12–2014

Drei Schweden

Die drei schwedischen Architekten der Nachkriegszeit Klas Anshelm, Bengt Edman und Bernt Nyberg sind eine Entdeckung. Es gibt Bezüge, die unser heutiges Schaffen mit ihnen verbindet: Die Suche nach einem elementaren und authentischen Ausdruck der Architektur oder die Frage, wie man moderne Architektur mit traditionellem Handwerk oder Material verbinden kann. Die Architekten können mit ihrem Interesse an Konstruktion und Material als Weggefährten des New Brutalism gelten, dessen direkter Ausdruck und Authentizität heute von grosser Aktualität sind. Trotzdem sind die drei aus Lund in der Schweiz weitgehend unbekannt und eine eigentliche Entdeckung. Für diese Monografie hat Christoph Wieser als Gastredaktor seine Recherchen zur skandinavischen Architektur weitergeführt. Diese und das nordische Design waren in der Nachkriegszeit prägend für die Schweiz, das neutrale Schweden wurde oft mit der Schweiz verglichen. Hier nimmt das Heft anhand dreier auf eigenen Wegen forschender Architekten den Faden wieder auf. Am Weg der schwedischen Architektur ist erkennbar, welchen Einfluss die zentralistische Steuerung des Bauwesens nehmen kann. Waren beide Länder, Schweden und die Schweiz in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg noch Vorbilder für eine Weiterführung, ja Humanisierung der Moderne, so stehen sie heute an gänzlich unterschiedlicher Stelle.

Leseprobe

Gefügt, nicht gegossen

Zur Aktualität der schwedischen Nachkriegsarchitektur

Tibor Joanelly und Roland Züger

Die drei schwedischen Architekten der Nachkriegszeit Klas Anshelm, Bengt Edman und Bernt Nyberg sind eine Entdeckung. Das Werk der «Drei aus Lund» scheint uns weit entrückt, der Blick darauf ein romantischer. Bei genauer Betrachtung gibt es Bezüge, die unser heutiges Schaffen mit ihnen verbindet: Die Suche nach einem elementaren und dadurch authentischen Ausdruck der Architektur oder die Frage, wie man moderne Architektur mit traditionellem Handwerk oder Material gestalten kann.

Für den 80-jährigen Sigurd Lewerentz entwarf Klas Anshelm einen Atelier-Anbau an das eigene Haus. Zwischen Alt und Neu geriet die kleine Treppe zum Kunstwerk.

Die Logik der Architektur

Klas Anshelm, Bengt Edman und Bernt Nyberg im schwedischen Kontext

Claes Caldenby, Ioana Marinescu und Christoph Wieser (Bilder)

Das Werk von Klas Anshelm, Bengt Edman und Bernt Nyberg konnte nur in einer Nische gedeihen. Denn im Umfeld des wohlfahrtsstaatlichen schwedischen Wohnungsbaus war für einen forschungsorientierten Arbeitsansatz mit starker Präsenz von Handwerk und Material wenig Platz. In den sechziger und siebziger Jahren übernahmen Bauherren und Baufirmen das Zepter, Politiker bestimmten die Prozesse. Die Nähe zum Bau stand auf dem Spiel. Die Biografien der drei Architekten berührten sich nur punktuell. Allen gemein war der Bezug zu Sigurd Lewerentz, für den Anshelm sogar einen Alterssitz gebaut hat.

Originaltext Schwedisch

Bengt Edman, 1921–2000 (links), Klas Anshelm, 1914–1980 (Mitte) und Bernt Nyberg, 1927–1978 (rechts)

Kontinuität und Experiment

Klas Anshelm

Christoph Wieser, Ioana Marinescu (Bilder)

Klas Anshelms Ziel war ein vereinfachtes Bauen, die ungeschminkte Zurschaustellung der einzelnen Teile und ihrer Zusammensetzung. Dabei agierte er radikal pragmatisch, einfallsreich und experimentell; gleichzeitig bleiben seine Bauten in Ort und im Handwerk verankert. Der älteste der in diesem Heft vorgestellten Architekten weist ein reiches Oeuvre von hundert Neubauten auf. Es ist gekennzeichnet von einer rationellen Arbeitsweise, oft kehrt Bewährtes wieder, die Grundrisse stehen im Bann repetitiver Strukturen. Seine Architektur kommt mit wenigen Materialien aus. Gleichzeitig wird sie durch betörende Details lebendig.

Klas Anshelm, Kunsthalle Malmö (1973). Das grösste von 550 Oberlichtern.

Handwerk und System

Bengt Edman

Tomas Lewan, Ioana Marinescu und Christoph Wieser (Bilder)

Handwerk und Bausystem sind im Werk von Bengt Edman innigst verbunden. Mit seinen Ziegelbauten hat Edman in einer Nische der Architektur gewirkt. Der experimentelle Charakter der Villa Göth und ihr elementarer Ausdruck haben internationale Aufmerksamkeit erreicht. Bei den Grossformen seines Spätwerks stand er im Bann der zentralisierten Bauprogramme des schwedischen Staates. Ob gross oder klein, das systematische Denken prägt Edmans Werk.

