4 – 2016

Projekt Arbeit

Meldungen über Produktionsverlagerungen, Entlassungen und Betriebsschliessungen jagen sich gegenwärtig. Das Schlagwort Industrie 4.0 verheisst mit der digitalen Integration ganzer Produktions- und Dienstleistungsketten tiefgreifenden Wandel. Gleichzeitig regt sich ein neuer Trend, die Wiederansiedlung der Produktion unmittelbar in den Städten, direkt vor der Haustür: In kleinen FabLabs und mit Hilfe von 3D-Druckern sollen Alltagsgüter repariert oder sogar ganz hergestellt werden. Bei den Recherchen zu diesem Heft gelangten wir zur These, dass weder das eine noch das andere für sich alleine dem entspricht, was auf uns zukommt. Wir glauben, dass es kein Zufall ist, wenn wir in kurzer Zeit mehrere Industriebauten besichtigt haben, die Produktion oder angewandte Forschung mit Büroarbeit verbinden. Die durch solche räumliche Nähe beharrlich angemahnte Innovation muss mehr sein als der sprichwörtliche Strohhalm, an den sich Europa klammert: Unser Kontinent ist darin nach den USA noch immer führend, dies hat tiefliegende mentale Gründe. Der Architektur kam bei einigen der in diesem Heft vorgestellten Beispiele eine mehrfache Aufgabe zu: Als Repräsentation einer Geschäftsidee, als Mittlerin von Innovation und als direkte Ermöglicherin von Entwicklungsprozessen durch die clevere räumliche Organisation – man kann auch sagen: durch Typologie.

Leseprobe

Kopf und Hand

Das Innovationszentrum von Hilti in Schaan von Giuliani Hönger Architekten

Tibor Joanelly, Walter Mair (Bilder)

Für die Liechtensteiner Firma Hilti bauten Giuliani Hönger Architekten ein Innovationszentrum in Schaan. Der langgestreckte Bau dient der Entwicklung und Erprobung neuer Produkte und Dienstleistungen. Bei der Konzeption des Gebäudes spielte die unmittelbare räumliche Nähe der verschiedenen Bereiche eine entscheidende Rolle. Dies führte zu einer hofartigen Typologie, bei der Werkstätten, Labors und offene Büroflächen die zentrale Versuchshalle umgeben.

Im Innovationszentrum von Hilti in Schaan von Giuliani Hönger Architekten steht die Halle für Versuche im Mittelpunkt. Am Werkstoff Beton werden neue Produkte auf ihre Wirksamkeit getestet.

Vom Konzept in die Realität

Eine agile und multifunktionale Arbeitswelt entsteht

Wilhelm Bauer und Jörg Kelter

An der Erstellung des Pflichtenhefts für das neue Innovationszentrum von Hilti war das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO intensiv beteiligt. Seine Experten unterziehen den fertigen Bau einem Faktencheck.

Auszug aus dem entwickelten Funktionsstruktur-Diagramm für das Hilti Innovationszentrum («Proximity Chart»)

Veredelter Funktionalismus

Hauptquartier Sky-Frame in Frauenfeld von Peter Kunz, Atelier Strut

Caspar Schärer, Claudia Luperto (Bilder)

Für die Fensterbaufirma Sky-Frame bauten Peter Kunz, Atelier Strut in Frauenfeld einen neuen Produktions- und Hauptsitz. Flexibilität der Raumstruktur und gleichwertige Arbeitsplätze mit hoher Aufenthaltsqualität zeichnen den Neubau aus. Ein hängender Garten schmückt die Hauptfassade, und der Hof des Dachgeschosses steht allen Mitarbeitenden offen.

Glasmontage im Erdgeschoss: Ein Mitarbeiter von Sky-Frame bereitet die Qualitätskontrolle vor.

Wie ein Dorf

Industriepark für HAWE Kaufbeuren von Barkow Leibinger Architekten

Christian Marquart, David Franck (Bilder)

Beim Münchner Mittelständler HAWE, der seine Hydraulik-Systeme in einem neuen Industriepark im Allgäu produziert, sind nur noch wenige Arbeiter unterwegs. Unter dem Shed-Licht der vier Produktionshallen surren emsig Roboter und Automaten. Das Layout der Fabrik folgt präzise der Logik des Warenflusses. So sitzen die Büros, Kommandobrücken gleich, zwischen den Hallen. Von dort aus hat man alles im Blick und unter Kontrolle.

Direkt angrenzend an die Shedhallen liegen die Büros und Besprechungsräume der Ingenieure. Von hier aus haben sie die Produktion im Blick. Diese Zonen sind strukturell zwischen die Hallen eingepasst. HAWE in Kaufbeuren von Barkow Leibinger Architekten.

Noch ein bisschen Geduld …

Revolution durch den 3D-Druck?

