1/2 – 2018

Grands Ensembles

Sie blühten in den 1950er bis 1970er Jahren, bei ihrer Planung trafen Hoffnungen auf gesellschaftliche Erneuerung und administrative Technokratie zusammen. Seit den 1970er Jahren gerieten sie in die Kritik: Ihre Planung sei menschenfern; der abstrakte Blick von oben aufs Modell habe ihren Massstab bestimmt, und nicht die Perspektive der Bewohnerinnen und Bewohner, nicht die Ebene der Fussgänger, am wenigsten die der Kinder. Durch die einseitige Belegung mit Sozialwohnungen und den fehlenden Anschluss an die Stadt mutierten Grands Ensembles vielerorts in Europa zu Sonderwelten, eigentlichen Ghettos. Dabei fällt unter den Tisch, dass viele Grosssiedlungen, zumal in der Schweiz, durchaus mit ganzheitlichem Blick realisiert worden sind – mit Schulen, Läden, Gemeinschaftszentrum – so etwa das Tscharnergut in Bern oder das Telli in Aarau. Innen- und Aussenbild klaffen weit auseinander: Die Bewohner wissen das Wohnen in der Höhe, sogar die Anonymität, zu schätzen. Grosssiedlungen sind für viele Menschen Heimat. Ihre Kritiker kennen die «Betonmonster» dagegen meist nur von Ferne.

Leseprobe

Plan für ein besseres Leben

Geschichten aus Novi Beograd

Paula Sansano, Wolfgang Thaler (Bilder)

Novi Beograd war einst eine strahlende neue Stadt, gebaut als sozialistische Neugründung im Kontrast zur historischen Hauptstadt jenseits der Save. Heute unterliegen die Bauten in der Rasterstadt einem schleichenden Zerfall. Hinter den maroden Fassaden aber organisieren sich die Menschen nachbarlich, helfen einander, renovieren und gestalten ihr Lebensumfeld – so, wie das der Sozialismus nicht für möglich gehalten hätte und wie es doch immer auch der Fall war. Eine Reportage und ein Lehrstück über urbanistische Resilienz.

Wohntürme im Block 23, 1968 – 74 von Božidar Janković, Branislav Karadžić und Aleksandar Stjepanović
Bild: Wolfgang Thaler

Stolzer Zeuge

Sanierung der Wohnüberbauung Kleiburg in Amsterdam von NL Architects und XVW architectuur

Paul Vermeulen

Das Amsterdamer Quartier Bijlmermeer kennt man vielleicht noch von den Katastrophen-Bildern, als ein Jumbo-Jet dort eine halbe Häuserzeile und viele Leben ausradierte. Dem Absturz folgte der systematische Abbruch dieses Grand Ensemble, bis auf ein paar Bauten, für deren Erhalt sich die Bewohner einsetzten. Eine Zeile ist nun für einen Euro verkauft und in günstiges Wohneigentum verwandelt worden. Es scheint, als hätte die Konversion das Moderne dieser Anlage erst richtig zum Leben erweckt.
Originaltext Flämisch

Grosszügige Durchgänge, zweigeschossige Eingangshallen und ein bewohnter Sockel verankern den Giganten im Quartier; die farbliche  Vereinheitlichung der Fassade gibt ihm ein Gesicht.
Bild: Stijn Brakkee

Muster oder Komposition?

Über die Aktualität von Grands Ensembles

Markus Peter im Gespräch mit Tibor Joanelly und Roland Züger

Marcel Meili und Markus Peter haben schon vor ihrer Bürogründung zusammengearbeitet, und zwar an der Luzerner Satellitenstadt Ruopigen, im Büro von Dolf Schnebli. Das Interesse an der räumlichen Wirksamkeit von Konstruktion und Komposition generierte viel Wissen um die Grosssiedlungen französischen und schweizerischen Zuschnitts, was in zwei Sanierungsprojekte mündete. In Göhnerswil vor zehn Jahren und aktuell beim Telli in Aarau geht es um Strategien im Umgang mit Beton, Raster und Geschichte. Und im Gespräch auch um die Zukunft des grossen Massstabs.

Im Vergleich zur Siedlung Sunnebüel in Volketswil, die einem repetierbaren städtebaulichen Muster folgt, ist die Siedlung Le Lignon in Genf eine Komposition mit raumbildenden geknickten Zeilenbauten und Hochhäusern als Akzente.
Bild: ETH Bibliothek Zürich / Stiftung Luftbild Schweiz / Swissair Photo AG

Rahmung der Landschaft

Sanierung Telli B und C Aarau durch Meili, Peter & Partner Architekten

Ein bedeutender Teil der Siedlung Telli von Hans Marti und Hans Kast in Aarau wird von Meili, Peter & Partner mit neuen Balkonen und Fenstern energetisch saniert.

Die geknickten Wohnzeilen im Telli fassen grüne Freiräume in ihrer Mitte in die zahlreiche Nutzungen eingebettet sind – verkehrsfrei dank Tiefgarage. Bild: Roland Züger

Die Breite geht in die Verlängerung

Erweiterung Breite-Hochhäuser in Basel durch Morger Partner

Ihrer Lage in Basel gemäss soll die Parksiedlung Breite von Suter + Suter verdichtet werden. Das Projekt von Morger Partner sieht die Erweiterung der bestehenden Zeilen durch Anbauten vor.