Originaltext Schwedisch

Bengt Edman, Studentenwohnungen Vildanden (1965): Flacher Siedlungsteil.

Die Fähigkeit, zu staunen

Bernt Nyberg

Vanja Knocke, Ioana Marinescu und Christoph Wieser (Bilder)

Ob bei der Villa Leander, der Kapelle in Höör, dem Landesarchiv in Lund oder dem «Landstatshuset» in Malmö: Immer greift Bernt Nyberg auf einfache Geometrien zurück – meist ist das Quadrat die ordnende Grundstruktur. Diese Körper leben von ausgereiften Details, die sie geradezu verzaubern. In den Händen Nybergs gewinnt der Backstein körperhafte Präsenz, die Fenster sind zu einem Schlitz gepresst, um die Gravität zu untermalen. Oder er lässt die Blechplatten sich bauchen in Konsequenz seiner gestalterischen Idee.

Originaltext Schwedisch

Bernt Nyberg, Landesarchiv Lund (1971), umgebaut als Studentenhaus 2014

Drei in Lund

«Tre i Lund» aus dem schwedischen Original

Lennart Holm, Katalin Deér (Bild)

Die «Tre i Lund» waren 1978 Thema eines Hefts der schwedischen Zeitschrift «Arkitektur». Der hier übersetzte schwedische Originaltext zeigt auf, dass die drei Architekten keine Schule bilden. Sie begreifen die Architektur als «Materie, die zum Zweck funktioneller Aufgaben gezähmt wurde». Die strukturelle Logik eines Baus und seines Gedankengerüsts leitet auf dem Weg des Entwurfs, die einnehmende Haptik des Materials bestimmt die Wirkung des Baus.

Tre i Lund – Drei in Lund

Architekturführer Lund

Christoph Wieser 

Mit 32 Bauten in Lund von Klas Anshelm, Bengt Edman, Bernt Nyberg und weiteren Architekten: ein unentbehrlicher Reiseführer.

Klas Anshelm, Tetrapak (früher Gleerups Verlag), 1959

Neumitglieder BSA

26 Architektinnen und Architekten wurden 2014 neu in den BSA Bund Schweizer Architekten aufgenommen. Wir stellen die Neumitglieder vor.

Debatte

Der neue «Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz» SNBS will Nachhaltigkeit weit über die Einschränkung des Energieverbrauchs fassen. Seine in Tabellen formulierten Bewertungskritierien haben aber auch Konsequenzen für den Entwurf. Debatte online lesen

Wettbewerb

Urbaner Raum oder zeichenhaftes Objekt. Wettbewerb für einen Neubau der Rechtsfakultät der Universität Freiburg. 1. Rang, 1. Preis Ruprecht Architekten, Zürich

Recht

Verkehrsintensive Nutzungen. Wie viel Ermessensspielraum für die Gemeinden?

Bücher

Die Redaktion empfiehlt vier Bücher als Weihnachtsgeschenk

Zeitzeichen

Effiziente Ineffizienz

Luis Fernández-Galiano (1992), Fabienne Hoelzel (2014)

Zum Abschluss unserer zehnteiligen Jubiläumsserie blicken wir in die Zukunft. Die Architektin und Urbanistin Fabienne Hoelzel fordert ein grundsätzliches Überdenken des Rollenverständnisses der Experten und Expertinnen, um die grosse und wachsende Kluft zur Bevölkerung zu überbrücken.

Fremd und vertraut

Mailänder Spuren in der Zürcher Architektur

Giulio Bettini

Ein fremder Geist geht in Zürich um, beobachtet der junge Architekt Giulio Bettini: Es ist der Geist der Mailänder Nachkriegszeit-Architektur. Erhält die neue Dichte der Stadt durch ihn eine menschlichere Note?

Modulation der Öffnungen: Das Hochhaus Hardturmpark in Zürich von Gmür & Geschwentner Architekten, Zürich 2013 und das Wohnhaus Via Nievo in Mailand von Luigi Caccia Dominioni 1957. Bild links: Giulio Bettini, rechts aus: Roberto Aloi, Nuove architetture a Milano, 1959

werk-material 04.03 / 644

Moderne Tierhaltung und Landschaft

Daniel Kasel, Thomas Jantscher (Bilder)

Neubau Laufstall Gutsbetrieb in Wildenstein BL von Kury Stähelin Architekten Basel und Delémont

Als Nebengebäude einer Schlossanlage sind Volumetrie und Fassadengestaltung des Stalls des Gutsbetriebs Wildenstein von einer subtilen Repräsentativität geprägt.

werk-material 04.03 / 645

Moderne Tierhaltung und Landschaft

Daniel Kasel, Daniel M. Frei (Bilder)

Neubau Laufstall in Haslen AI von Egger-Partner AG, Schönenberg

Innen erscheint der Neubau des Laufstalls zugleich funktional und vertraut.

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