10 – 2015

Dichte und Nähe

Dichte ist mehr ein gefühlter als ein gemessener Wert. Die öffentlichen Klagen und Debatten über Verdichtung korrelieren denn auch nicht mit absoluten Zahlen, sondern vielmehr mit der wahrgenommenen Veränderung in der eigenen Umgebung; und es sind weniger die Bewohner der Kernstädte als jene der Agglomerationen mit halbländlichem Selbstverständnis, die sich darüber Sorgen machen. Mit Grund: denn mit wachsender Dichte wird das Bemühen, die Privatsphäre vor Störungen zu schützen, wirkungslos, und das vertraute Dorfleben verschwindet; das typisch städtische Nebeneinanderleben auf engem Raum weckt Abwehr. Dieses Heft hat nicht den Anspruch, die im politischen Alltag geführte «Dichtedebatte» – die ja auf weite Strecken nur Scheinphänomene aufgreift – abzubilden. Vielmehr wollen wir zeigen, wie bauliche Dichte mit sehr hoher Wohn- und Siedlungsqualität einher gehen kann – und was in einem konventionellen Entwicklungsgebiet fehlt, damit Dichte zum Vorzug werden könnte.

Leseprobe

Disparates im Dialog

Architektur und Städtebau im Hunziker-Areal, Zürich

Francesco Della Casa, Flurina Rothenberger (Bilder)

Das Neubauquartier Hunziker-Areal der Genossenschaft mehr als wohnen im Norden von Zürich zeigt Qualitäten, die Städtebauprojekten dieser Grössenördnung gewöhnlich fehlen: Die Nähe der grossen Gebäude zueinander, das Wechselspiel von Gassen und Plätzen und die höchst unterschiedlichen Architektursprachen der fünf beteiligten Büros sorgen für maximale Diversität. Der Genfer Kantonsarchitekt Francesco Della Casa blickt mit der kritischen Distanz des Romands und aus der Sicht des Planers auf das Wohnexperiment.

Originaltext Französisch

Hunziker-Areal in Zürich: Blick durch den Gassenraum auf die Balkonfront von Haus F (Architektur: Futurafrosch, Zürich).

Regulierter Lebensstil?

Philippe Cabane

Der Basler Soziologe Philippe Cabane nimmt in seinem Kommentar das «mehr» in mehr als wohnen der Wohnüberbauung auf dem Hunziker-Areal kritisch unter die Lupe.

Hunziker-Areal in Zürich: Blick von Osten am Haus G (mit den doppelgeschossigen Einschnitten) vorbei auf die blaue Front von Haus E. Architektur Haus G: pool Architekten, Zürich. Architektur Haus E: Müller Sigrist Architekten, Zürich.

Weiträumig gepackt

Das Hamburger Schlitzhaus

Daniel Kaschub (Text und Bilder)

Das Schlitzhaus: Hinter den hanseatischen Jugendstilfassaden im Norden Hamburgs verbirgt sich eine besondere Gebäudetypologie mit sehr hoher Dichte. Tief in die Hoffassaden eingeschnittene Schlitze ermöglichen im geschlossenen Blockrand eine ungewöhnliche Gebäudetiefe und grosszügige Wohngrundrisse. Heute bietet diese Bauweise eine interessante Referenz.

Grossbürgerliches Wohnen im Schlitzhaus in Hamburg-Harvestehude mit opulenter Strassenfassade und tief eingeschnittener Hofseite.

Versteinerte Ideologie

Gesetze schränken die Dichte ein

Daniel Kurz

Mit den heutigen Baugesetzen und Bauordnungen werden das Gedankengut der Gartenstadtbewegung und die Erfordernisse des Bauens auf der grünen Wiese fortgeschrieben.

Bauordnung der Stadt Zürich 1912. Drei Bauzonen und ihre morphologische Umsetzung.

Krieg und Frieden

Ambivalenzen nachbarschaftlichen Zusammenlebens

Christian Reutlinger

Stadt bedeutet Konflikt. Man muss sie aushalten. Oft genug wird aber entweder durchs Ausweichen ein scheinbarer Frieden erhalten oder aber über Anwälte ein erbitterter Nachbarschaftskrieg geführt.

Der private Aussenraum ist die Kampfzone der Nachbarschaft: Schutz mit allen Mitteln.

Stiefkind Freiraum

Von Diversität und geordneter Unordnung

Petra Hagen Hodgson, Peter Eberhard

Die Diskussion um Grünräume ist am notwendigsten im unmittelbaren Wohnumfeld – weil diese den Grossteil der urbanen Freiräume ausmachen und immer mehr Menschen in einer alternden Gesellschaft auf sie angewiesen sind.

Gemüsebeete zwischen Blumen und Beerensträuchern direkt vor der Haustüre – die Bäume sind noch klein. Metron Architektur, Wohnsiedlung Futura Ecofaubourg, Schlieren, 2014.

Simulierte Dichte

Wenn «Stadt» und «grünes Wohnen» vertauscht werden

Tibor Joanelly

Angesichts der kuratierten Urbanität von Arealentwicklungen verschwindet das Städtische, verstanden als Möglichkeit des Zufalls. Es versteckt sich in konstruierten Inseln der Hyperrealität, einer Wirklichkeit ohne soziale oder im Ort gegründete Herkunft.

Sonnerie im Lochergut, Foto-Arbeit an der Kunstgewerbeschule Zürich von Barnabas Boshaft, 1968.

Don't Believe the Hype!

