum Bochum von Bez + Kock

Ursula Kleefisch-Jobst, Brigida González (Bilder)

Eine ganz und gar nicht profane Aufgabe löste das Stuttgarter Büro Bez + Kock mit einem unkonventionellen Vorschlag: Die Architekten transformierten die Marienkirche Bochum nach langem Leerstand zu einem Foyer für zwei Konzertsäle, in der die Musik nun das Hochamt feiert. Dafür wird die Erschliessung geändert, und man betritt das Ensemble aus Alt und Neu über den ehemaligen Chor.

Die schweigsamen neuen Seitenflügel enthalten die Konzertsäle des Musikforums; sie flankieren die Kirche, die als zentrales Foyer dient. Der Eingang wurde folgerichtig auf die Ostseite verlegt.
Bild: Brigida González

Gebäude sind immer provisorisch

Medieval Mile Museum, Kilkenny (Irland) von McCullough Mulvin

Colm Murray, Christian Richters (Bilder)

Die Kirche St. Mary’s in Kilkenny aus dem 13. Jahrhundert wird zum Museum ihrer eigenen Geschichte. McCullough Mulvin Architects erklären das Gebäude selbst zum Exponat, indem sie «den vierhundert Jahre langen Atemzügen» lauschen und die fehlenden Volumen von Nordflügel und Chor und damit den archetypischen Kreuzgrundriss in zeitgenössischer Anmut wiederherstellen. Originaltext Englisch

Das wiederhergestellte nördliche Seitenschiff vervollständigt das Volumen der mittelalterlichen Kirche.
Bild: Brigida González

Zwei Kirchen im Dorf

Eine Kirchenrochade in Ebnat-Kappel

Lucia Gratz, Ladina Bischof (Bilder)

Die Toggenburger Gemeinde Ebnat-Kappel verkaufte eine ihrer zwei Kirchen als Eventlokal, die andere ergänzte sie um ein Gemeindezentrum im ehemaligen Pfarrhaus. Raumfindung Architekten erweiterten diesen stattlichen Bau um einen ovalen Mehrzwecksaal.

Ebnat-Kappel hat eine seiner zwei Kirchen verkauft – und neben der Grubenmann-Kirche aus dem 18. Jahrhundert ein neues Kirchgemeindezentrum mit Saal geschaffen.
Bild: Ladina Bischof
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Debatte

werk-Redaktor Tibor Joanelly stellt die Frage nach klimaneutralem Bauen in einen globalen Zusammenhang. Er plädiert für Sorgfalt und Verantwortung und sieht im Begriff des «Terrestrischen» gemäss Bruno Latour eine Chance für das zeitgenössische Architekturschaffen.

Neu im BSA 2019

In diesem Jahr sind 31 Architektinnen und Architekten sowie vier assozierte Mitglieder aus fast allen Landesteilen auf Antrag ihrer Ortsgruppen in den BSA aufgenommen worden.

Ausstellungen

Die SBB, Symbol schweizerischer Identität und Pünktlichkeit, ist Gegenstand einer Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung: Design-Geschichte ist hier gleichzeitig Alltags- und Kulturgeschichte. Ausserdem: Genossenschaftliches Wohnen in Zürich, Schuchow in Moskau.

Bücher

Ein langes Gespräch mit Gion A. Caminada bildet den Kern des neuen Buchs von Florian Aicher über den Architekten aus Vrin. Und Ivica Brnić definiert in seiner Disseration das Sakrale in der Architektur.

Nachrufe

Alain G. Tschumi (1928 – 2019)
Christa Zeller (1946 – 2019)

Das Tragsystem spricht

Neubau News- und Sportzentrum SRF in Zürich von Penzel Valier

Tibor Joanelly, Georg Aerni (Bilder)

Neues aus Leutschenbach: Das News- und Sportzentrum SRF von Penzel Valier gehört zu den bedeutendsten Architekturproduktionen der Schweiz in diesem Jahr. Tibor Joanelly erläutert dies anhand einer ebenso präzisen wie enthusiastischen Beschreibung der Konstruktion des Neubaus.

Man ahnt die Kraft, mit der die Balken an ihrem Ort gehalten werden. Die Auskragung ist Resultat des Masterplans, der weite, der Öffentlichkeit zugängliche Flächen vorsieht.
Bild: Georg Aerni

The building is the message

Neubau News- und Sportzentrum SRF in Zürich von Penzel Valier

Urs Leuthard, Georg Aerni (Bilder)

Fernsehmoderator und Bauherrenvertreter Urs Leuthard vom SRF gibt einen Einblick in die zeitgenössische Newsproduktion. Der Neubau von Penzel Valier manifestiert die neue publizistische Welt in gebauter Form.

Im Zentrum des Gebäudes sorgt ein Atrium über dem Newsroom für räumliche Transparenz. Hier wird auch die Gesamtkomposition greifbar, die Tragstruktur und Technik einschliesst.
Bild: Georg Aerni

werk-material 01.10 / 742

Vielschichtiges Geviert

Philipp Schallnau, Lucas Peters (Bilder)

Wohnheim Haus Felsenau in Bern von Fiechter Salzmann Architekten

Japanisch wirken Hof und Garten ebenso wie die Räume in den neuen Bauten. Die fein gezeichneten Linien folgen der Elementbauweise aus Holz. 
Bild: Lucas Peters

werk-material 01.10 / 743

Überlegte Gesten

Stefan Wülser, Mark Niedermann (Bilder)

Wohnheim Klosterfiechten in Basel von Stump Schibli und Beer Merz Architekten

Ein einfacher Baukörper mit wenigen, klar gesetzten Öffnungen gibt Halt und Orientierung für Menschen aus dem Autismusspektrum.
Bild: Mark Niedermann

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