3 – 2014

Wald und Holz

Heimisches Holz verspricht beim Bauen bessere Gefühle – nicht ganz anders als frisches Gemüse vom Markt. Doch während der Holzbau boomt, darbt die Waldwirtschaft, und holzverarbeitende Betriebe finden ihr Auskommen nur mit Innovationen, die oft auf altes Wissen zurückgreifen. Vielleicht wäre es ökonomisch sinnvoller und im Sinn des Naturschutzes sogar richtig, das Holz am Boden liegen und den Wald in Ruhe zu lassen – und stattdessen finnische Fichten zu importieren? Die Schweiz, ein Biosphärenpark mit Holzhäusern aus nordischem Nadelholz? Diese Fiktion ignoriert Fragen regionaler Wirtschaftskreisläufe ebenso wie den Schutz vor Naturgefahren. Aus dem Dualismus von natürlichem Wald und produktiver Stadt erklären sich manche Tabus, die den Wald in der Schweiz umgeben. Solche Widersprüche und Denkblockaden geht dieses Heft nach. Wir schauen für einmal in umgekehrter Richtung, vom Wald her zum Holz und zum Haus. Wir bewegen uns auf den Spuren der Holzwirtschaft und berichten über Laubholz als innovatives Baumaterial.

Leseprobe

Wald ist Kulturlandschaft

Warum nicht im Wald bauen?

Daniel Kurz

Tabus und feste Denkfiguren bestimmen die Diskussionen um den Wald. Doch dieser ist selten reine Natur, sondern vielmehr Teil einer sich verändernden Kulturlandschaft. Einprägsame Bilder schärfen den Blick für die Verschiedenheit der Waldtypen, die aus planmässiger Bewirtschaftung – oft über Jahrhunderte – entstanden sind.

Mittelwald: Jahrhundertelang war Holz eine äusserst knappe Ressource, und die Gewinnung von Brennholz und höherwertigem Bauholz standen in Konkurrenz zueinander. Die seit dem Hochmittelalter überall in Europa verbreitete Wirtschaftsform des Mittelwaldes kombiniert beides: In einer oberen Schicht wuchsen grosse Buchen, Eichen und Fichten über lange Zeiträume heran; das Unterholz hingegen wurde alle zwanzig bis dreissig Jahre geschlagen – und wuchs aus den Wurzelstöcken schnell wieder nach. Zudem diente der Mittelwald auch als Waldweide für Rinder, Ziegen und Schweine. Der Mittelwald war die typische Wirtschaftsform der bäuerlichen Selbstversorgung. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden stattdessen Forste angelegt, die eine Maximierung des Holzertrags anstrebten. Wo heute noch Mittelwaldreste bestehen, werden diese wegen ihrer hohen Biodiversität oft verstärkt gepflegt.

Scheune mit Anspruch

Produktionshalle in Alpnach von Seilerlinhart

Barbara Wiskemann, Rasmus Norlander (Bilder)

Ganz in naturbelassenem Holz gehalten, mit einem überstehenden Dach versehen und mit grossen Holzschindeln verkleidet, erinnert die neue Holzbauhalle an ein landwirtschaftliches Gebäude, und das ist auch nicht ganz falsch. Das grosse Volumen erinnert im Ausdruck an eine Scheune – veredelt nicht nur durch den Mantel aus Schindeln, sondern auch durch die Proportionen von Vordach und Öffnungen.

Erstaunlich schlanke Stützen tragen mächtige Brettschichtholz-Fachwerkträger; aus Holz ist sogar der horizontale Träger der Kranbahn.

Licht – und ein Duft von Wald

Jugendhotel Punkl in Ravne na Koroškem (SLO) von Arrea

Tadej Glažar, Miran Kambič (Bilder)

Sloweniens Landschaft ist reich an Waldbeständen, das Land selbst aber arm an öffentlichen Bauten aus Holz. Das teilweise mit EU-Mitteln unterstützte Projekt soll als Vorbild dienen und die lokale Holzwirtschaft ankurbeln. Gleichzeitig weckt die Architektur unsere Kindheitserinnerungen an den Wald.

Originaltext Slowenisch

Zwei grosse Eichen vor dem Hotel stimmen den Besucher auf das hölzerne Haus ein.

Der gelichtete Wald

Genese eines landschaftsarchitektonischen Motivs

Albert Kirchengast

Saum und Lichtung: Es sind die Grenzen zwischen dem dunklen Körper des Waldes und dem offenen Land, die beide als Kategorien wahrnehmbar werden lassen. Zum gestalterischen Motiv geworden, organisiert der Saum der Lichtung unsere Wahrnehmung – Albert Kirchengast entführt auf eine gelehrte Kunstreise in die kunstpsychologischen Tiefen der Waldwahrnehmung.

Erhard Etzlaub gestaltete den «Nürnberger Waldplan» im Auftrag des städtischen Rates. Der Reichswald nördlich und südöstlich der Stadt misst rund 25 000 Hektar. Bereits 1385 verfügte man in Nürnberg eine Bannmeile in Stadtnähe, um die Ausplünderung der Forste («Baumfrevel») zu verhindern. Quelle: Germanisches
Nationalmuseum Nürnberg.

