11 – 2014

Weit gespannt

Von den heutigen Bedingungen des Bauens unterliegt die Tragstruktur am wenigstens den gesellschaftlichen Umständen. Gerade aufgrund ihrer nicht hinterfragbaren Eindeutigkeit haben Ingenieurskonstruktionen auch in der Architektur Konjunktur; weit spannende und ungewöhnliche Tragwerke gehören seit Rem Koolhaas' «Maison à Bordeaux» oder Meili, Peters Murausteg zum Entwurfsrepertoire. Der Blick von Architekturentwerfenden auf Tragwerke ist zuallererst ein ästhetischer und weit von der Suche nach Notwendigkeit entfernt, die für die Arbeit der Ingenieure typisch ist; Architekten sind primär an der räumlichen Wirkung eines Tragwerks interessiert, vielleicht auch an seiner konzeptionell vereinheitlichenden Kraft, allenfalls am monumentalen Wert, den es in den Entwurf einschreibt. Doch vielleicht berühren sich genau hier auch die Disziplinen. Aber auch ein Tragwerk folgt einer bildhaften Vorstellung und sie entsteht vor allem aus einem anschaulichen Denken heraus. So finden Tragwerkskonzepte ihre Form nach wie vor am zuverlässigsten mit Bleistift auf Papier. Die Formen der Ingenieure sind also, genau wie diejenigen der Architektur, Bilder vom Bau der Welt und bringen damit verbundende Werte zum Ausdruck.

Leseprobe: Auskragung als Einladung

Grazile Gestalten

Brückenbau im Italien der 1950er und 1960er Jahren

Lukas Ingold und Tobias Erb (Text und Bilder)

Im Italien der Hochkonjunktur entstand eine Infrastrukturlandschaft, in der sich gesellschaftlicher Aufbruch und technischer Fortschritt widerspiegeln. Herausragende Ingenieure und Architekten kultivierten einen Brückenbau, der laufend neue Konzepte und Methoden hervorbrachte. Riccardo Morandi, Silvano Zorzi und Sergio Musmeci prägten auf unterschiedliche Weise die Ingenieurarchitektur; gemeinsam ist ihnen das Selbstverständnis als Forscher und Gestalter und ein ganz grundsätzliches Ideal des Ingenieurbaus.

Der Viadotto Sfalassà bei Bagnara Calabra von Silvano Zorzi. Das ursprünglich rot gefasste Sprengwerk wurde weiss übermalt, mit den gegenwärtigen Ausbauarbeiten werden die Zufahrten neu aufgebaut.

Gezähmte Grösse

Sporthallen Weissenstein in Köniz von Penzel Valier

Stephan Rutishauser, Dominique Uldry (Bilder)

Der Architekt Christian Penzel und der Ingenieur Martin Valier haben bereits bei einigen Grossprojekten gezeigt, wie eng sie Architektur und Statik miteinander verschmelzen. Ihr jüngster Bau steht an der Berner Stadtgrenze zu Köniz: Die Sporthallen Weissenstein sind so übereinander gelegt, dass die Decke der unteren Halle an der oberen hängt, die lediglich an vier Punkten aufliegt. Das grosse Bauvolumen integriert sich so in einen Terrainsprung und tritt trotzdem städtebaulich markant in Erscheinung.

Sporthallen Weissenstein in König von Penzel Valier

Geschmeidige Schwere

Das Elefantenhaus im Zoo Zürich von Markus Schietsch Architekten udn Walt+Galmarini Ingenieure

Tibor Joanelly, Dominique Marc Wehrli (Bilder)

Die 85 Meter überspannende Holzbaukonstruktion des Elefantenhauses im Zoo Zürich regt an zum Nachdenken über «Natürlichkeit» in der Architektur. Zusammen mit den Ingenieuren von Walt+Galmarini entwickelte der Architekt Markus Schietsch in einem anspruchsvollen Entwurfsprozess ein Tragwerk, das sich im Lauf der Planung stark veränderte. Geblieben ist jedoch das Bild einer Erscheinung des Natürlichen.

Das Dach des Elefantenhauses vom Zoo Zürich wölbt sich innen licht und leicht über die thailändisch inszenierte Elefanten-Welt.

Erarbeitete Form

Jürg Conzett, Andrea Pedrazzini und Heinrich Schnetzer im Gespräch

Tibor Joanelly und Caspar Schärer

Weit gespannte Konstruktionen wirken dramatisch und sind auch bei Ingenieuren beliebt. In der Zusammenarbeit mit Architekten ist es wichtig, eine gemeinsame Sprache zu finden; Bilder helfen da zu gegenseitigem Verständnis. Im Gespräch mit drei Bauingenieuren über das Verhältnis von Tragwerk und Architektur sowie die Rollen der am Bau Beteiligten wird deutlich, dass heutige Ingenieursbauwerke kaum mehr durch statische Bedingungen geformt werden.

Elefantenhaus Zürcher Zoo: Die Darstellung der Dachschale veranschaulicht grafisch die numerische Abweichung zwischen dem auf NURBSGitterflächen beruhenden digitalen Modell der Architekten und dem Polygonnetz der Statiker. Eine extra geschriebene Software ermöglichte den Austausch dieser digitalen Modelle und die Abgleichung der statischen Idealform mit der architektonischen Vorstellung.

