1/2 – 2019

Nahtstellen

Die Architekten Gay Menzel haben bei den Maisons Duc in Saint-Maurice die erhaltenen Reste einer historischen Häusergruppe um nahezu dasselbe Volumen ergänzt. Sie taten dies nicht, indem sie das Neue vom Alten klar absetzten, sondern indem sie sich auf einen Dialog einliessen und Zeitschichten mischen. Interessant und erklärend wird ihre Arbeit an den Nahtstellen. Da, wo sich Alt und Neu berühren. An den Umbauprojekten in diesem Heft interessiert uns ein strukturelles Verständnis der alten Substanz, deren eigenes Leben durch eine neue Nutzung oder durch Bedingungen für den Erhalt zum Vorschein kommt. Die Bauten sind durch neue Anforderungen und die damit verbundenen Eingriffe erst lebendig geworden. So ist jedes vorgestellte Projekt eine eigene Persönlichkeit, bearbeitet caso per caso, wie Martin Boesch in seinem Essay schreibt: Fall für Fall, Raum für Raum, Detail für Detail.

Leseprobe

Relief und Raum

Umbau und Erweiterung des Museums Plantin Moretus in Antwerpen von noAarchitecten

Christoph Grafe, Filip Dujardin (Bilder)

In welcher Sprache greift man in ein Ensemble ein wie jenes des Museums Plantin Moretus in Antwerpen, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt? Das Brüsseler Büro noAarchitecten setzte auf Kontinuität statt Kontrast und schuf eine subtil materialisierte Architektur, die sich im Inneren atmosphärisch angleicht und nach aussen die Trennungslinie zwischen den Zeitschichten auch als Parzellengrenze lesbar macht.

Über den Eingang im neu verputzten Bestandsbau erreicht man das neue Archiv. Seine handwerklich gefügte Holzfassade erinnert an einen Setzkasten für den Bleisatz – ein Hinweis auf die Geschichte des Museums.
Bild: Filip Dujardin

Das Neue im Alten

Zum architektonischen Umgang mit Bestehendem

Martin Boesch

Die Charta von Venedig aus dem Jahr 1964 stellt noch immer die massgebende Wegleitung für den Umgang mit historischer Bausubstanz dar, die im konkreten Fall der Interpretation durch das Projekt bedarf, schreibt Martin Boesch. Er formuliert fünf Regeln zur Auseinandersetzung mit dem Bestand und beschreibt am Beispiel des Zürcher Komplexes Tonhalle / Kongresshaus den schwierigeren Weg des Verbindens.

Der Tonhallesaal im Umbau.
Bild: Karin Hofer, Neue Zürcher Zeitung

Weg durch die Geschichte

Das Parlamentsgebäude des Kantons Waadt von Atelier Cube und Bonell i Gil

Martin Tschanz, Lluís Casals (Bilder)

Nach dem Grossbrand von 2002 beschloss das Parlament des Kantons Waadt, seine historische Tagungsstätte durch einen Neubau zu ersetzen. Der Entwurf von Atelier Cube und Bonell i Gil wurde in einem langen demokratischen Prozess zu einem monumentalen Bau, der die Silhouette von Lausanne prägt, ohne sich aufzudrängen. Zudem verknüpft das Projekt den Ort räumlich und zeitlich mit der Stadt.

Eine stumpfe Pyramide erhebt sich als Dach über dem neuen Ratssaal an alter Stelle. Form und Eindeckung sind Resultat des demokratischen Prozesses.
Bild: Lluís Casals

Über Kreuz verflochten

Umbau der Maisons Duc in Saint-Maurice VS von GayMenzel

Daniel Kurz, Eik Frenzel, Robert Swierczynski (Bilder)

Die Unterwalliser Gemeinde St-Maurice will mit der Instandsetzung einer historischen Häusergruppe der Verödung ihres Ortskerns entgegenwirken. Die Neuinterpretation des Komplexes durch GayMenzel verleiht ihm Würde und setzt innenräumlich ungeahnte Energien frei. Die Eingriffe fügen sich zu einem ebenso irritierenden wie spannungsvollen Ganzen, das Widersprüche zwischen Bestandespflege und Brüchen zulässt.