Laubholz am Wendepunkt

Innovationen für die Holzbaubranche

Milena Conzetti

Im Schweizer Wald stehen über dreissig Prozent Laubholz. Doch am Bau wird fast nur Nadelholz verwendet: Die holzverarbeitende Branche hält noch sehr wenige preiswerte Bauteile aus Laubholz bereit. Einzelne Holzbaubetriebe entwickeln innovative Technologien, um die Lücke zu schliessen. Denn Laubholz hat wegen seiner hohen Festigkeit das Potenzial, Stahl und Beton zu ersetzen.

Parkgarage Innerarosa: Im Winter Parkgarage, im Sommer Tennisplatz. Das 2010 erbaute stützenfreie Holzdach konnte in dieser Form nur mit Brettschichtholz aus Esche realisiert werden: dieses erlaubte wegen seiner höheren Festigkeit um 60 Prozent reduzierte Dimensionen. Da Esche dreimal so teuer ist wie reine Fichtenholzträger, kam es nur dort zum Einsatz, wo es zwingend nötig war. Da Normen fehlen, musste die Tragkraft durch Versuche nachgewiesen werden.

Hand aufs Holz

Haus in Krumbach (A) von Bernardo Bader

Roland Züger, Manuela Heinz (Bilder)

An eine Scheune erinnert das Wohnhaus, das Bernardo Bader am Rand von Krumbach im Bregenzerwald baute. Seine abstrakte Figur formuliert das Urbild eines Hauses, so wie es Kinder zeichnen. Doch das Haus gründet tief am Ort, mit nach dem Mondkalender geschlagenem Holz aus dem eigenen Wald und Lehmziegeln, deren Material der Baugrube entstammt.

Im hohen Wohnzimmer ist das behagliche Kleid aus familieneigenem Holz in seiner archaischen Zeltform am besten spürbar. Der gravitätische Ofen aus Schwarzstahl zoniert den Raum.

Haus aus eigenem Anbau

Forstwerkhof Albisgüetli in Zürich von Fahrländer Scherrer, Zürich

Christoph Schindler, Hannes Henz (Bilder)

Fahrländer Scherrer bauten für die Stadt Zürich einen kleinen Forstwerkhof, der auf seinen Standort am Fuss des Uetlibergs Bezug nimmt und Holz innovativ verwendet: Bei der Erweiterung des Betriebsgebäudes besinnen sich Bauherrschaft und Architekten auf die Alleinstellungsmerkmale des Zürcher Stadtwalds und rücken neben der Buche die am Uetliberg einzigartige Eibe ins Rampenlicht.

Der Neubau des Forstwerkhof Albisgüetli in Zürich im frischen Kleid aus Eibenschindeln.

Debatte

Schnelle Tramstrecken zerstören den öffentlichen Raum, behaupteten wir in Heft 10-2013. Nur schnelle und zuverlässige Tramverbindungen sind erfolgreich, kontert der Verkehrsexperte Ulrich Weidmann.

Wettbewerb

Studienauftrag Neubau Gebäude 141, Areal Lagerplatz in Winterthur

Recht

Vertragsparteien

Bücher

Ikonen der Ingenieurkunst – Schweizer Bahnbrücken und 100 Jahre Schweizerischer Werkbund

Ausstellungen

Unter dem Titel «Mensch – Raum – Maschine» reflektiert das Bauhaus Dessau die Arbeit seiner Gründergeneration für das Theater, das zu einem neuen Menschenbild beitragen soll.

Nachruf

Peter Sigrist, 1970–2014

Zeitzeichen

In der Behälterstadt

Peter Meyer (1932) und Benedikt Loderer (2014)

1932 sieht der Werk-Redaktor Peter Meyer im Fabrikbau das genuine Arbeitsfeld für die Architektur des Neuen Bauens. 2014 besucht Benedikt Loderer eine Premium-Industriezone und findet grobe, präzise und dekorierte architekturfreie Behälter.

Fabrik kosmetischer Produkte Phebel in Puteaux bei Paris, Architekt Rymond Nicolas, Paris

Mehr Architektur wagen!

Partizipative Wohnbauprojekte in Berlin-Kreuzberg und Hamburg-Wilhelmsburg

Olaf Bartels

Gemeinschaftliche Räume und vereinbarte Ausbaustandards waren die Themen im partizipativen Planungsprozess für das Baugruppenhaus «R50» in Berlin von ifau mit Jesko Fezer und Heide & von Beckerath. Das Konzept des Hamburger IBA-Wohnhauses «Grundbau und Siedler» von BeL Sozietät für Architektur beruht auf individuellem Selbstbau.

Anders als von den Architekten gedacht, haben die Stockwerk Eigentümer einen einheitlichen Ausdruck gesucht und BeL-Architekten auch mit dem Fassadenentwurf betraut. Das Haus nimmt jedoch alle möglichen Grundrisse von Zellentypus bis zum Loft auf.

werk-material 02.01 / 630

K wie Kindergarten

Tibor Joanelly

Doppelkindergarten Haspelweg in Bern von Kast Kaeppeli Architekten, Bern / Basel

Der Doppelkindergarten Haspelweg in Bern mit zentralem Erschliessungsraum mit Garderobe.

werk-material 02.01 / 631

K wie Kindergarten

Tibor Joanelly

Kindergarten Schulstrasse in Aadorf von Karamuk*Kuo Architekten, Zürich

Freibespielbare Erschliessungszone im Kindergarten Schulhausstrasse in Aadorf.

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