6 – 2022

Ressource Bestand

Die Wohnhäuser und Siedlungen, die Büro- und Gewerbebauten, die überall abgebrochen werden, sie sind zumeist keine Denkmäler, keine herausragenden Architekturen, nicht einmalig in ihrer Art. Trotzdem vermitteln sie sehr oft Identität und Zusammenhang. Die immer zahlreicheren Abbrüche zerreissen städtebauliche Gefüge und einheitliche Massstäbe. Nur selten entstehen danach raffinierte Neubauten, die das Umfeld stärken – öfter hält unter dem Titel der Verdichtung der Geist der Agglomeration Einzug: aus lesbarer städtischer Ordnung wird zusammenhangloses Nebeneinander; massige Volumen bedrängen die Nachbarschaft, Gärten und Bäume müssen Tiefgaragen und ihren Einfahrten weichen. Und nicht zuletzt verschwindet mit dem Bestand erschwinglicher Wohnraum, werden ganze Bevölkerungsgruppen aus der Stadt verdrängt. Es ist aber weder die soziale noch die baukulturelle Kritik, welche die herrschende Abbruchwut heute entscheidend infrage stellt. Es ist die Einsicht der Dringlichkeit der Klimakrise. Wenn die Treibhausgasemissionen über die gesamte Lebensdauer (und nicht nur die Energieeffizienz im Betrieb) das entscheidende Kriterium sind, wird Abbruch als Strategie fragwürdig. Der Bestand ist ja nicht nur ein CO₂-Speicher, er enthält zugleich eine Einladung zur Suffizienz, zu einem Leben mit etwas weniger Fläche und Komfort.

Leseprobe

Bestand bereichert

Alternativen zum Abriss

Daniel Kurz und Roland Züger

Die Masse der abgebrochenen Bausubstanz in der Schweiz ist enorm – und kaum zu vereinbaren mit der Sorge ums Klima. Das Reparieren und Ertüchtigen erfordert jedoch eine gründliche Analyse des Vorhandenen, Ideenreichtum und auch Risikobereitschaft. Normen und Bauvorschriften benachteiligen den Umbau, und Abbruch ist heute zu billig: CO₂-Emissionen und Deponiegebühren müssen in Zukunft besteuert werden.

Im Bestand erhalten, ideenreich erweitert und neu organisiert: Primarschule Hellwies in Volketswil von Weberbrunner.
Bild: Beat Bühler

Mehr ma bitte!

Leerstand und Revitalisierung in Tokio

Anne und Sebastian Gross

In Tokio stehen Tausende der typischen Einfamilienhäuser aufgrund von Spekulation oder rechtlichen Unsicherheiten leer. Junge Architekturschaffende – wie die Autorin und der Autor – haben solche Häuser wiederbelebt. Entscheidend ist dabei eine Hinwendung zur Strasse, vermittelt über neue Formen traditioneller Räume. Ma, das japanische Wort für «Zwischenraum», verkörpert den Raum zwischen Objekt und Objekt. Mehr Ma ist vielleicht eine Bank für Passanten oder ein Aufenthaltsraum für Kinder aus der Umgebung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg neu gebaut und mehrfach erweitert, fand dieses Haus irgendwann keine Verwendung mehr. Seit 2018 wird es von Studio Gross renoviert, bewohnt und für die Nachbarschaft geöffnet.
Bild: Studio Gross

Grenzenlos wie das Leben

Umbau und unterirdische Erweiterung eines Ateliers

Jenny Keller, Johannes Marburg (Bilder)

In einem rauen, eingeschossigen Gewerbebau am Rand von Sion brachten Mijong architecture design eine vielschichtige Kinderwelt unter. Die neuen Räume der Kinderkrippe La Pouponnniere Valaisanne verfügen trotz ihrer Lage im Untergeschoss über eine Grosszügigkeit, die nur der Bestand so hergeben kann. Ein Holzdeck mit amöbenförmigen Öffnungen verbindet Innen und Aussen.

Alles war schon da: Die begrünte Böschung vermittelt den Räumen der Kita im Untergeschoss Zugang zu natürlichem Licht und zur Natur. Dieses Aha-Erlebnis auf der Baustelle wurde vom Fotografen ebenfalls festgehalten. Bild: Johannes Marburg

Die Feier des Gebrauchs

Kingston School of Art Haworth Tompkins

Edwin Heathcote, Philip Vile (Bilder)

Statt für Abbruch und Neubau entschieden sich Haworth Tompkins an der Kingston School of Art für eine sanfte Erneuerung des unspektakulären Bestandsbaus. Clevere Rochaden der Nutzungen ermöglichten Synergien oder spielten Flächen für Neues frei. Bei der Schaffung neuer Werkstätten und Ateliers setzten sie auf die industrielle Ausstrahlung von Betonstützen und Elementdecken im Rohbau sowie schräger Oblichter. Originaltext Englisch

