6 – 2018

Lehm

Mehr denn je wird getüftelt am Material, am Spektrum der konstruktiven Möglichkeiten und am Ausdruck: in Bereichen, in denen Lehm eine Rolle als tragendes Baumaterial spielt, wie auch im weiten Feld der Halbfabrikate. Mit diesem Heft wollen wir die Entwicklung abbilden und gleichzeitig das Material Lehm auf seinen nächsten Entwicklungsschritten begleiten. Lehm ist fähig, dank seiner thermischen Speichermasse, seinem Beitrag zur Feuchtigkeitsregulation, seiner nahezu CO₂-freien Gewinnung und Verarbeitung und der Wiederverwendbarkeit beim Rückbau einen zentralen Beitrag für die Architektur des Klimawandels zu leisten. Um aber an Relevanz zu gewinnen, muss dem Lehmbau der Sprung in die industrielle Vorfertigung und in den grossen Massstab gelingen, in ein urbaneres Umfeld als die Einfamilienhaussiedlung der ökologisch Ambitionierten. Die Frage ist: Kann ein ganzes Stadtquartier in Lehm gebaut werden? In Paris haben wir Antworten darauf gefunden, und wir haben hiesige Experten nach ihrer Einschätzung gefragt. Der einhelligen Meinung nach ist das Wissen rund ums Bauen in Lehm noch zu wenig verbreitet.

Leseprobe

Sprung zum grossen Massstab

Was läuft in den Werkstätten der Lehmbauer?

Roger Boltshauser, Guillaume Habert und Martin Rauch im Gespräch mit Roland Züger

Es brauche eine adäquate Architektursprache für das Bauen mit Lehm – diese Forderung von Martin Rauch steht neben der Erkenntnis, dass für den breiten Einsatz des Baustoffs nebst Sensibilisierung auch Investitionen in Forschung und industrielle Produktionsmöglichkeiten nötig sind. Wieviel Innovation verträgt es, damit die positiven Eigenschaften des Lehms – Wiederverwertbarkeit, Feuchtigkeitsregulierung, Archaik – erhalten bleiben und eine echte Substitution etwa von Zement möglich wird?

In einer Produktionsstrasse von Lehm Ton Erde wurden die Stampflehm-Elemente mit Kerndämmung für den Alnatura-Campus produziert. Die Technologie zur Serienproduktion entwickelte das Unternehmen zuvor für das Kräuterzentrum Ricola und die Vogelwarte Sempach. 
Bild: Emmanuel Dorsaz

Paris kommt auf die Erde

Planung eines Wohnensembles in Ivry und einer Fabrik für Lehmprodukte in Sevran von Joly & Loiret mit Wang Shu

Susanne Stacher

Die französische Hauptstadt baut den Grand Paris Express als Metro-Ring in die Banlieues, ein Unternehmen, das nebst heissen Diskussionen auch viel Aushub generiert. Die Lehm-Komponente bietet sich als Baustoff an: In Ivry-sur-Seine soll daraus ein ganzes Quartier entstehen. Damit der Stoffkreislauf möglichst eng bleibt, wird eigens eine mobile Fabrik eingerichtet, um die zum Bau des neuen Quartiers ben.tigten Lehmbauteile herzustellen. Geplant wurden Fabrik, Quartier und Bauten durch die jungen Architekten Joly & Loiret, unterstützt vom Pritzker-Preisträger Wang Shu, Lu Wenyu und Martin Rauch.

Planung einer Fabrik für Lehmprodukte in Sevran von Joly & Loiret und eines Wohnensembles in Ivry mit Wang Shu

Lehmwerkstoffe

Bauteil- und Materialsammlung

Bau dir ein Haus aus Lehm! Die Bauteile und Techniken, die man dazu braucht, stellen wir kurz und bildhaft vor.

