9 – 2019

Autonom im Alter

Was heisst das eigentlich, «Wohnen im Alter»? Für die allermeisten älteren Menschen eigentlich nichts anderes als das Gewohnte: den Tag verbringen, Lesen, Hobbies pflegen, Freunde empfangen, Ausgehen. Nur eben oft allein, nach dem Ende der Familienzeit, vielleicht dem Tod des Partners. Und oft mit kleinen oder grösseren Einschränkungen. Die Mobilität nimmt ab, die Reichweite täglicher Verrichtungen wird enger, und im «fragilen» Alter über 85 tritt die Sorge hinzu, wie lange die Selbstständigkeit noch ohne Hilfe zu bewältigen sein wird. Das alles ruft nach einem Wohnungsangebot, das sich nur wenig vom gewöhnlichen unterscheidet: integriert ins öffentliche Leben, aber hindernisfrei und in geeigneter Grösse für eine oder zwei Personen. Vor allem aber mit sozialem Anschluss und der Chance, in gesundheitlich schwierigen Zeiten Unterstützung in Pflege oder Haushalt zu beanspruchen. Könnte da nicht eine gemeinschaftliche Wohnform die passende Lösung bieten?

Leseprobe

Mitten im Quartier

Mehrgenerationensiedlung Bergli in Bülach ZH von Meier Hug

Ruedi Weidmann, Meinrad Schade (Bilder)

Mehr als Alterswohnen: In der Bülacher Siedlung Bergli kocht die Krippenküche Mittagessen auf Bestellung, der Hauswart bietet technische Hilfe. Und im Gemeinschaftsraum sind die jungen Nachbarn willkommen. Meier Hug Architekten haben zusammen mit zwei Genossenschaften vorgemacht, wie eine zeitgemässe Strategie für Wohnen und Pflege im Alter umgesetzt werden kann.

Im Erdgeschoss sind öffentliche und gemeinschaftliche Nutzungen untergebracht. Als Treffpunkt dient der Gemeinschaftsraum am Hof, wo auch der regelmässige Mittagstisch stattfindet.
Bild: Meinrad Schade

Normal, nicht normiert

Alterswohnen in die Gesellschaft integrieren

Matthias Ackermann

Seit Jahrzehnten arbeiten Architekturschaffende an Typologien für das Wohnen im Alter. Doch die bemerkenswerten Resultate dieser Recherche verdecken die eigentlichen Aufgaben: Gefragt sind Nähe und Austausch mit Menschen anderer Altersgruppen, alltägliche Normalität. Gerade unter dem Vorzeichen der Innenverdichtung ergeben sich Chancen für neue integrative und gemeinschaftliche Lebensformen.

In Gemeinschaft alt werden. Herman Hertzberger, Alterswohnen De Overloop, Almere Haven NL 1984 
Bild: Klaus Kinold

Dialog mit dem Alter

Masseria Cuntitt in Castel San Pietro TI von Edy Quaglia

Alberto Caruso

In Castel San Pietro hat der Tessiner Architekt Edy Quaglia das Gehöft der Masseria Cuntitt mit Respekt und Erfindungsreichtum umgebaut. Über der Ebene des Mendrisiotto ist am Rand des alten Dorfkerns ein neues Zentrum entstanden, das mit Alterswohnungen, Restaurant, Weinhandlung, Kinderkrippe und Gemeindesaal für alle zugänglich ist. Originaltext: Italienisch

Die südöstliche Ecke des Komplexes wurde aus Backstein neu aufgebaut. Sie erinnert an die Ecktürme lombardischer Landgüter.
Bild: Annalisa d’Apice

Strasse zur Nachbarschaft

Alters-und Sozialzentrum Orleanshof in Aarschot B von DRDH und DVVT

Roland Züger, Filip Dujardin, David Grandorge (Bilder)

35 Wohnungen mit Service für Betagte und ein Sozialzentrum mit Restaurant im Erdgeschoss: Für die Planung einer städtischen Wohnanlage im flämischen Aarschot haben DVVT aus Gent mit dem Londoner Studio DRDH zusammengespannt. Entstanden ist eine Anlage aus weissem Klinker mit Doppelgiebeln, die der Stadt einen Platz schenkt und Wege entlang der alten Stadtbefestigung weiterspinnt.

