1/2 – 2017

Aufstocken

Bestehendes Aufstocken ist an sich eine unscheinbare Bauaufgabe. Doch in ihr bündeln sich Grundfragen der Architektur: Fragen der Konstruktion ebenso wie der städtebaulichen Einordnung, der technischen wie der finanziellen Machbarkeit. Die Politik traut Aufstockungen und Aufzonungen der Innenstädte die Lösung aller Verdichtungsfragen zu. Die Basler Jusos stehen dabei den gutbürgerlichen Gewerbe- und Hauseigentümerverbänden nicht nach. Den Versprechen auf das Allheilmittel stellen wir mit diesem Heft eine differenzierte Betrachtung entgegen. Grenzkosten, konstruktive Schnittstellen und der Einfluss auf die städtebauliche und soziale Kohärenz der Stadt erfordern grösste Sorgfalt bei der Stadterweiterung in der Vertikalen.

Leseprobe aus wbw 1/2 – 2017

Wohnen über den Dächern

Man kann nicht jedes Haus aufstocken

Francesco Della Casa, Hans Jörg Fuhr, Patric Furrer und Yves Schihin im Gespräch mit Daniel Kurz

Im ersten Teil des wbw-Gesprächs stehen die rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen im Vordergrund. Genf hat seit einer Änderung des Baugesetzes 2008 besonders viel Erfahrung mit Aufstockungen. Bei dessen Umsetzung setzt Genf auf die Qualität des einzelnen Projekts. Obwohl Aufstockungen bei geringen Grenzkosten hohe Effizienzgewinne versprechen, würden die Probleme unterschätzt, mahnt der Bauökonom.

Illustration: Auszüge aus einem Handout zum Wintersemester 2001/02 von Christian Kerez an der ETH Zürich. Die Studierenden waren angehalten, Vorschläge zu einer «Stadt über der Stadt» zu machen. Die Beispiele wurden von Christian Kerez, Tamara Bonzi, Peter Sigrist und Tibor Joanelly zusammengestellt.

Unten Architektur, oben Städtebau

Entrepôt Macdonald in Paris

Susanne Stacher

Die 600 Meter lange Lagerhalle des Entrepôt Macdonald im Norden von Paris war von Anfang an auf die Möglichkeit einer vertikalen Erweiterung dimensioniert – nun ist über dem riesigen Lagerhaus ein ganzes Quartier neu entstanden. Das Team OMA / Floris Alkemade und Xaveer de Geyter koordinierte das Grossprojekt mit 15 Architekten. Rem Koolhaas’ Gedanke der Bigness, die in ihrer Unvorhersehbarkeit das Städtische in sich birgt, kommt in diesem Projekt der Superlative zum Tragen.

Die Aufstockung schafft ein neues Quartier in Paris: Sie aktiviert nicht nur das alte Lagerhaus,
sondern auch den Boulevard Macdonald direkt davor. Masterplan: OMA, Rotterdam

Entspannte Ergänzung

Dachaufstockung der Pension Felder in Luzern von Huggenbergerfries Architekten

Gerold Kunz, Beat Bühler (Bilder)

Ein Umbau von Huggenbergerfries Architekten sorgt für frischen Wind in der Luzerner Tourismusarchitektur. Die einstige Pension Felder, ein eigentlich abbruchreifes Kulturdenkmal von 1873, wurde in ein Long-Stay-Hotel mit 20 Business-Apartments verwandelt.

Der gefaltete Dachkörper auf dem denkmalgeschützten Neurenaissancebau von 1873 nimmt die Dreiteiligkeit der Fassade auf: Pension Felder in Luzern von Huggenbergfries Architekten.

Aneignungsarchitektur

Aufstockung und Erweiterung eines Verwaltungsgebäudes in Givisiez von Bart & Buchhofer Architekten

Robert Walker

Die Aufstockung eines als Provisorium geplanten Verwaltungsgebäudes aus den 1960er Jahren ist das Ergebnis einer Abwägung zwischen Nutzeranforderungen und Substanzerhalt. Ein zusätzliches Geschoss überspannt den bestehenden Bürotrakt und einen kurzen Neubauteil.

