10 – 2014

Strassenräume

In der Schweiz sind die Strassen oftmals enger, der viel beschworene Dichtestress ist nicht nur in der S-Bahn fühlbar, sondern auch im Strassenverkehr. Die Strasse ist daher in der Schweiz ein ideologischer Kampfplatz: Geht es um die freie Fahrt, kippen die Debatten oft ins Irrationale. Und die Lobby-Vertreter – Auto- oder Velofahrer, ÖV-Planerinnen und Behinderte – verbeissen sich in die Durchsetzung ihrer partikularen Einzelinteressen. Die Schweiz hält ihre Infrastruktur in perfektem Zustand: Milliarden werden jedes Jahr in die Erneuerung und den Ausbau der Strassen und der unterirdischen Leitungsnetze investiert. Wenn auch nur ein kleiner Teil dieser Summen der Verbesserung der Lebensbedinungen und der Gestaltung zugute käme, argumentiert die Zürcher Landschaftsarchitektin Jacqueline Parish, würden Städte und Ortschaften ein ganz anderes Bild abgeben. Wir zeigen gelungene Ansätze und ergänzen sie durch zwei ganz anders geartete Blicke auf den öffentlichen Raum in Kyōto und in Lausanne.

Leseprobe: Das Wunder von Wiedikon

Mobilität als Erlebnis

Kopenhagens Konzepte für den Langsamverkehr

Maximilian Müller und Marie Bruun Yde

Kopenhagen investiert in die bewohnerfreundliche Umgebung des öffentlichen Raums. Im Zentrum steht die Förderung des Veloverkehrs. Bequeme Fahrradrouten über lange Distanzen sind ein Exportschlager geworden. Verkehrsplanung und Design gehen Hand in Hand in der Schaffung attraktiver Stadträume. Was sind die Erfolgsfaktoren und wie konnte sich die Fahrradkultur in Kopenhagen zum angesagten Lebensgefühl entwickeln? Warum keine Velobahnen in der Schweiz? Das fragt Daniel Kurz im Kommentar.

Originaltext Dänisch

Kalvebod Bølge – die Welle – macht als dreidimensional geschwungene Uferpromenade die Wasserfläche des Innenhafens erlebbar.

Verwilderung

«Lausanne Jardins»

Simon Tanner (Bilder)

Alle fünf Jahre verwandelt «Lausanne Jardins» – 1997 von Lorette Coen begründet – öffentliche Orte und versteckte Winkel der Stadt. Der junge Fotograf Simon Tanner hat diesen Sommer Lausanne besucht und inszeniert im nächtlichen Licht die ephemeren Verzauberungen als mögliche Vorboten einer allmählichen Überwucherung des Gebauten durch eine unbändige Vegetation.

Racines / Wurzeln
Bâtiment administratif de Chaudron
Autoren: Lucas Favre, Fatemeh Bagheri, Paul-Emile Durand, Julie Dekens, Cassie Vernet / Hépia Genf

Konvention und Ausnahme

Der Umgang mit dem öffentlichen Raum in Japan

Christian Tschumi

Strenge soziale Normen bestimmen das Alltagsleben auf Japans Strassen, von Öffentlichkeit im europäischen Sinn kann dort nicht die Rede sein. Am Ufer eines technisch begradigten Flusses in Kyōto jedoch suchen sich die Menschen Freiräume und Erholung.

Freiraum wird Parkraum, der sich aneignen lässt: Musik- und Tanzdarbietungen.

Das Wunder von Wiedikon

Die (fast) unglaubliche Geschichte der Weststrasse in Zürich

Caspar Schärer, Corina Flühmann (Bilder)

Von einem Tag auf den anderen wurde die als «Auspuff der Nation» bekannte Zürcher Weststrasse 2009 zu einem Ort der Stille. Die «flankierenden Massnahmen», die den Bau der Zürcher Westumfahrung begleiteten, mussten zuvor jedoch bis vor Bundesgericht erstritten werden. Eine unauffällige, sachliche Gestaltung kennzeichnet die rehabilitierten Strassenräume und kleinen Plätze: So bleibt Raum für Unvorhergesehenes.

Verwandlung der Transitachse in eine Quartierstrasse: Der Kran verweist auf die umfassende Aufwertungsbewegung, ausgelöst
durch die Verkehrsberuhigung.

Koexistenz im Verkehr

Das Berner Modell

Fritz Kobi

Das «Berner Modell» der Verkehrsplanung fokussiert nicht allein auf die Strasse, sondern bezieht das Umfeld, den Siedlungsraum mit ein und stützt sich auf interdisziplinäre, partizipative Planung. Die Verträglichkeit und nicht die Kapazität bestimmt das Mass des Verkehrs.