Stampflehm – Pisé

Bauen an der Gemeinschaft

Grundschule in Gando und Operndorf in Laongo, Burkina Faso von Francis Kéré

Andres Lepik

Ein Dorf für die Oper im afrikanischen Sahel – die etwas seltsame Idee von Christoph Schlingensief, dem verstorbenen Enfant terrible der deutschen Theaterszene, nimmt langsam Konturen an, und die sind in Lehm gebaut. Auch wenn das Opernhaus in seiner Mitte nicht realisiert worden ist, so beweist Architekt Francis Kéré, dass der Baustoff Lehm vor allem im Süden das genuine Material für gemeinschaftliches Bauen darstellt und darüber hinaus auch dasjenige einer fortschrittlichen «Hitze-Architektur».

Die Bevölkerung in Gando wirkte nicht nur beim Lehmziegel-Bau mit, dank ihrer guten Kenntnisse im Schweissen konnten lokale Handwerker auch die einfache Dachkonstruktion des Erweiterungsbaus aus Bewehrungsstahl selbst herstellen.
Um eine gute Durch- und Entlüftung der Schulräume zu gewährleisten, ist die Decke mit Löchern versehen und das Dach abgehoben. 
Bild: Kéré Architecture

Aus dem Boden gestampfte Landmarke

Ricola Kräuterzentrum in Laufen BL von Herzog & de Meuron

Benjamin Muschg

Ricola AG, Laufen
Architektur: Herzog & de Meuron, Basel,
Bild: Iwan Baan

Wahrnehmungsapparat

Aussichtsturm in Dilsen–Stokkem von De Gouden Liniaal

Roland Züger

Auf einer leichten Anhöhe trotzt der Aussichtsturm den winterlichen Fluten der Maas. Die sichtbaren Kiesel im vor Ort gestampften Lehm wie auch im sandgestrahlten Beton verweisen auf die alte Nutzung des Gebiets zum Kiesabbau. 
Bild: Filip Dujardin

Mauer als Rückgrat

Casa 1413 von H Arquitectes

Tibor Joanelly

Aus Erde vom Grundstück und mit Steinen der alten Einfriedung errichteten die katalanischen Architekten ein Haus, das wie am Ort üblich den Strassenraum fasst und einen Garten birgt. 
Bild: Adrià Goula

Dem Aushub entwachsen

Haus in Alpnach von Seiler Linhart

Roland Züger

Idealer Partner zum Vollholzhaus ohne Nägel
und Leim: Treppenhauswände aus vorfabrizierten
Stampflehm-Elementen aus dem Aushubmaterial
bringen Feuchteregulierung und thermischen
Wärmespeicher. 
Bild: Samuel Büttler

Leichtlehm mit Kalkkruste

Haus in Ayerbe von Angels Castellarnau Visús

Daniel Kurz

Der Neubau in Ayerbe von Angels Castallarnau Visús ist wie seine historischen Nachbarn aus Stampflehm gebaut. Den mit Stroh vermischten Leichtlehm schützt eine Kruste aus Kalk.
Bild: Xavier d’Arquer – Doblestudio

Gastlichkeit im Lehmhaus

Gästehaus Xiangshan Campus Hangzhou von Amateur Architecture Studio

Eduard Kögel

Unter dem Hebelstabwerk des Dachs strukturieren über 30 Schottenwände aus lokal gehobenem, vor Ort gestampftem und mit Bambus armiertem Lehm. Punktuell leisten Betonelemente Schutz vor Erdbeben oder grober Abnutzung. 
Bild: Iwan Baan

Industriedenkmal mit erdigem Kern

Besucherzentrum Berges de Vessy von ar-ter

Daniel Kurz

Am Eingang zum Erlebnisort Berges de Vessy verleiht die Lehmziegelwand dem Holzbau eine haptische Anmut. 
Bild: Olivier Zimmermann
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Debatte

Unfertig, unvollkommen und überraschend präsentiert sich das Wunderland Agglomeration dem Metron-Raumentwickler Beat Suter. Nachverdichtung wird dann akzeptiert, wenn sie den Bewohnern greifbare Mehrwerte verspricht.