Oberstes Geschoss und Gebäudeteil rechts
sind neu gebaut. Vom ehemaligen Provisorium
für das Autobahnamt in Givisiez haben Bart & Buchhofer Architekten die Fassade übernommen, sie kleidet nun alle Bauteile einheitlich.

Wohnen über den Dächern

Starre Regeln helfen nicht weiter

Francesco Della Casa, Hans Jörg Fuhr, Patric Furrer und Yves Schihin im Gespräch mit Daniel Kurz

Im zweiten Teil des wbw-Gesprächs sollten Aufstockungen eine Beziehung zum Stadtraum haben, und das Schrägdach bietet atmosphärische Alternativen zur Attika. Doch warum ist die Aufstockung fast ausschliesslich eine Domäne des Holzbaus? Der zweite Teil des wbw-Gesprächs widmet sich den architektonischen und konstruktiven Aspekten. Er schliesst mit der Feststellung, dass das Wiederverwenden von Bausubstanz allemal nachhaltiger ist als ein Ersatzneubau.

Illustration: Auszüge aus einem Handout zum Wintersemester 2001/02 von Christian Kerez an der ETH Zürich. Die Studierenden waren angehalten, Vorschläge zu einer «Stadt über der Stadt» zu machen. Die Beispiele wurden von Christian Kerez, Tamara Bonzi, Peter Sigrist und Tibor Joanelly zusammengestellt.

Klarheit durch Täuschung

Aufstockung eines Gründerzeithauses in Zürich von Frei + Saarinen Architekten

Eva Stricker, Hannes Henz (Bilder)

Frei + Saarinen Architekten entwarfen einen Aufbau auf ein Gründerzeithaus im Zürcher Stadtkreis 4, der die beiden zusätzlichen Geschosse thematisch als Dach zusammenfasst. Die vertikale Gliederung sorgt für die korrekte baurechtliche Lesbarkeit. Gleichzeitig erscheint der Dachkörper vertikal dreigeteilt und kann auch als eigenständiges Haus auf dem Haus gelesen werden.

Die Trauflinie ist klar – oder doch nicht? Die Aufstockung ist sowohl Teil des Gebäudesockels wie auch des Dachs oder könnte sogar als eigenes Haus auf dem Haus gelesen werden. Architektur: Frei + Saarinen, Zürich.

Kompakt verpackt

Aufstockung in Genf von Raphaël Nussbaumer

Anna Hohler, Joël Tettamanti (Bilder)

Der gemalte Raster des Künstlers Karim Noureldin strukturiert die einheitlich glatte Fassade eines Hauses an der Avenue de Sécheron in Genf, das erst auf den zweiten Blick die Aufstockung um drei Geschosse durch Raphaël Nussbaumer preisgibt. Strukturell und formal sind Bestand und Erweiterung vielfach verzahnt.

Originaltext Französisch

Mit seiner glatten Oberfläche und dem
auffälligen, vom Künstler Karim Noureldin
entworfenen Gitter fügt sich das aufgestockte
Haus in Genf selbstbewusst in seine Nachbarschaft
ein. Aufstockung: Raphaël Nussbaumer

Oben ist anders

Umnutzung und Aufstockung Transitlager auf dem Dreispitz-Areal in Basel von BIG

Martin Josephy, Laurian Ghinitoiu (Bilder)

Einen spektakulären Zickzack schlagen die drei aufgesattelten Etagen von BIG auf einer Lagerhalle im Basler Dreispitz – oben horizontale Leichtigkeit, unten gravitätische Schwere. Einer Vergrösserung der Fassadenfläche und besserer Belichtung der Wohnräume stehen Nachteile im Grundriss gegenüber. Trotz Vielfalt an Wohnungstypen eröffnet sich darin eine Kluft zur gross gedachten Form.

Die Aufstockung durch BIG verleiht der alten Lagerhalle einen neuen Massstab. Entsprechend der Zickzack-Form darüber sind dem Erdgeschoss erhöhte Bereiche vorgelagert, die Vorzonen und Schwellen schaffen.