Vom Stadtplatz, den das neue Wohnensemble aufspannt, führen Stufen entlang des roten Klinkers der alten Stadtbefestigung hoch zum Hügel. 
Bild: Filip Dujardin

Autonom in Gemeinschaft

Hausgemeinschaft «Füfefüfzg» in Bern

Paula Sansano, Istvàn Balogh (Bilder)

Vor rund zwanzig Jahren gründeten die Architekten Sonja und Urs Grandjean zusammen mit Freunden die Hausgemeinschaft «Füfefüfzg» als Wohnform für die zweite Lebenshälfte. Autonomie und gemeinsame Aktivitäten finden darin zusammen; eine neue Erschliessung ermöglichte die freie Grundrisseinteilung. Wie bewährt sich die Wohnform nun, da das hohe Alter mit seinen Einschränkungen näher rückt?

Der begrünte, ehemalige Gewerbehof mit der Rampe zum Haus von Sonja und Urs Grandjean
Bild: Istvàn Balogh
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Debatte

Bauteil-Recycling zum Zweiten: Marc Loeliger und Andreas Sonderegger berichten aus ihrem Entwurfsstudio an der ZHAW und plädieren für umfassende Wertstoffkreisläufe auch in der Architektur. Dabei zeigt die Digitalisierung ihre nützliche Seite.

Ausstellungen

Jan Geipel erklärt die Architektur von BIG anhand der grossen Schau im Dänischen Architekturzentrum Kopenhagen. Nicht minder gewichtig sind Ausstellungen über Lacaton & Vassal und die Filmarchitektur des Expressionismus.

Bücher

Endlich liegt eine umfassende Monografie zu Hans Bernoulli vor. Was sie einlöst und was darin fehlt, sagt Daniel Kurz. Vorgestellt werden zudem Bücher über Wiener Architekturdiskurse und das weithin verkannte Werk Ricardo Bofills.

Nachruf

Benedikt Huber, 1928 – 2019

Im Sog des analogen Blicks

Museum Z33 in Hasselt von Francesca Torzo

Tibor Joanelly, Gion von Albertini (Bilder)

In Hasselt, der «lebenswertesten Stadt Flanderns» hat die Genueser Architektin Francesca Torzo das Museum Z33 für zeitgenössische Kunst erweitert und umgebaut. Entstanden ist eine sehenswerte Raummaschine mit diskreten aber effektvollen Bezügen zum Stadtraum.

Wie bei den Beginen-Häusern, mit denen sich das Museum den Block teilt, ist die Innenseite reicher detailliert und befenstert.
Bild: Gion von Albertini

Unsichtbare Gründlichkeit

Instandsetzung des Pavillons Le Corbusier am Zürichhorn von Silvio Schmed und Arthur Rüegg

Lucia Gratz, Georg Aerni (Bilder)

Mit der denkmalgerechten Instandsetzung von Le Corbusiers Maison d’homme durch Silvio Schmed und Arthur Rüegg findet der Zürcher Pavillon eine definitive Bestimmung und seine turbulente Geschichte ein einstweiliges Ende.

Scheinbar gut im Schuss präsentierte sich der im Modulor-Masssystem gebaute Pavillon vor der Instandsetzung. Während die farbigen Emailplatten gut erhalten waren, zeigte die Stahlkonstruktion stellenweise deutliche Spuren des Zerfalls.
Bild: Georg Aerni

werk-material 01.09 / 738

Schmetterling mit schweren Flügeln

Daniel Kurz, Annett Landsmann (Bilder)

Altersheim Trotte in Zürich von Enzmann Fischer

West- und Nordfassade mit Haupteingang an der Nordstrasse. Unten: Der Speisesaal im Gartengeschoss. 
Bild: Annett Landsmann

werk-material 01.09 / 739

Grandezza in Beton

Giulio Bettini, Marcelo Villada Ortiz (Bilder)

Casa anziani Giornico TI von Baserga Mozzetti

Un\\'architettura che sembra quasi più autentica dei riferimenti a cui si riferisce.
Immagine: Giorgio Aeberli, Gordola

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