6 – 2021

Pouillon in Algerien

Der französische Architekt Fernand Pouillon (1912–86), im eigenen Land lange Zeit verfemt, darf heute in keinem aktuellen Standardwerk der Architekturgeschichte mehr fehlen. Doch im Gegensatz zu den Wohnsiedlungen in Paris, Marseille oder Aix-en-Provence sind seine Arbeiten in Algerien immer noch kaum bekannt. Drei Stadtquartiere mit insgesamt 6700 geplanten und 4200 realisierten Wohnungen hat er in Algier 1953–58 zumeist aus massiven Natursteinblöcken errichtet. Dabei sind charakteristische Kompositionen entstanden, die noch heute eine grosse Ausstrahlungskraft besitzen. Unsere Autorin Michaela Türtscher hat 2020 eine Dissertation verfasst, die Aspekte der Komposition, Konstruktion, Bauprozesse sowie eine kritische Betrachtung der Rezeption von Pouillons Werk umfasst. Nach seiner Verurteilung durch französische Gerichte ist Fernand Pouillon 1966 in das nunmehr unabhängige Algerien zurückgekehrt. Dank alten Kontakten sind dort bis 1984 Dutzende weiterer Grossprojekte entstanden, insbesondere für den aufkeimenden Tourismus. Formal und konstruktiv hat Pouillon sich dabei vom Naturstein gelöst und neue Wege eingeschlagen.

Leseprobe

Städtisches Wohnen in Stein

Leo Fabrizio (Bilder)

Der 1976 geborene Lausanner Fotograf Leo Fabrizio verfolgt seit Jahren die Spuren des Architekten Fernand Pouillon in Algerien. Zum Einstieg zeigen wir seine Bilder von drei städtischen Wohnanlagen: Diar es Saâda, Diar el Mahçoul und Climat de France. Fabrizios Bilder sprechen davon, wie die Bauten heute noch geschätzt werden, wie darin gelebt wird und wie die Häuser dem Verfall trotzen.

Die Cité de la promesse tenue mit rund 1550 Wohnungen gleicht Geschiebe am Hang und erinnert im Ausdruck an muslimische Architektur.
Bild: Leo Fabrizio

Offene Komposition – mehrfache Lesbarkeit

Drei Überbauungen in Algier

Michaela Türtscher

In nur fünf Jahren löst Fernand Pouillon die Wahlversprechen des Bürgermeisters von Algier, Jacques Chevallier ein und realisiert 4200 Wohnungen für europäische und algerische Einwohner. Mit seinem ausgeklügelten System des modularen Entwurfs, dem kostengünstigen Bauen mit Naturstein aus Frankreich, rationalisierten Konstruktionsmethoden und Bauprozessen gelingt dem Architekten dieses Kunststück. Welche Hürden dabei zu überwinden waren und wie es ihm gelang, gleichwohl eine hohe Qualität im städtebaulichen Entwurf umzusetzen, erklärt unsere Autorin.

Die Kühnheit, am abschüssigen Hang die Place des deux cent colonnes zu errichten, illustriert den kolossalen Effort des Unterfangens.
Bild: Leo Fabrizio

Im Dienst des Menschen

Fernand Pouillon als sozialer Architekt

Leo Fabrizio

In Fernand Pouillons verschiedenen Werkphasen ändern sich Konstruktion und Ausdruck grundlegend. Immer aber geht es um eine soziale, den Voraussetzungen des Orts und den Bedürfnissen der Nutzer angepasste Architektur, deren Kraft auch dem Zerfall infolge mangelnden Unterhalts standhält. Eine Hommage des Fotografen. Originaltext Französisch

In die Terrassierung der abschüssigen Topografie floss viel entwerferische Energie, spürbar auf dem erhöht liegenden Palmenplatz.
Bild: Leo Fabrizio

Bauten für den Tourismus

Leo Fabrizio (Bilder)

In den 1960er Jahren kehrt Pouillon nach Algerien zurück. Zusammen mit dem alten Freund J. Chevallier startet er eine zweite Karriere mit einem enormen OEuvre. Er baut Dutzende von Hotels und Ferienanlagen, manche davon sind veritable Kleinstädte. Dabei verlässt er die «Spur der Steine» und experimentiert mit anderen Materialien sowie mediterran-orientalischen Ausdrucksformen. Er hinterlässt ein vielgestaltiges Werk, das auch in formaler Hinsicht interessant und bis heute kaum bekannt ist. Die zweite Bildstrecke von Leo Fabrizio entführt uns in die Tourismusanlagen von Sidi Fredj und Tipasa westlich von Algier.