Debatte

Die im Heft 11 – 2016 angestossene Hochhaus-Debatte kommt in Fahrt: Gian-Marco Jenatsch erinnert an die besondere entwerferische Sorgfalt, die das Hochhaus einfordert – und plädiert für «Herden» von Hochhäusern, die andere Quartiere von Druck entlasten könnten.

Wettbewerb

Herzog & de Meuron gewinnen den international prominent besetzten Realisierungswettbewerb für ein Museum des 20. Jahrhunderts auf dem Berliner Kulturforum. Roland Züger erklärt die komplexe Gemengelage vor Ort.

Recht

In seinen Musterverträgen ermöglicht der SIA den Haftungsausschluss. Was auf den ersten Blick verlockend aussehen mag, könnte sich als Bumerang erweisen. Unser neuer Autor Patrick Middendorf warnt vor leichtfertigem Umgang mit den Haftungsrisiken.

Bücher

Die dritte Publikation des Nationalen Forschungsprogramms NFP 65 präsentiert die Ergebnisse eines Projekts, an dem fünf Lehrstühle der ETH Zürich beteiligt waren. Sie entwickelten eine Methode, mit der sich Urbanität messen lässt und bieten konkrete Tipps für die Praxis.

Ausstellungen

Anfang und Ende: Im S AM in Basel ist die erste Ausstellung des neuen Kurators Andreas Ruby zu sehen – derweil lässt das AzW in Wien zum Abschied von Dietmar Steiner sechzig Jahre Architekturgeschichte Revue passieren.

Nachruf

Luigi Caccia Dominioni, 1913–2016

Kolumne: Architektur ist ... Risiko

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

Warum ist alles an Zürich so unaufgeregt, fragt sich unser Kolumnist und merkt, dass er sich täuscht: Zürich hat durchaus eine spektakuläre Megastruktur, die von einem politischen und ökonomischen Haudegen geschaffen wurde. Von seiner Risikobereitschaft profitiert die Stadt bis heute.

Dissonante Kleinteiligkeit

Wohnüberbauung Bächtelenpark in Wabern bei Bern

Daniel Kurz, Caspar Schärer und Roland Züger (Bilder)

Der Masterplan für den Bächtelenpark in Wabern sah fünf eigenständige Typologien vor, um die Diversität der Agglomeration abzubilden. Das ist nicht gelungen, kritisiert Daniel Kurz: Der Überbauung fehlt es an einer räumlichen Mitte und an Identität.

Bewegtes Flaggschiff in der Vorstadt: Der
Garden-Tower von Buchner Bründler Architekten
neben dem introvertierten Hofhaus von LVPH architectes.

Reflexionen

Zum Städtebau im Raum der Agglomeration

Marc Angélil

Das tiefe Verlangen nach Ordnung im urbanen Gefüge irritiert Marc Angélil, der mit seinem Büro das städtebauliche Konzept für den Bächtelenpark entwickelte. In seiner Antwort auf unsere Kritik ortet er eine verpasste Chance, den ökonomisch-politischen Aspekten auf den Grund zu gehen.

Mögliche Kombinationsszenarien auf fünf Parzellen,
agps architecture, September 2006

werk-material 01.01 / 686

Palazzo, Palazzina

Tibor Joanelly, Walter Mair (Bilder)

Mehrfamilienhaus in Zürich von Lütjens Padmanabhan Architekten, Zürich

Vornehm und etwas dreckig gibt sich die Fassade
im Blockrand der Herdernstrasse in Zürich. Lütjens Padmanabhan entwarfen ein Haus zwischen Renaissance und Konstruktivismus.

werk-material 01.01 / 687

Palazzo, Palazzina

Tibor Joanelly, Ralph Feiner (Bilder)

Mehrfamilienhaus in Domat-Ems GR von Aita Flury, Zürich

Wie bei den Villen von Andrea Palladio reagieren die Fassaden jeweils verschieden auf den Kontext: Mehrfamilienhaus in Domat-Ems von Aita Flury.

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