Bauliche und funktionale Dichte

Franziska Studer, Jens Studer, Urs Primas

Quantitative Dichte ist eine schwungvolle Triebfeder der Stadtentwicklung – aber in erster Linie ein ökonomischer Hebel. Der Markt produziert Dichte, strebt aber zugleich nach minimalem Risiko: So werden Experimente oft im Keim erstickt.

Niedrige Bauhöhe und hohe Interkaktionsdichte: die Highstreet in Londons Stadtteil Camden.

Blickregie vom Wohnregal

Wohnen am Schaffhauserrheinweg in Basel von Jessenvollenweider

Roland Züger, Walter Mair (Bilder)

Die vier dreieckigen Häuser mit abgerundeten Ecken und schwarzbraun gestrichenen Holzfassaden nutzen das Areal am Schaffhauserrheinweg in Basel mit einer AZ von 1.87 aus. Jessenvollenweider Architekten begegnen der hohen Dichte mit umlaufenden Veranden, die das Private der Wohnungen beschirmen und gegenüber den nahen Nachbarn einen Puffer schaffen – eine architektonische Knautschzone.

Von den eingezogenen Loggien bieten sich Ausblicke auf Lindenreihe am Rheinufer: Wohnen am Schaffhauserrheinweg von Jessenvollenweider Architekten.

Inselhopping

Augenschein in drei Neubaugebieten in Zug

Caspar Schärer (Text und Bild)

Auf einem Spaziergang durch drei Neubausiedlungen am nördlichen Stadtrand von Zug untersucht unser Redaktor zusammen mit dem Architekten und Autor Eberhard Tröger die subjektive Wirkung unterschiedlicher Bebauungsdichten. Sie betrachten dabei weniger die Architektur als die Beschaffenheit der Aussenräume.

Kompakt und gepflegt präsentiert sich der Aussenraum im Inneren der Überbauung Feldpark in Zug. Architektur: Wiederkehr Krummenacher Architekten.

Debatte

Der Architekt und die «saine horreur de la monotonie». Ein Beitrag von Andri Gerber

Wettbewerb

Die Schweizer Kapuzinerprovinz möchte das Areal ihres Klosters Wesemlin in Luzern für Wohnungsbau öffnen. Marques Architekten gewannen den Studienauftrag mit einem freistehenden Neubau, der sich aus der Klosteranlage löst, Optionen für ein typologisches Weiterbauen des Bestands wurden von der Jury verworfen.

Recht

Reservationszahlungen beim Hauskauf

Markt

Verdichtung in den Städten. Wie viel geht noch?

Nachruf

Jean-Marc Lamunière, 1925–2015
Originaltext Französisch

Bücher

Ein echter Beitrag zur Dichte-Debatte: Dietmar Eberle und Eberhard Tröger legen ein über 500 Seiten mächtiges Werk zur atmosphärischen Qualität von Dichte vor – Joris Van Wezemael bespricht es in einer präzisen Rezension.

Erstling: Perceptivités

Le Temple de Fontenay de Henri Beauclair à Yverdon

Quentin Tonnerre, Antoine Girardon, Jérémie Jobin

Anhand der kaum bekannten Kirche Temple de Fontenay in Yverdon des 1932 geborenen Pariser Architekten Henri Beauclair überprüfen drei Studenten die Wahrnehmung von Architektur auch durch Nicht-Eingeweihte. Der Text ist in der Originalsprache Französisch publiziert.

Die Kirche Le Temple de Fontenay in Yverdon.

Eins plus eins gleich eins+

Erweiterung der Kantonsschule Heerbrugg durch Huggenbergfries

Martin Tschanz

Die Anlage der Kantonsschule Heerbrugg ist nach ihrer Erweiterung durch das Zürcher Architekturbüro Huggenbergerfries ein Amalgam, in dem sich Alt und Neu kaum noch unterscheiden.

Grosszügiger Vorplatz mit der überhohen Mensa als Sockel des neuen Kopfbaus: Kantonsschule Heerbrugg. Architektur: huggenbergerfries Architekten, Zürich

Baden mit Bachstelzen

Der Murg-Auen-Park in Frauenfeld von Staufer & Hasler

Sabine Wolf, Roland Bernath (Bilder)

Dank der Initiative des Architekten Thomas Hasler konnte in Frauenfeld ein 55 000 Quadratmeter grosses Armeegelände in einen Auenpark an der Murg umgewandelt werden.

Die Schwarzpappelbrücke überquert in doppeltem Schwung den Altlauf der Murg und macht ihn so erlebbar. Eine schlanke Betonkonstruktion trägt die auskragende Balkenlage des Gehwegs. Architektur: Staufer & Hasler Architekten, St. Gallen

werk-material 01.03 / 660

Räume in der Textur in der Stadt

Tibor Joanelly, Roger Frei (Bilder)

Neubau Haus Obstverband in Zug von Deon Architekten, Luzern

Hinter dem Hochhaus des Obstverbandes an der Strasse beginnt sogleich eine aufgelockerte Bebauung: die parkartig gestaltete Umgebung gehört zum benachbarten Schulhaus.

werk-material 01.03 / 661

Zwischen Le Corbusier und Le Lignon

Rahel Hartmann Schweizer, Bruno Kuster & Lucia Frey (Bilder)

Wohnhochhaus Hirzenbach in Zürich von Boltshauser Architekten, Zürich

Hoch- und Flachbau sowie Textur und Elementkonstruktion sind Reverenzen an die modernistischen Bauten der Umgebung: Wohnhochhaus Hirzenbach in Zürich von Boltshauser Architekten, Zürich.

Lesen Sie werk, bauen + wohnen im Abo und verpassen Sie keine Ausgabe oder bestellen Sie diese Einzelausgabe