Wettbewerb

Die Hochschule St. Gallen baut sich ein Learning Center. Sou Fujimoto sticht mit einem generischen Konzept, das der unverbindlichen Rhetorik des dynamischen Lernens gerecht werden will. Für die Umsetzung wüscht sich Tanja Reimer mehr spezifische Qualität.

Recht

Mehrkosten sind beim Bauen Alltag: Wo liegen die Fallstricke, wenn trotz Pauschalpreis Änderungen an der Bestellung vorgenommen werden? Patrick Middendorf schafft juristischen Durchblick.

Bücher

Holger Kleine entschlüsselt die Geheimnisse der Raumdramaturgie. Mit Lehmarchitektur heute bietet Dominique Gauzin-Müller den Stand des Wissens zum Heftthema, und Nadja Maillard hat ein anregendes Lesebuch über Massstab und Modell vorgelegt.

Ausstellungen

Auf der Suche nach dem Stil 1850 – 1900 heisst die opulente Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum. Kritiker Roman Hollenstein lässt sich von der Pracht der Exponate nicht blenden und vermisst die wissenschaftliche Sorgfalt.

Nachruf

Theo Hotz, 1928 – 2018

Kolumne

Architektur ist ... Staub

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

Der eiskalte Hauch der Geschichte umweht ein kleines Mädchen, als es sich in einem verlassenen Haus auf ein gemachtes Bett setzt … Architektur ist auch Vergessen, eine Leerstelle.

Illustration: Johanna Benz

Altstadt als Exponat

Historisches Museum Frankfurt am Main von LRO und die Altstadtkopie am Römerberg

Christian Marquart, Roland Halbe (Bilder)

Die Kontroversen um die Bebauung des Römer-Viertels in Frankfurt halten seit dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg an. Nun tritt mit dem Historischen Museum ein neuer Baustein von Lederer Ragnarsdóttir Oei der unkritischen Rekonstruktion seiner Nachbarschaft entgegen.

Die Erweiterung bildet einen schma len Vorplatz aus, von dem aus das Museum betreten wird. Das Museum beginnt bereits hier: mit den Skulpturen in den Fassaden nischen des Nordbaus und den Einblicken in den unterirdischen Verbindungsbau.
Bild: Roland Halbe

Stadt im kleinen Massstab

Quartier Erlenmatt Ost in Basel

Daniel Kurz

Im lärmigen Osten des Basler Erlenmatt-Quartiers realisiert die Stiftung Habitat mit verschiedenen Bauträgern ein durchmischtes und nachhaltiges Stadtviertel. Erste Bauten von Galli Rudolf, Bart & Buchhofer sowie Buchner Bründler sind fertiggestellt, zwei davon liefern zudem die Kennwerte für das werk-material in diesem Heft.

Lärmschutz als bewohnte räumliche Inszenierung: Wohnhof im Inneren des Hauses Baustein 1 von Galli Rudolf Architekten.
Bild: Tamara Tschopp

werk-material 01.02 / 714

Genossenschaftshaus Stadterle in Basel

Daniel Kurz

Genossenschaftshaus Stadterle in Basel von Buchner Bründler Architekten

Rohe, industrielle Materialien in horizontaler Bänderung charakterisieren das Äussere des Genossenschaftshauses. Die sperrholzbeplankten Wohnküchen liegen am gemeinschaftlich genutzten Laubengang. Geschosshohe Türen und Fensteröffnungen verschaffen Durchblicke vom Hof zum Park. 
Bild: Rory Gardiner

werk-material 01.02 / 715

Erlenflex Genossenschaft in Basel

Daniel Kurz

Erlenflex Genossenschaft in Basel von Bart & Buchhofer Architekten

Der Wechsel von Deckenstirnen in Sichtbeton mit Holzelementen und durchbrochenen Schiebeläden gewährleistet die vom Regelwerk Erlenmatt Ost verlangte horizontale Ausrichtung. 
Bild: Ruedi Walti

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