Das Hafenbecken mit dem Restaurant und Festsaal, dem Hotel El Marsa (rechts)bund dem Hotel El Manar im Hintergrund.
Bild: Leo Fabrizio

Blutige Befreiung

Politische Hintergründe zur kolonialen Architektur

Alexander Gschwind

1954 beginnt der bewaffnete Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens, der in einen blutigen Befreiungskrieg mündet. Der langjährige Nordafrika-Korrespondent von Radio SRF erklärt die Wirrnisse im damaligen Algerien und die Spannungen, die heute noch den politischen Alltag des Landes prägen. Nur aus dem kolonialen und postkolonialen Kontext lässt sich Fernand Pouillons Arbeit in Algerien verstehen.

Algier, nicht Côte d’Azur. Die algerische Hauptstadt präsentiert sich auf der Postkarte von 1928 als typisch französische Hafenstadt. Ein grosser Teil der
Bevölkerung ist europäischen Ursprungs. In der Bildmitte ist das Häusergewirr der Kasbah erkennbar (gleich darüber wurde 1955 Climat de France gebaut).

Leben, Literatur, Bauten

Biografie, wichtige Literatur und ein illustrierter Katalog zu Fernand Pouillons Werk in Algerien, von den Küsten des Mittelmeers bis zum Rand der Sahara.

Eröffnung von Diar el Mahçoul mit Bürgermeister Chevallier (links) und Architekt Pouillon (rechts). Bild: Privatarchiv Catherine Sayen
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werk-notiz

Der Architekt Georges Descombes hat den Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim gewonnen. Der Genfer hat sich zeitlebens für einen starken Bezug zur Landschaft in der Stadtplanung eingesetzt. Zuletzt realisierte er die Renaturierung des Flusses Aire in Genf.

Debatte

Redaktor Tibor Joanelly spinnt das Gespräch um den Hintergrund der Architektur weiter. Dabei öffnen sich hinter den blinden Flecken des Diskurses Perspektiven auf die Erneuerung der Stadt und, nicht zuletzt auf Schönheit.

Ausstellungen

Access for All im Schweizer Architekturmuseum Basel überzeugt schon beim Auftakt – in Form einer offenen Zugangsrampe auf dem Trottoir. Das eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf das Thema in São Paulo sowie neue Blicke auf die Stadt Basel. Wir kündigen zudem eine Ausstellung zum Werk Aldo Rossis in Rom an.

Bücher

Mit dem neuen Buch sei auch dies geklärt: Die Russen waren die Vorreiter der Moderne, meint Christian Sumi. Er hat für uns das ziegelsteindicke Buch von Anna Bokov über die russische Kunstschule Wchutemas gelesen: eine Mischung aus Bauhaus und Volkshochschule. Im einflussreichen Vorkurs von Noklai Ladovski in Moskau stand Architektur bereits 1920 im Programm. Ausserdem: Seng Kuans neue Monografie über Kazuo Shinohara.

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Haushalten im Speckgürtel

Verdichtung von Einfamilienhauszonen – ein Report

Lucia Gratz

Aus dem Einfamilienhaus Wohnraum für mehr Menschen machen, ohne die städtebauliche Körnung zu beeinträchtigen: Das ist die Herausforderung dreier Ersatzneubau-Projekte in Zollikon, Meilen und Therwil.

Im Quartier mit villenartigen Einfamilienhäusern sollte das Haus nicht aus der Reihe tanzen. An Strasse und Weg entstehen Orte, die das Bekannte neu konnotieren.
Bild: Rory Gardiner

Humane Raumfigur

Riken Yamamoto im Gespräch mit Tibor Joanelly

Tibor Joanelly

Das riesige Bauwerk The Circle am Flughafen Zürich ist eröffnet. Redaktor Tibor Joanelly hat den Architekten Riken Yamamoto mit seinen Fragen konfrontiert. Woher kommt die Idee der kleinteiligen Räume, die das kolossale Programm bändigen?

180 000 m² Nutzfläche, fast 1 Milliarde Franken verbaut: Direkt beim Flughafen und optimal durch ÖV und MIV erschlossen entstand nach fünfjähriger Bauzeit ein neuer Dienstleistungs-Hub.
Bild: Simon Vogt / Flughafen Zürich

Poesie als Zugabe

Ein Besuch im Circle und im Butzenbüel-Park

Daniel Kurz

Eine ratlose Architekturkritik – und ein Loblied auf den Butzenbüel-Park von Studio Vulkan

Das Grossprojekt finanzierte auch den kostbaren Landschaftsraum. «Himmelsplattform» im Butzenbüel-Park.
Bild: Daniela Valentini

werk-material 02.02 / 772

Raumfolgen aus Holz und Lehm

François Esquivié, Paola Corsini (Bilder)

Primarschule in Riaz FR, FAZ architectes
Originaltext Französisch

Une présence simple et rassurante se dégage de la symbolique de «maison» exprimée par le projet. Photos: Paola Corsini

werk-material 02.01 / 773

Same same, but different

Julien Grisel

Hortpavillon in der École Geisendorf in Genf, David Reffo
Originaltext Französisch

Le nouveau bâtiment avec sa façade en bois s’implante en continuité avec les édifices scolaires existants.
Photo: Didier Jordan / Ville de Genève

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