Auskragung als Einladung

Werkraum-Haus Andelsbuch von Peter Zumthor

Roland Züger

Der Neubau des «Werkraum-Hauses», entworfen von Peter Zumthor, ist das Vorzeigeobjekt der Handwerksbetriebe des Bregenzerwaldes: Unter einem mächtigen, über siebzig Meter langen Dach zeigen sich 85 Werkstätten hinter einer raumhohen Glasfassade im besten Licht. Neben der Funktion als Vitrine, in der die handwerkliche Produktion sichtbar wird, ist das Haus vor allem eines: ein vitaler Treffpunkt.

Das Werkraum-Haus ist Vitrine des Handwerkerschaffens und regionaler Treffpunkt. Unter dem ausladenden Vordach finden Anlässe und manche Festwirtschaft im Freien statt.

Fingerübungen?

Fussgängerstege als Landschaftsinszenierung

Florian Heilmeyer

In der Leichtigkeit, Verspieltheit und Transparenz liegt der Reiz vieler neuer Fussgängerbrücken. Oft ist die Inszenierung des Stadt- oder Landschaftserlebnisses ihre eigentliche Aufgabe. Wir zeigen Beispiele in Lyon, im bayrischen Tirschenreuth und in Purmerend bei Amsterdam.

Auf der Melkwegbrücke in Pulmerend steigen die Fussgänger 65 Stufen in die Höhe. Die flache Fahrradbrücke darunter ist für den
Bootsverkehr verschwenkbar. Architektur NEXT architects, Amsterdam.

Nachrichten

Der Wettbewerb «Erstling», welcher von werk, bauen + wohnen und dem BSA zur Architekturkritik lanciert wurde, förderte unter 39 Eingaben 8 Talente zu Tage.

Debatte

Bei der Revision von Raumplanungsgesetz und -Verordnung haben Lobbyisten mit Detailregelungen das Zepter übernommen, kritisiert Patrick Schoeck-Ritschard. Architekten, Planer und ihre Verbände bringen sich zu wenig in die Diskussion ein.

Wettbewerb

Den Wettbewerb für ein neues Sammlungszentrum der Römerstadt Augusta Raurica in Augst BL konnten Karamuk Kuo Architekten für sich entscheiden. Die Jury bevorzugte ruhig-zurückhaltende Figuren oder Grossformen. Die Absenz farbiger Visualisierungen schuf unerwartete Übersicht.

Recht

Die Verantwortung und das Spektrum der Aufgaben, die mit der Gesamtleitung von Bauten verbunden sind, werden leicht unterschätzt. Sie gehören jedoch zu den Kernaufgaben des Architekten.

Zeitzeichen

Eine Frage?

Werner Haker (1989), Bernard Tschumi (2014)

Wozu Architektur – ist das eine Frage? Bernard Tschumi, Schweizer Architekt in New York und Mitbegründer des Dekonstruktivismus zeigt, dass Architektur mehr ist als blosse Zeichenarbeit. Eine Lanze für das Konzept.

Originaltext Französisch

Klumpen muss man kneten!

Reflexionen über ein urbanistisches Phänomen

Lisa Euler und Tanja Reimer

Wirtschaftliche Gesichtspunkte steuern die Planung jener multifunktionalen Grossstrukturen, die die jungen Autorinnen des diesjährigen BSA-Forschungsstipendiums geradeheraus als «Klumpen» bezeichnen. In ihrer Dichte und städtischen Mischung liegen aber auch immense Potenziale: Man muss die Klumpen nur kneten.

Die Klumpen haben sich durchgesetzt. Sie fügen sich mächtig und massig in die Stadtstruktur ein.

Integrales Denken

Wo lässt sich nachhaltiges Bauen studieren?

Jörg Lamster

Die Hochschulen der Schweiz bieten viele Studiengänge zum nachhaltigen Bauen an, aber keiner erfasst die gesamte Komplexität der heute diskutierten Nachhaltigkeit. Der Modul-Studiengang «EN Bau» der Schweizer Fachhochschulen deckt das breiteste Spektrum ab.

An der Professur für Architektur und Konstruktion von Annette Spiro der ETH Zürich haben Studierende unter der Leitung von Gian Salis den Zusammenhang von Material und architektonischem
Ausdruck untersucht. Dabei konnten in Zusammenarbeit mit Martin Rauch und Andreas Galmarini erstmals tragende Gewölbe aus Stampflehm gebaut werden.

werk-material 06.07 / 642

C'est chic

Laure Nashed, Roland Halbe (Bilder)

Gemeindehaus in Bernex GE von Personeni Raffaele Schärer architectes, Lausanne

Der Neubau des Gemeindehauses in Bernex, GE, präsentiert sich als transparenter Glaskörper. Ansicht mit bestehendem Bau und öffentlichem Platz. Architektur: PRS architectes

werk-material 06.07 / 643

Kleiner Städtebau

Laure Nashed, Yves André (Bilder)

Gemeindezentrum in Genthod GE von Widmann architectes, Genf und Nicolas Fröhlich architectes, Vevey

Weisser Putz, grosse Fenster: das Gemeindezentrum in Genthod, GE, von Widmen Fröhlich architectes.

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