Marc Frochaux

Der 3D-Drucker lässt die Träume ganz hoch fliegen: Bald schon lassen sich ganze Städte ausdrucken, heisst es allenthalben. Tatsächlich leistet die Technik bereits heute Erstaunliches, und zahlreiche kluge Köpfe arbeiten theoretisch und praktisch intensiv an der Weiterentwicklung des 3D-Drucks. Aber gerade die langlebige Architektur erweist sich als zähes Terrain.

Originaltext Französisch

Stereotomie wird zur Archäologie: Nachdem sie Schicht um Schicht gedruckt wurden, werden die Objekte von D-Shape aus ihrem Sandbett ausgegraben.

Prototyping in der Werfthalle

Industrie und Maker Movement im Brooklyn Navy Yard

Kaja Kühl, John Bartelstone (Bilder)

Der 120 Hektaren grosse Brooklyn Navy Yard, wo einst 70 000 Werftarbeiter Schiffe für die US-Marine bauten, rostete jahrzehntelang vor sich hin, bis ihn die Stadt New York zur Ansiedlung neuer Industrien bestimmte. Seither bezogen vor allem neu gegründete Betriebe des Maker Movement – vom Lebensmittelhersteller über Rooftop-Farmer bis hin zu Co-Working-Büros und Hightech-Firmen die denkmalgeschützten Bauten am East River – dank städtischem Schutz trotzt das Gewerbe dem Druck der Immobilienspekulation.

Backstein, gepflasterte Strassen und rostiges Eisen: Der Navy Yard in New York vor seiner Wiederbelebung.

Erstling

Jetzt teilnehmen! werk, bauen + wohnen und der BSA Schweiz haben den Wettbewerb Erstling zur Architekturkritik ausgeschrieben. Gesucht werden kluge Texte über neu entdeckte Erstlingswerke.

Debatte

In Heft 6 – 2015 hat Tibor Joanelly das Phänomen des Neuen Realismus in Verbindung zur neueren Deutschschweizer Architektur gebracht. In einem zweiten Aufsatz sagt er, wie man mit dem Neuen Realismus navigieren kann.

Wettbewerb

Zwei Wettbewerbe wurden in Mendrisio auf benachbarten Grundstücken und nahezu zur gleichen Zeit ausgelobt: Erweiterungen für das Spital Beata Vergine und die Accademia di architettura. Die Resultate hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck.

Recht

Terrassenhäuser können als Stockwerkeigentum organisiert sein oder als Einzelparzellen mit Überbaurecht. Kritisch wird es in beiden Fällen, wenn Renovationen an der Gebäudehülle
anstehen.

Kolumne: Architektur ist … (nur nicht) Einschlafen

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

«Let’s work really hard!»: Wer Architektur macht, kennt durchwachte Nächte. Im grossartigsten Architekturbüro der Welt wird eine Stadt entworfen, irgendwo in der Wüste Arabiens, und unser Kolumnist kämpft gegen den Schlaf.

Stadt und Park ins Bild gesetzt

Erweiterung des Thuner Wocher-Panoramas von Graber & Steiger Architekten

Peter Röllin, Dominique Marc Wehrli (Bilder)

Das weltweit älteste erhaltene Panorama-Rundbild zeigt die Stadt Thun um 1814. Sein Schutzbau im Schadaupark hat nun durch die Luzerner Architekten Graber & Steiger eine Erweiterung erhalten.

Aus dem Rund des Schutzbaus von 1961 schwingt sich die Erweiterung von 2014 weit in den Park hinaus: Thuner Wocher-Panorama von Graber & Steiger Architekten.

Dichte Packung

Fragen zum Masterplan Hochschulquartier Zürich

Daniel Kurz

Kritische Fragen zum Masterplan Hochschulquartier Zürich: 350 000 Quadratmeter Nutzfläche sollen dort zusätzlich unterkommen, öffentliche Mitsprache ist nicht vorgesehen.

Das Modellfoto zeigt das Hochschulquartier von Süden. Im Vordergrund besetzt ein relativ niedriger Bau den «Schanzenberg» in Fortsetzung der Hauptgebäude von Uni und ETH. Dahinter das
Baufeld «Wässerwiese» und am Hangfuss die Erweiterungen des Universitätsspitals.

werk-material 02.02 / 670

Lernlandschaften

Daniel Kurz, Julian Lanoo (Bilder)

Primarschulhaus Mühlematt in Engelberg von Rahbaran Hürzeler Architekten und BGM Architekten, Basel

Der Zentralraum in den Obergeschossen ist für den Unterricht verfügbar und erhält Licht über die verglasten Lichthöfe: Primarschulhaus Mühlematt in Engelberg von Rahbaran Hürzeler Architekten.

werk-material 02.02 / 671

Lernlandschaften

Daniel Kurz, Roland Bernath (Bilder)

Primarschule Zinzikon in Winterthur von Adrian Streich Architekten, Zürich

Der Wechsel der Betonbearbeitung und hohe Dachbrüstungen unterstreichen die horizontale Lagerung des Schulhauses Zinzikon von Adrian Streich Architekten Zürich.

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