3 – 2022

Tiefe

In diesem Heft stehen verschiedene Aspekte von «Tiefe» zur Diskussion, physische und solche in übertragenem Sinn. Da wären der architektonische Raum als Bühne, die Tiefe des Commitments und ein Ausflug in Geschichte und Geologie. Steffen Hägele deutet in seinem Essay an, dass «Tiefe» neben aller Phänomenologie auch etwas mit Tiefgründigkeit, mit Recherche und Informiertheit zu tun hat – und mit dem Eingeständnis, dass nicht jede Art von Tiefe mit Architektur ergründet werden kann. Zwei gezeigte Umbau-Beispiele sind massgefertigte Unikate im gehobenen Segment und lassen sich nicht einfach auf Verhältnisse im Mietwohnungsbau übertragen. Oder doch? Wenn endliche Ressourcen beim Bauen ihr Recht einfordern und Architektur wieder mehr aus Dingen besteht, die ihre eigene Geschichte inkorporieren – dann könnte auch die gemeine Wohnarchitektur ganz allgemein tiefer und vor allem reicher sein.

Leseprobe

Eine stille Sprache

Shelley McNamara und Yvonne Farrell, Grafton Architects, im Gespräch mit Jenny Keller und Felix Wettstein

Architektur sei «eine stille Sprache, die spricht», sagen die irischen Architektinnen. Die Kolonnaden am Kensington University Townhouse in London haben verschiedene Bedeutungen; sie vermitteln zwischen Innen und Aussen, sorgen für Durchlässigkeit und spielen zugleich das offene Innere frei. Doch «Tiefe» hat weitere, intellektuelle Bedeutungen, denen dieses Gespräch nachgeht.

Die Universität Luigi Bocconi in Mailand brachte 2008 den internationalen Durchbruch für Grafton Architects. Hier legen die Architektinnen das Potenzial des Schnitts offen und verleihen
ihm eine gesellschaftliche Dimension: Die Aula Magna (im Bild das Foyer) ragt in den Strassenraum, und die Stadt ergiesst sich in die Universität. (Bild: Federico Brunetti)

Sog der Landschaft

Umbau an der Missionsstrasse in Basel von Buchner Bründler

Tibor Joanelly, Rory Gardiner (Bilder)

Das umgebaute Haus an der Missionsstrasse in Basel von Buchner Bründler Architekten lässt sich als gebaute Landschaft lesen, die mit den Mitteln des Theaters ihre Vielschichtigkeit und Tiefe erreicht. Es sind Objekte und Ebenen im Raum, die den Blick wie Kulissen lenken und so die Wahrnehmung von Tiefe ermöglichen.

Die Dinge berühren sich kaum und sind doch in einem konstruierten Kontinuum miteinander verbunden. (Bild: Rory Gardiner)

Skulptur im Berg

Erweiterung Gletschergarten Luzern, Miller & Maranta

Daniel Kurz, Ruedi Walti (Bilder)

Die innere Struktur der geschichteten Sandsteinfelsen hat die neu geschaffene Felsenwelt von Miller & Maranta im Gletschergarten Luzern freigelegt; dabei kamen berührend unmittelbare Zeugnisse aus einer 20 Millionen Jahre entfernten Vergangenheit ans Licht. In der Tiefe des Bergs erlebt die Besucherin geologische Zeiträume und die physische Kraft des Gesteins.

Die neue Felsenwelt arbeitet die innere Struktur der Sandsteinfelsen heraus – ihre schräg stehenden Schichten und Klüfte. Sechzig Meter tief im Berg stossen Besuchende auf einen See. (Bild: Ruedi Walti)

Blickregie

Mehrfamilienhaus in Freiburg von Aviolat Chaperon Escobar Architectes

Roland Züger, Eik Frenzel (Bilder)

Von aussen sei das Haus verschwiegen, im Inneren entfalte es seinen Reichtum, liess Adolf Loos einst verlauten, als hätte er dieses Haus in Freiburg schon gekannt. In einem aussergewöhnlichen Bau haben Aviolat Chaperon Escobar den entwerferischen Zauber für einmal in den Grundriss eingebaut, der über zwei lange Enfiladen erschlossen wird. Dabei entsteht ein Sog in die Tiefe, dem man sich schwer entziehen kann

Weder den Umbau des Bestandsgebäudes noch seine Erweiterung und Aufstockung in Holz oder sein reichhaltiges Innenleben – aussen gibt das Haus nichts davon preis. (Bild: Eik Frenzel)

Im Unbestimmten

Kurze Phänomenologie der Tiefe

Steffen Hägele

Im digitalen Zeitalter sind die letzten Winkel unseres Lebens ausgeleuchtet. Es regieren das nüchterne Kalkül des Algorithmus und die spiegelglatten Displays unserer Gerätschaften. Die Technik bleibt diskret verborgen, und damit auch jeglicher Einblick in die Tiefe, der fürs Verstehen förderlich wäre. Nach einer Auslegeordnung zu Wirkungsweisen und Phänomenen der Tiefe kommt unser Autor zum Schluss: Für den virtuellen Raum liegt das Potenzial im «Opaken», im Chiaroscuro und im dialektischen Wechselspiel mit Transparenz.

