7/8 – 2018

Im Klimawandel

Der Gebäudesektor trägt einen grossen Teil zum Ausstoss jener Treibhausgase bei, welche die Erwärmung verursachen. Darauf hat die Branche reagiert, indem sie den Gebäudepark mittels Neubauten und Sanierungen auf ein Minimum an CO₂-Ausstoss trimmt. Aber produziert sie im Zuge dieser Erneuerungsarbeiten nicht so viel CO₂, dass der Rest des im Rahmen der Pariser Klimaziele verfügbaren Emissions-Budgets innert weniger Jahre aufgebraucht wird? Wie unser Autor Sasha Cisar in diesem Heft ausführt, wäre ein Kulturwandel vom Ersatz zum Erhalt der Bausubstanz und vom Einsatz CO₂ verursachender zu CO₂ bindenden Materialien dringend angezeigt. Unter hiesigen Architekturschaffenden gibt es eine hohe Sensibilität für das Thema, aber wenig Antworten mit den Mitteln der Architektur. Vielleicht, weil der Klimawandel immer noch als Problem «der Anderen» wahrgenommen wird? Doch wer heute ein Gebäude plant, tut dies für ein ganz anderes Klima als das heutige. H Arquitectes aus Katalonien zeigen, wie mit den Mitteln der Architektur selbst klimagerechte Bauten entstehen können – ohne aufwändige Technik und dichte Hülle. Gesucht sind in diesem Sinn innovative wie traditionelle Antworten auf die Frage, wie wir unseren Planeten und unsere Häuser bewohnbar halten. Wir haben Architekturschaffende danach befragt und einen Augenschein in Städten genommen, die den Umbau für eine wärmere Zeit in Angriff nehmen.

Leseprobe

Wie hältst du es mit dem Klimawandel?

Fragen von heute zur Architektur von morgen

Die Redaktion bat fünf Architekturschaffende um ein Statement, wie sie in ihrer Arbeit auf den Klimawandel reagieren:

JOM Architekten, Zürich
Raphael Frei (pool Architekten, Zürich)
Franziska Wittmann (ETH Zürich)
Dietmar Eberle (Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau, A)
Roger Tudó (H Arquitectes, Sabadell, E)

Neue Paradigmen führen zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten: Eine von vielen denkbaren postfossilen Architekturen. Freie Arbeit und Bild von JOM Architekten

Nackte Architektur

Kulturzentrum Cristalleries Planell in Barcelona von H Arquitectes

Daniel Kurz, Adrià Goula (Bilder)

Das Bewusstsein für die Herausforderung des Klimawandels leitet im besten Fall auch die Entwurfshand. Ein cleverer Einsatz der architektonischen Mittel und die Nutzung passiver Techniken ermöglicht energiesparendes Bauen ohne viel Technik. Daniel Kurz hat das Kulturzentrum Cristalleries Planell von H Arquitectes in Barcelona besucht.

Die neubarocke Pfeilerfassade auf der Südostseite der Cristalleries Planell trägt einen Aufsatz aus
Glasbausteinen, darüber ragen die Solarkamine hervor, die das Klima des Gebäudes regulieren.
Bild: Adrià Goula

Umbauarbeiten auf der Hitzeinsel

Karlsruhe, Zürich, Sion: Wie sich Städte der Klimaerwärmung anpassen

Benjamin Muschg

Sind unsere Städte überhaupt vorbereitet auf den Klimawandel? Mit dieser Frage im Gepäck hat sich Redaktor Benjamin Muschg umgehört. Seine Reportage zum aktuellen Stand der Bemühungen in Karlsruhe, Zürich und Sion zeigt Strategien auf, wie sich Städte auf den Klimawandel einstellen. Fazit: «Kaltluftleitbahnen», «Stadtgrün» und «Hitzeinseln» gehören ab sofort in den Aktiv-Wortschatz der Architektinnen und Architekten.

Mit dem City Park hat Karlsruhe ein neues Quartier gebaut, das wichtige Forderungen des Klimaanpassungsplans erfüllt:
Dächer und Höfe der Wohnblöcke 
und des Büroriegels sind bepflanzt,
dazwischen liegt ein breiter Grünraum, über den ein Kaltluftstrom weit in die Stadt vor dringen kann. Bild: Geoplana

Heizen bei offenem Fenster

Architektur und Ökologie in Chinas urbanem Süden

Sascha Roesler

Abseits unserer Komfortzonen hat Sascha Roesler in Chinas urbanem Süden Gebäude und ihre Klimasysteme in den Blick genommen. Dort herrschen im Inneren auch mal Aussentemperaturen. Für kurzfristigen Komfort sorgen warme Kleider, traditionelle Kohlebecken oder elektrische Heizgeräte. China lehrt uns, wie es sich ohne homogenes Innenraumklima leben lässt – und lenkt den Blick auf passive Energiekonzepte.