Das Zentrum Köniz nach der Umgestaltung 2004: Für Bus und Autos nur eine Fahrspur, das Überqueren der Strasse ist jederzeit überall erlaubt.

Kopernikanische Wende

Ortsdurchfahrt St. Imier von RWB Jura

Jürg Dietiker

St. Imier im Berner Jura hat seine verkehrsreiche Hauptstrasse als öffentlichen Raum zurückgewonnen. Erstmals gilt auf einer Kantonsstrasse Tempo 30. Menschen, erklärt der Verkehrsplaner Jürg Dietiker, und nicht ihre Fahrzeuge bestimmen das Verkehrsgeschehen. Sie verändern ihr Verhalten, wenn die Gestaltung des Strassenraums dies als vernünftig erscheinen lässt: Verunsicherung lädt zur Rücksichtnahme und Koexistenz ein.

Die Ortsdurchfahrt in St. Imkier nach der Umgestaltung.

Debatte

Architekturtheorie ist kein Selbstzweck und mehr als die Legitimation von Bauten. Der Zürcher Architekt Hans Frei zeigt, wie sie zur Erneuerung der Architektur beitragen kann.

Wettbewerb

Lernen im Atelier. Wettbewerb für einen Ersatzneubau der Sekundarschule Laufen BL. 1. Rang Atelier Himmelslicht, Thomas Fischer Architekten mit Confirm und Koepfli Partner (Landschaft), Zürich

Markt

Wohneigentum – Überangebot? Strategien gegen hartnäckige Leerstände

Recht

Bauprofile sind eine schweizerische Spezialität. Sie machen die Tragweite von Bauvorhaben augenfällig, ihre rechtliche Bedeutung hat jedoch Grenzen.

Zeitzeichen

Das Paradox der Verdichtung

Ernst Hubeli (1986), Francesco Della Casa (2014)

1986 warnt der Werk-Redaktor Ernst Hubeli bereits vor der Gentrifizierung als Folge der Wiederentdeckung der Stadt. 2014 geht Francesco Della Casa den sozialen Prozessen nach, die mit der Verdichtung in Zeiten der Globalisierung einhergehen: Die Fragmentierung der Wahrnehmungen und Interessen verunmöglichen allgemein gültige Ansätze, nicht aber lokale Koalitionen und Allianzen, die partizipativ an der Planung Teil haben.

Originaltext Französisch

Im Geist der Tendenza

Kantonales Verwaltungszentrum 3 in Bellinzona von Luigi Snozzi und Snozzi Groisman & Groisman

Luca Pessina, Filippo Simonetti (Bilder)

Zwanzig Jahre nach dem gewonnenen Wettbewerb realisierten Sabine Snozzi Groisman, Gustavo Groisman und der Altmeister Luigi Snozzi in Bellinzona für den Kanton Tessin das Stabile Amministrativo 3.

Originaltext Italienisch

Pilotis, offenes Erdgeschoss und Turm: Luigi Snozzi, Mitbegründer der «Tendenza», führt mit seiner Tochter und deren Ehemann moderne Architektur und Geschichte zusammen.

Ein Zuhause für eine Bank

Lorenzo Felders neuer Kern für ein Geschäftshaus in Lugano

Sonja Hildebrand, Pino Brioschi (Bilder)

Mitten in Lugano schuf Lorenzo Felder für den Sitz einer Privatbank Geschäftsräume, die Wohnlichkeit ausstrahlen. Schade nur, dass die Bank bereits nicht mehr existiert.

Die denkmalgeschützte, 200-jährige Fassade unter ihresgleichen an der Piazza Riforma in Lugano (links, in Frontansicht und mit hellem
Putz). Die aktuelle Erscheinung erhielt sie Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Tessiner Architekten Giuseppe Pagani.

werk-material 01.02 / 640

Learning from São Paulo

Francesco Buzzi, Nelson Kon (Bilder)

Wohnhaus Casa Pico in Lugano von Angelo Bucci, São Paulo und Baserga Mozzetti architetti, Muralto

Originaltext Italienisch

Scharf geschnittene Wandelemente aus Glas oder Holz kontrastieren mit der organischen Grundrissform der Palazzina: Casa Pico in Lugano von SPBR arquitetos, Angelo Bucci, São Paulo und Baserga Mozzetti architetti, Muralto

werk-material 01.02 / 641

Einfach bauen?

Beda Troxler, Roger Frei (Bilder)

Wohnhaus Schönegg in Uster von Wild Bär Heule Architekten, Zürich

Das Zusammenspiel von Texturen, Öffnungen sowie horizontalen und vertikalen Volumenerweiterungen erzeugt skulpturale Wirkung: Mehrfamilienhaus in Uster von Wild Bär Heule Architekten, Zürich.

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