Dank zurückhaltenden Eingriffen hat der spätmoderne Bau seinen Charme und damit auch die Erinnerungen vieler bewahrt: neue Brise-soleil statt Hightech.
Bild: Philip Vile

Ein Tresor als Inspiration

Postgebäude wird Kindergarten in Hunzenschwil

Lucia Gratz, Jason Klimatsas (Bilder)

Aus einem hässlichen kleinen Zweckbau, der ehemaligen Post im aargauischen Hunzenschwil, wurde ein inspirierender Kindergarten. Schmid Schärer und Weber Weber Architekten bezogen typische Elemente wie die Postfächer oder den Schalter spielerisch in die neue Nutzung ein. Gezielt eingesetzte Farbakzente zeichnen einzelne Situationen im Altbestand aus und machen sie dadurch mehrfach les- und nutzbar.

Aus der einstigen Schalterhalle der Post entstand eine mehrfach nutzbare Spielsituation für den Kindergarten.
Bild: Jason Klimatsas
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werk-notiz

Der eidgenössische Grand Prix Design 2022 geht an die Innenarchitektin Verena Huber. Und werk-material.online eröffnet mit neuen Features noch mehr Möglichkeiten.

Debatte

Was sind die personellen und organisatorischen Voraussetzungen für eine hohe Baukultur in Gemeinden? Ein Luzerner Forscherteam hat die Wakkerpreis-Gemeinden untersucht.

Wettbewerb

Ebenso spannend wie die in maximaler Dichte gestapelte Stadt auf dem Berner Areal «Wankdorfcity 3» ist die ungewöhnliche, auf Kollaboration setzende Art des Verfahrens.

Ausstellungen

Das AzW zeigt eine Ausstellung über Architektur und virtuelle Spielwelten. Ausserdem: die opulente Schau Napoli Supermodern am S AM Basel und eine Wiener Ausstellung über die Gruppe Missing Link.

BSA-Preis

Der Luzerner Buchhändler Heinz Gérard erhält den BSA-Preis 2022.

Bücher

Zwei Tipps von Jenny Keller: Werner Sobek erläutert das «Bauen der Zukunft», während man in Basel über ungebaute Architektur nachdenkt.

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Leicht und leistungsfähig

Potenziale für Formsperrholz in der Architektur

Lukas Ingold

Thema des BSA-Forschungsstipendiums sind die Potenziale leicht formbarer Sperrholz Elemente für die Architektur. Publikation bestellen

Flugzeugrumpf aus Formsperrholz des Flugzeugbauers Armand Deperdussin (ca. 1912).
Bild: © Printamp / Collection Musée de l’Air et de l’Espace, Le Bourget

Der Durchbruch

Umbau und Sanierung Kaserne Basel von Focketyn del Rio Studio

Jenny Keller, Peter Tillessen (Bilder)

Focketyn del Rio haben die Basler Kaserne zum Rhein geöffnet – ein Durchbruch in jeder Hinsicht. Unsere Kritik ist zugleich ein Selbstversuch: Mit dem Davos Qualitätssystem Baukultur liegt ein international verfügbares, quantifiziertes Beurteilungstool vor. Hilft es weiter?

Der kühne Torbogen, mitten durch den Südflügel geschlagen, symbolisiert die städtebauliche Kraft dieses Entwurfs und öffnet die Kaserne.
Bild: Peter Tillessen

Genius Loci im Untergrund

Personen- und Velounterführung Winterthur Nord, 10:8 Architekten

Tibor Joanelly, René Dürr (Bilder)

Die neue Bahnhof-Unterführung in Winterthur von 10:8 Architekten besitzt grosse räumlich konzeptuelle Vorzüge. Wie bilden sie sich im Davos Qualitätssystem ab?

Personen- und Velounterführung Winterthur Nord: Die unterirdischen Bereiche für Passanten und Passantinnen zu Fuss oder Velo sind parallel geführt und räumlich verbunden. Nischen zwischen den Ladenlokalen ermöglichen den Aufenthalt auch ohne Konsumation – und vielleicht den einen oder anderen Blick zwischen den Welten. Bild: René Dürr

werk-material 06.06./792

Repräsentation in Holz

Roland Züger, Rasmus Norlander (Bilder)

Obwaldner Kantonalbank, Sarnen von Seiler Linhart

Obwaldner Kantonalbank Hauptsitz, Sarnen. Noch alleinstehend signalisiert die Kantonalbank mit ihrem klassisch dreiteiligen Fassadenaufbau bereits baukulturellen Anspruch im Quartier Sarnen Nord. Bild: Rasmus Norlander

werk-material 06.06/793

Spezifische Peilung

Tibor Joanelly, Philip Heckhausen (Bilder)

Amt für Umwelt und Energie AUE, Basel von Jessen Vollenweider

Kraftwerk oder städtisches Bürohaus? Die PV-Fassade macht das Gebäude zum rätselhaften Objekt in seiner Gasse. Bild: Philip Heckhausen

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