Im Klimakontinuum südchinesischer Wohnhäuser verhelfen nur individuelle Massnahmen zu etwas Wärmekomfort. Das Bild der Schweizer Künstlerin Katja Jug wurde in Chongqing aufgenommen. Es stammt aus der Künstlerpublikation Sun City (2018). 
Bild: Katja Jug

CO₂-negativ ist positiv

Dekarbonisierung – Eine Herausforderung für das Bauen

Sasha Cisar

Landauf landab wird unter dem Bauen für die Energiewende das Energiesparen verstanden oder der Umstieg auf die Erneuerbaren geprobt, wie es heute heisst. Doch Energie gibt es eigentlich genug, meint der Wissenschaftler Sasha Cisar. Viel wichtiger sei es, darüber nachzudenken, wie die Emission von CO₂ beim Bauen verhindert werden kann. Cisars Artikel ist ein Aufruf, nur das Nötigste zu bauen und dabei möglichst CO₂-neutrale Materialien zu verwenden.

Die Kombination dreier Radarbilder des Satelliten Sentinel-1 veranschaulicht die zeitliche Veränderung des arktischen Eisschildes im äussersten Norden Kanadas. Der ungewöhnliche Schwund zeigt sich im Unterschied von Rot (Dezember 2016) zu Gelb (Februar 2016). Bild: ESA

Leeres Versprechen

Ein Nachhaltigkeits-Symbol von BIG in Amager/DK

Tibor Joanelly

Mit der Skipiste auf Kopenhagens neuer Kehrichtverbrennungsanlage von BIG soll der Klimawandel zum Volksspass werden. Was als Zeichen der Nachhaltigkeit versprochen war, ist zum Symbol des Konsums mutiert. Der künstliche Berg hat eine Maus geboren.

Ein «gewobenes» Kleid aus bewachsenen Aluminium-Pflanztrögen soll die Kehrichtverbrennungsanlage auratisch aufladen und ihrem Zweck Akzeptanz verschaffen. Ein Schelm, wer behauptet, dass das gar nicht nötig ist. 
Bild: Aldo Amoretti

Debatte

Gregory Grämiger, der aktuelle Preisträger des BSA-Forschungsstipendiums, ruft die Architektenschaft zur Einmischung in die Politik auf, um konkret über Baugesetze und ihre Verbesserungsmöglichkeiten nachzudenken.

Recht

Den ambitionierten und in breiten Teilen umstrittenen Gestaltungsplänen im Stadtzürcher Hochschulgebiet wurde jüngst ein Riegel vorgeschoben. Dominik Bachmann erläutert die Gründe.

Bücher

Christoph Wieser hat das jüngste Buch Stoffwechsel von Ákos Moravánszky gelesen und kommt zum Schluss: Das Opus magnum ist ein Fülhorn. Zu der fundierten Kritik gesellt sich ein Buchtipp zur Publikation ausgegrenzt und abgewertet von Inge Beckel.

Ausstellungen

Der Schweizer Pavillon hat an der 16. Architektur-Biennale in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Die Schau, kuratiert von Yvonne Farell und Shelley McNamara, unter dem Motto Freespace vermochte die beiden Redaktoren Tibor Joanelly und Roland Züger nicht restlos zu überzeugen.

Kolumne

Architektur ist ... bezirzend

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

Eine Konstruktion der besonderen Art hat den Kolumnisten Klos dieses Mal in ihren Bann gezogen – oder besser: Das Bauwerk hat ihn gefunden, denn der Hunger war mächtig.

Illustration: Johanna Benz

Selbstermächtigung macht Schule

Avasara Academy von Case Design im indischen Dorf Lavale

Roland Züger, Ariel Huber (Bilder)

Die Avasara Academy im indischen Dorf Lavale ist eine private Mädchenschule, die das Büro Case Design entworfen hat. Das Ensemble überzeugt mit seinem interdisziplinären Ansatz, bei dem das Anlegen der Gärten selbst im Curriculum Eingang gefunden hat.

Oben noch Rohbau mit Farbmustern an der Decke, die Eingangstür wird gerade gestrichen, und hinter dem Glas wird die zukünftige Bibliothek zwischenzeitlich als Turnhalle
genutzt.
Bild: Ariel Huber

Massenwohnungsbau retour

Herr Zalotay und sein Haus im Ziegelried

Tibor Joanelly

Der Name Elemér Zalotay wird Ihnen im Gedächtnis bleiben. Der Nonkonformist und Tüftler hat in seinem Schweizer Exil ein Haus gebaut, das mittlerweile unter Denkmalschutz steht. Nach seinem Umzug ins Altersheim harrt es nun einer neuen Bestimmung.

Eine Park-Spirale umrundet 20 000 Wohnungen für den Selbstausbau: Projekt einer 200-geschossigen «Megastruktur» als Leichtkonstruktion über Milwaukee, International Design Competition 1987–88. Alle Zeichnungen im Beitrag © Elemér Zalotay/FUGA Galleria Budapest

werk-material 06.06 / 716

Wie ein eingeschlagener Nagel

Luca Pessina, Paolo Rosselli (Bilder)

Credit Suisse in Lamone TI von Meyer Piattini

Originaltext Italienisch

Lo stabile si affranca «come un chiodo» alla rotonda stradale e al confuso tessuto costruito della valle del Vedeggio.
Imagini: Paolo Rosselli

werk-material 06.06 / 717

Dorfschrein

Clea Gross, Markus Käch (Bilder)

Raiffeisenbank Unteriberg SZ von Roman Hutter

Vom runden Dorfbrunnen geht es ein paar Stufen hoch zur repräsentativen Eingangshalle
der Bank. Aufgrund der präzisen Detaillierung in Beton und Holz stellt sich eine wohnlich-repräsentative Stimmung ein.
Bild: Markus Kaech

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