Chronist und Gastredaktor David Robson ist es zu verdanken, dass einige Zeichnungen von Geoffrey Bawa (1919 – 2003) gerettet werden konnten – ein Konvolut davon ist hier versammelt. Durch sie wird deutlich, welche Sorgfalt Bawa der landschaftlichen Situation seiner Projekte beimass: Akkurat sind Felsen, Pflanzen und Bäume in Grösse, Lage und Form verzeichnet. Nicht selten sind kolossale Gewächse gewichtiger Bestandteil seiner Baugrundstücke und somit zentrale Elemente des Entwurfs. Sie prägen den Raum, Bauwerken gleich. Nebst seiner Obsession für den landschaftlichen Kontext arbeitete Bawa wie ein Szenograf und inszenierte Bauten, Bäume oder Felsbrocken des Umfelds. Dabei konzentrierte er sich auf Wege, Ausblicke und Raumbeziehungen. Gerade in seinem eigenen Garten in Lunuganga wird dieses Denken in orchestrierten Abläufen augenscheinlich. Immer steht der aufgespannte Raum im Fokus, nie das architektonische Objekt: Bawa ist ein Spacemaker, kein Formmaker. Dieses Sensorium für den Ort und ihm innewohnende Qualitäten, für lokales Material und Handwerk leiten Bawas Schaffen. Es verwundert kaum, dass in seinen Bauten trotz tropischer Hitze selten Klimaanlagen im Einsatz sind. Dank natürlicher Ventilation der Räume, weit ausgreifender Dächer, aktiver Regenwassernutzung oder Vertikalbegrünung ist Bawa ein Vorreiter der bioklimatischen Architektur. Dieses Heft zeichnet ein Porträt davon mit acht realisierten Bauten, die allesamt in Sri Lanka stehen. Trotz dieser scheinbaren lokalen Beschränkung strahlen sein Werk und seine Denkweise weit über Asien hinaus.
Zwei Projekte beschäftigten Bawa fast ein Leben lang, sie dienten ihm als Testfelder für aufkeimende Ideen. Für sein eigenes Haus in Colombo erwarb er über die Zeit eine Reihe von Bungalows, die er zu einer Matrix von Höfen und Dächern verschmolz. Und in seinem Landschaftsgarten in Lunuganga fand er zu jener Synthese von Architektur und Natur, die auch seine späteren Meisterwerke auszeichnet.
Wie aus der Raupe ein Schmetterling wurde aus dem jungen Juristen Geoffrey Bawa ein einflussreicher Architekt Asiens. Seine Liebe zum Raum entwickelte er im Studium an der AA in London. Später erwuchs aus wechselnden geschäftlichen Partnerschaften eine eigene, kraftvolle und malerische Handschrift.
Bawa gilt als Wegbereiter des Tropischen Regionalismus, beeinflusst wurde er unter anderem durch seine Landsfrau Minnette de Silva, eine Freundin Le Corbusiers. Das subtile Raffinement seiner Sprache entwicklete er in den 1960er Jahren anhand kleinerer Aufträge, bei denen er moderne Raumkonzepte mit lokalen Traditionen und Handwerk verband.
Oft stand am Anfang eines Auftrags an Bawa die Wahl des Standortes – und nicht selten fiel diese anders aus als von der Bauherrschaft erst gewüscht. Der Architekt hatte einen untrügerischen Sinn für die Topografie und natürliche Besonderheiten; beides wusste er gekonnt zu inszenieren. Dabei setzte er sowohl auf Kontraste zur Natur als auch auf die Kraft der Vegetation.
Bawa vermochte sich wechselnden politischen Strömungen in seiner Heimat gut anzupassen, er erhielt Aufträge von Regierungen jeglicher Couleur. Die ganz grossen Aufträge allerdings führte er für die Regierung Jayawardene aus: das Parlamentsgebäude und den Ruhunu University Campus. Während Bawa für das Parlament mit opulentem Materialeinsatz repräsentative Formen schuf, gelang es ihm beim Campus, mit wenigen Mitteln Vielfalt zu erzeugen.
Über 100 Bauten schuf Bawa und über diese hinaus auch unzählige Projekte, die, wenn auch nicht gebaut, schnell zum Kanon des tropischen Regionalismus gehörten. Entsprechend früh wurde auch seine Architektur publiziert, vor allem im englischen Sprachraum. Die zentralen Bauten sind in einem kleinen Werkverzeichnis aufgeführt, ergänzt wird dieses durch eine Liste jüngerer Publikationen.
Abridged English versions of David Robson’s original texts. Orginaltext Englisch
David Robson (1944), der Autor dieses Hefts, verbrachte nach seinem Abschluss am University College London zwei Jahre in Sri Lanka und half beim Aufbau der School of Architecture an der University of Colombo. 1974 – 79 war er Principal Housing Architect in Washington New Town in Grossbritannien, wo eine Reihe seiner Entwürfe nationale Preise erhielt. Anfang der 1980er Jahre arbeitete er als Planungsberater für das 100'000 Houses Programme der sri-lankischen Regierung. Er war Professor für Architektur an zahlreichen Universitäten und ist Autor mehrerer Bücher zum Wohnen sowie von Monographien über die srilankischen Architekten Geoffrey Bawa.
Sebastian Posingis (1975) fotografierte die Bilder zu den Bauten von Geoffrey Bawa. Er ist ein deutscher Fotograf, der einen Grossteil seiner Kindheit im Iran, in Griechenland, Indien und Sri Lanka verbrachte. Seine Fotografien erschienen unter anderem in Architectural Digest, Domus, Der Spiegel, New York Times und Vanity Fair. Seit zehn Jahren konzentriert sich Posingis auf Fotobücher über Architektur.
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