10 – 2011

Ordnung – Unordnung

«Architecturer c’est mettre en ordre.» Le Corbusiers geflügeltes Wort stellt nicht nur die moderne Architektur in einen Bezug zu den antiken Säulenordnungen, sondern es proklamiert vor allem, dass der Architekt mit hoher Moral Ordnung ins Chaos der Welt bringt. Besieht man sich eine Baustelle, den eigenen Arbeitstisch oder die Entwicklung einer Stadt heute in Schnappschüssen, so halten sich Unordnung und Ordnung stets gegenseitig in Schach. Heute und angesichts dieser Feststellung wirkt Le Corbusiers Ausspruch wie eine Donquichotterie. Um alle Eventualitäten bei der Konzeption eines Bauwerks berücksichtigen zu können, ist Entwerfen also besser als ein evolutionärer Prozess zu verstehen, der keinem im Voraus definierten Ziel und somit keiner vorher bekannten Ordnung folgen kann. Das Heft 10 – 2011 trägt dieser Suche Rechnung, indem es in einem imaginären Koordinatensystem zwischen den Polen Individuum und Gesellschaft sowie Bau und Werk nach einem kritischen Verhältnis zwischen Ordnung und Unordnung forscht.

Ordnung von unten

Fünf Freiheiten einer Architektur in Zeiten zunehmender Normierung

Andreas La Roche und Tibor Joanelly

Normen entfalten in der Architektur eine stille, aber wirkungsvolle Kraft. Die sich verstärkende Tendenz zur Regulierung des Bauens ruft darum nach einem bewussten Umgang mit Normalien. Ein in Bewegung geratenes Berufsbild in der Architektur schafft Perspektiven dazu.

Normierung ad absurdum: Ab einer Höhe von 80 cm müssen Bauteile gemäss der SIA Norm 358 «Geländer und Brüstungen» gegen die Gefahr eines Absturzes gesichert werden; beim Schulhaus Milchbuck in Zürich gilt dies auch für eine Stützmauer, die als Sitzgelegenheit vor gut 80 Jahren entworfen, entlang eines abfallenden Wegs immer höher wird.

Raumform und Bauform

Zum Potenzial «befreiter» Grundrisse

Thomas von Ballmoos und Bruno Krucker

Verschiedene Gründe können dazu führen, dass Grundrisse in Bewegung geraten. Vier Beispiele aus der Entwurfspraxis des Zürcher Architekturbüros von Ballmoos Krucker demonstrieren die unterschiedlichen Strategien und Motivationen.

Siedlung Badenerstrasse Zürich, Hofansicht

Pluralismus und Parzellen

Der Stadtgrundriss als Ordnungssystem

Christian Salewski

Die Einteilung des Bodens ordnet auf lange Frist die Beziehung von öffentlichem Raum zu privaten Grundstücken. Mit zunehmend grösseren Grundstücken verändert sich dieses Verhältnis grundlegend und damit auch die Stadt. Ein Gegenmodell könnte die «Metropole des rigiden Chaos» sein, die durch viele pluralistische Kräfte immer wieder neu entsteht.

Stadt aufräumen: Armelle Carons Bearbeitung von Stadtgrundrissen (2005-2008) zeigt deutliche Unterschiede von Grösse, Geometrie und Varianz der Blöcke.

Bewegungsraum und Erlebnisdichte

Zu David Chipperfields Frühwerk

Axel Sowa

In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren wurde die chaotische, insgeheim aber doch subtil geordnete Stadt Tokyo in Augenschein genommen. Ein noch unbekannter David Chipperfield liess sich damals von japanischen Vorbildern inspirieren und errichtete in Tokyo und Kyoto seine frühen Bauten.

Eingangsbereich des TAK-Buildings

Kontrollierte Verbrennung

Brandhaus II in Opfikon von Staufer & Hasler Architekten

Caspar Schärer, Theodor Stalder (Bilder)

Das Chaos eines Feuers muss genauso bekämpft werden wie die sich verfestigende Ordnung der Routine. In der Architektur einer Brandsimulationsanlage bei Zürich ist beides angelegt.

«Labor» im Brandhaus

Baugesetz wird Gestalt

Wohnhaus an der Röntgenstrasse 10 in Zürich von Fuhrimann Hächler Architekten

Anna Schindler, Valentin Jeck (Bilder)

Aus der Not eine Tugend zu machen, ist ein bewährtes Entwurfskonzept der Zürcher Architekten Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler. Beim Mehrfamilienhaus hinter dem Hauptbahnhof Zürich schreiben sie den baugesetzlichen Rahmenbedingungen ihre eigene Ordnung ein.

Strassenansicht des Wohnhauses in Zürich von Fuhrmann Hächler Architekten

Formen der Unordnung

Wolfgang Ullrich

Unordnung ist nicht gleich Unordnung, und bei fast jedem Menschen, der Probleme mit der Ordnung hat, ist es auf andere Art unordentlich.

Das Bild stammt aus einer Videoinstallation der deutschen Künstlerin Stephanie Senge. Das 2000 entstandene Video «Aufräumen» dauert vier Stunden: «Ein halbes Jahr räumte ich in meinem Zimmer bewusst nicht mehr auf. Dann installierte ich an der Decke eine Videokamera mit der ich den gesamten Prozess des Aufräumens dokumentierte. Man sieht mich in meinen eigenen Ding-Chaos auf der Suche nach Wertschätzung.»

Bauten

Spurensuche. Wohnhaus in Giswil von Huggenbergerfries Architekten, Zürich

Wettbewerb

Setzungen und Infrastrukturen. Kommentar zum Wettbewerb für das Musée Cantonal des Beaux-Arts (MCBA) in Lausanne. 1. Rang Estudio Barozzi Veiga, Barcelona.

Umbauten

Wohnen im Turm. Zum Umbau der Tour Moinat in Echandens durch 2b architectes, Lausanne

Innenarchitektur

Räumlich interpretiertes Logo. Shop-Konzept von migrolino von 0815-Architekten

bauen+rechnen

Wachstumstrends in der Dienstleistungsbranche

bauen+rechten

Varianten der Baupflicht

werk-material 01.09 / 582

Mit Ortsanschluss

Tibor Joanelly

Neubau Alters- und Pflegezentrum Lanzeln in Stäfa von Bob Gysin + Partner BGP Architekten

Gartenseite Ostflügel des Alterszentrums Lanzeln in Stäfa von Bob Gysin

werk-material 01.08 / 583

Private Öffentlichkeit

Caspar Schärer

Résidence et Domaine Le Littoral in Bevaix von GeninascaDelefortrie SA (Altersheim)

Hauptfassade mit Eingang: Résidence et Domaine Le Littoral in Bevaix

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