Der historisch anmutende Neubauteil der Maisons Duc gegenüber dem Eingang zur Abtei St-Maurice. 
Bild: Eik Frenzel

Die Nabelschnur

Erweiterung der Royal Academy in London von David Chipperfield

Daniel Kurz, Simon Menges (Bilder)

Mit einer klugen Intervention im Schnitt durch die Londoner Royal Academy und ihr vor zwei Jahrzehnten erworbenes, ebenso historisches Nachbargebäude gelingt David Chipperfield die Neuordnung einer verstaubten britischen Institution. Wo sich zuvor die zwei Rückseiten voneinander abwandten, führt nun eine Brücke durch einen neuen Skulpturengarten.

Die Brücke aus hellem Beton verbindet die Rückseiten von Burlington House und Burlington Gardens (rechts) quer über die Ateliers der Royal Academy hinweg. Im seitlichen Anbau wurde der British Academy Room der Universität wieder eingebaut.
Bild: Achim Menges

Debatte

Barbara Meyer, Stadtplanerin der Gemeinde Schlieren, schaltet sich mit einem Zwischenbericht aus dem städtebaulichen Labor im Zürcher Limmattal in die Agglo-Debatte ein. Verdichtung, schreibt sie, findet Akzeptanz nur, wenn dabei Defizite behoben, Mehrwerte geschaffen und Qualitäten bewahrt werden. Debatte online lesen

Wettbewerb

Mit den zwei Studienaufträgen Am Walkeweg wurde in Basel gleich nach und neben dem Areal Nordspitze der nächste grosse städtebauliche Entscheid gefällt.

Ausstellungen

Mit einer Schau über Lüge und Wahrheit öffnet das Stapferhaus in Lenzburg erstmals die Tore seines Neubaus von pool Architekten. Das Haus spielt als begehbares Denkgebäude mit.

Bücher

Zwei neue Bücher arbeiten das Problem der Nachverdichtung von Siedlungen aus der Nachkriegszeit auf. Ihre Lektüre zeigt den Wert anwendbarer Forschung zum Thema – und lässt auf eine Synthese-Publikation hoffen. Zwei weitere Tipps: Storytelling in Schnittperspektiven und Stadtwandern mit Walter Benjamin.

Jenseits der Symbolik

Zum Tod von Robert Venturi ein Blick auf sein Erbe

Frida Grahn

Für junge Büros wie Lütjens Padmanabhan ist Robert Venturi ein Fixpunkt. Zum Tod des Amerikaners lohnt sich ein Blick auf die heutige Auseinandersetzung mit seinem Werk.

Von einer Auseinandersetzung mit Symbolik und Alltag ist heute kaum mehr die Rede.
Bild aus Robert Venutri, Complexity and
Contradiction in Architecture, New York, 1977

Viel Raum auf wenig Fläche

Siedlung Flarzett in Elsau von Staufer & Hasler Architekten

Hubertus Adam, Roland Bernath (Bilder)

Die Siedlung Flarzett im Winterthurer Vorort Elsau von Staufer & Hasler interpretiert einen traditionellen Haustyp neu und erzeugt dabei Räume jenseits jeder Konvention.

Dörfliches Terzett mit Kirchenglocken. Die neuen Flarzhäuser sind Dank des Budgets für Kunst am Bau mit alten Biberschwanzziegeln gedeckt.
Bild: Roland Bernath

Postdramatisch weiss

Villa Hammer von Herzog & de Meuron und Sauter von Moos

Tibor Joanelly, Max Creasy (Bilder)

Herzog & de Meuron und Sauter von Moos haben in einem engen Basler Hof einen schönen Erweiterungsbau realisiert. Und ein Stück durch und durch konzeptionelle Architektur.

Der Blick zurück bietet mehr als ein Déjà-vu. Denn selten ist das Neue so stark auf das Alte bezogen und zugleich eigenständig wie präzise in eine gemeinsame neue Dramaturgie eingebunden.
Bild: Max Creasy

werk-material 01.02 / 726

Palast ohne Schnörkel

Fabian Ruppanner, Rory Gardiner und Ruedi Walti (Bilder)

Wohnhaus Amtshausquai in Olten SO von Buchner Bründler

Das Zweischalenmauerwerk erlaubt ein tektonisches Spiel von Struktur und Füllung.
Bild: Rory Gardiner

werk-material 01.02 / 727

Andeutungen montiert

Gerold Kunz, Rasmus Norlander (Bilder)

Wohnhaus am Kolinplatz in Zug von Lando Rossmaier Architekten

Mit einer asymmetrisch gesetzten Lukarne verschafft sich der Neubau verstärkte Präsenz am Kolinplatz.
Bild: Rasmus Norlander

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