Im Umbau des Laurie Mallet House in New York (1985) durch SITE taucht die Geschichte aus der Fläche auf – und versinkt scheinbar darin. (Bild: Paul Warchol (1986))
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werk-notiz

In Italien verspricht der Superbonus 110% Kostenübernahme durch den Staat bei energetischen Sanierungen: Das hat einen Boom ausgelöst, der landesweit wertvolle Bausubstanz bedroht – auch von Meistern wie Luigi Caccia Dominioni oder Gio Ponti. Und: Roland Züger tritt als neuer Chefredaktor dieser Zeitschrift in die Fussstapfen von Daniel Kurz.

Debatte

Seit 50 Jahren wird der Wakkerpreis verliehen, der Gemeinden für den vorbildlichen Schutz oder die umsichtige Entwicklung ihres Ortsbildes auszeichnet. Was bleibt vor Ort langfristig wirksam? Eine Diskussion mit Beteiligten aus drei Wakkerpreis-Gemeinden.

Ausstellungen

Mit Beton ist dem Schweizerischen Architekturmuseum eine Schau der Superlative gelungen. Kaum bekannte, aber spektakuläre Pläne hat Andreas Ruby den Architekturarchiven der ETH, EPFL und der Accademia in Mendrisio entlockt; Niklaus Graber entwarf die Szenografie: Nicht verpassen! Ausserdem: Hinweise zu drei sehenswerten Ausstellungen in Rom.

Bücher

Eine Weltgeschichte des Designs legt Claude Lichtenstein in den zwei Bänden der Schwerkraft von Ideen vor. Dabei stehen die letzten 200 Jahre selbstverständlich im Vordergrund. Susanna Koeberle lobt das ebenso faktenreiche wie reflexionsstarke Buch, das die Voraussetzungen und Auswirkungen von Design kontextualisiert. Ausserdem ist das Handbuch Klima bauen des Hochparterre-Kollegen Andres Herzog anzuzeigen sowie Florian Heilmeyers Blick auf Wettbewerbe und Baukultur in Flandern.

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Junge Architektur Schweiz

Studio V9

Mit dem selbstbewussten Umbau eines bescheidenen Schuppens am Rand von La Neuveville (BE) zeigen die drei Jungarchitekten aus Vevey und Biel, was für sie wichtig ist.

Unsichtbare Architektur

Sanierung und Erweiterung Schulanlage Röhrliberg Cham von Marcel Baumgartner Architekten

Roland Züger, Roland Bernath (Bilder)

Fast ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, erweiterte Marcel Baumgartner das Schulhaus Röhrliberg in Cham, 1974 vom jüngst verstorbenen Zuger Architekten Josef Stöckli erbaut. Baukulturelle Werte verbinden sich mit Nachhaltigkeit – und die Kosten blieben gering. Ein paradigmatischer Umbau.

Auf dem Röhrliberg sitzt die Stadtkrone von Cham, konkret die Schulanlage, deren Erweiterung nur mit genauem Blick zu erkennen ist. (Bild: Roland Bernath)

Filmisch, geheimnisvoll, labyrinthisch

Wohnensemble in London-Hampstead von Sergison Bates

Ros Diamond, David Grandorge (Bilder)

Im gutbürgerlichen Londoner Quartier Hampstead bauten Sergison Bates einen Wohnkomplex für ältere Menschen in der Art eines Mansion Blocks des 19. Jahrhunderts. Seine Besonderheit sind labyrinthisch anmutendende, polygonale Grundrisse mit tief gestaffelten Wohnungen. Originaltext Englisch

Eine umfassende Analyse der Mansion Blocks im Quartier beförderten Anleihen zum Entwurf: bei der Einbindung des Volumens in den Kontext wie auch in der Materialwahl. (Bild: David Grandorge)

werk-material 12.01/12.06 / 786

Erneuerung im Dienst des Denkmals

Miriam Stierle

Umbau Turn- und Schwimmhalle Vogelsang BS, MET Architects

Oben Turn- und unten Schwimmhalle. Die Ertüchtigung umfasste neben der Technik auch einen Grossteil der Oberflächen. (Bild: Ruedi Walti)

werk-material 12.06 / 787

Erneuerung im Dienst des Denkmals

Miriam Stierle

Umbau Schulschwimmanlage Staudenbühl ZH, GFA Gruppe für Architektur

Die Anlage von Rolf Keller wurde in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege instand gesetzt. Die Schwimmbad- und Haustechnik wurde heutigen Ansprüchen angepasst. (Bild: Roland Bernath)

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