Durch die Erweiterungen der Hochhausscheiben bleibt der heutige Charakter der Wohnsiedlung erhalten, das parkartige Innere der Anlage wird durch die Neuinterpretation der Komposition aber stärker strukturiert. 
BIld: Morger Partner

Pilotprojekt im Anflug

Erneuerung der Überbauung Hohrainli Kloten

Gemeinde, Kanton und über 30 Grundeigentümer müssen zusammenwirken, damit die gealterte Überbauung Hohrainli am Flughafen nach einem Gesamtkonzept von yellow z, Ueli Zbinden und Manoa sozial und wirtschaftlich nachhaltig saniert werden kann.

Konzept für die Erneuerung der gesamten Überbauung. In Anlehnung an den Bestand und die Eigentumsverhältnisse sind verschiedene Typologien und Dichten vorgesehen: im Vordergrund Reihen-EFH, im Zentrum (Areal Turidomus) vier gedrungene Türme und ein Platz.
Bild: Ueli Zbinden, yellow z, Manoa

Gegen Treu und Glauben

Kulturkampf um das Berner Tscharnergut

Im Berner Westen sollte die stadtbildprägende Grosssiedlung Tscharnergut von Hans und Gret Reinhard im Rahmen eines komplexen Vertragswerks Haus für Haus erneuert werden. Im Moment aber tobt ein Kampf um die eigentlich unbestreitbare Schutzwürdigkeit dieses Ensembles.

Kaum sichtbare Veränderung: Ein feiner Unterschied in der Putzstruktur verrät die Erweiterung der Wohnungsgrundrisse um rund 3 Meter. 
Bild: Alexander Gempeler

Debatte

In der Peripherie taugen statt Rezepten nur massgeschneiderte Planungsansätze. Winterthurs ehemaliger Stadtbaumeister Michael Hauser antwortet auf Jürg Sulzers Beitrag Stadtquartiere statt Siedlungen.

Wettbewerb

Die Stadt Genf soll für 260 Millionen Franken einen neuen Konzertsaal erhalten. Städtebauliche Situation und Raumprogramm waren in diesem Verfahren so diffus wie komplex, denn es galt, auch eine Musikschule auf dem Parkgrundstück unterzubringen. Originaltext Französisch

Recht

Kann man Grundeigentümer zum Bauen zwingen? Dominik Bachmann erörtert knifflige Fragen zum neuen Gesetz gegen die «Baulandhortung».

Bücher

Drei Bücher zum Wohnen: Daniel Kurz bespricht drei ganz verschiedene Neuerscheinungen von Dominique Boudet, von Christoph Wieser und Heinz Wirz sowie der Wüstenrot-Stiftung zum jüngeren Wohnungsbau. Dabei geht es um Grundrissinnovation, um soziale und um städtebauliche Praxis.

Ausstellungen

In Nürnberg veranschaulichen Muriel Hladik und Axel Sowa die Bedeutung des Teehauses für die aktuelle japanische Architektur, und in Salzburg zeigt Walter Niedermayr eine fotografische Recherche zu Kultur und Ort im Fleimstal in Trentino-Südtirol.

Nachruf

Hans Peter Baur, 1922 – 2017

Kolumne: Architektur ist ... ein virtueller Horrortrip

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

Tief, tief unten in der Geschichte des Computerspiels, zuunterst in der Gruft eines virtuellen Schlosses – da lauert etwas, das auch gestandene Bloggerinnen und Architekten erschauern lässt …

Illustration: Johanna Benz

Inszenierte Ausblendung

Wohnhaus im Zürcher Seefeld von Manuel Herz

Tibor Joanelly, Yuri Palmin (Bilder)

Manuel Herz baute im Garten einer Zürcher Villa ein Wohnhaus gehobenen Standards. Halb Skulptur und halb Maschine, gibt es mit einer beweglichen Fassade den Hintergrund für die umtriebige Kunststiftung in der Nachbarvilla und sichert über seine Rendite deren Betrieb.

Der Grad der Offenheit ist je nach Gusto der Bewohner einstellbar, immer aber vermittelt die Tiefe der Blenden zum Park.
Bild: Yuri Palmin

Hochschule als Stadtlabor

Neubauten École Centrale Supélec von Gigon/Guyer und OMA/Rem Koolhaas in Paris-Saclay

Susanne Stacher, Philippe Ruault (Bilder)

Im Süden von Paris entsteht zwischen Feldern ein neuer Stadtteil der Forschung. Den zentralen Platz prägen zwei Bauten von OMA/Rem Koolhaas und Gigon/Guyer. Beide verorten das Lernen, Lehren und Experimentieren in einer hyperurbanen Umgebung von ganz unterschiedlichem Zuschnitt.

Stadtraum unter Dach: Informelle  Begegnungsräume bilden das Rückgrat der Lab City von OMA. Blick über Terrassen und den zentralen Platz mit dem Café.
Bild: Philippe Ruault

werk-material 02.01 /706

Kinderwelten

Marielle Savoyat

Crèche à la Chapelle-Les Sciers in Lancy von Lacroix Chessex, Genève
Originaltext Französisch

Vue sur le préau de la crèche à la Chapelle-Les Sciers à Lancy qui fonctionne comme une clairière ouverte sur deux grands sapins d’Espagne, en faisant entrer le paysage au coeur du bâtiment.
Image: Walter Mair

werk-material 02.01 / 707

Kinderwelten

Marielle Savoyat

Crèche Origami in Genf von group8, Genève-Sécheron
Originaltext Französisch

Die Krippe Origami duckt sich als bewegte Landschaft zu Füssen des futuristischen Hauptsitzes von Japan Tobacco International (SOM Skidmore Owings & Merrill. 
Bild: Régis Golay

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