Architekt/in FH, wer bist du?

Absolventen der Fachhochschulen in der Praxis

Alois Diethelm

Es mehren sich die Stimmen, die sich über eine mangelnde Ausführungskompetenz der FH-Absolventen beklagen. Der Tenor: Die entwerferischen Qualitäten würden steigen, dafür nehme die konstruktive Kompetenz ab. Allein der Wandel der Berufsbezeichnung lässt erahnen, wie sehr sich an den Fachhochschulen und an ihren Vorläufern, den Techniken, die Ausbildungsschwerpunkte im Laufe der Zeit verschoben haben. Hiessen deren Absolventen zuerst «Bautechniker» (1887–1965) und «Architekt-Techniker HTL», sind sie seit 1980 «Architekten HTL», und «diplomierte Architekten FH» (seit 2000). Anlass zu Klagen boten diese Schulen, so scheint es, immer. Der Vorstand des Bundes Schweizer Architekten BSA liess bereits 1930, als am Technikum Winterthur das Fach «Bauentwerfen» nur in den beiden letzten von insgesamt sechs Halbjahreskursen gelehrt wurde, in «werk» 8/1930 verlauten: «Auf den Techniken sollten weniger Entwürfe gemacht werden, dagegen sollte man mehr technische Details aufnehmen; bei vielen Angestellten fehlt die Präzision beim Zeichnen, dafür besteht ein falscher künstlerischer Ehrgeiz.» Später wurden die Technikums-Absolventen auch als unkritische Macher verurteilt.

Im Schatten der steigenden Komplexität

Nimmt heute das konstruktive Wissen tatsächlich (wieder) zu Gunsten des Entwerfens ab? Geht man davon aus, dass Verbesserungen nur möglich sind, wenn anderswo Verschlechterungen eintreten, dann muss man zwangsläufig zu diesem Schluss kommen. Anders verhält es sich, wenn man anerkennt, dass das Bauen immer komplexer wird. Die Anforderungen steigen in allen Bereichen, und wenn man sich etwa vor Augen führt, auf wieviele Arten heute eine verputzte Aussenwand konstruiert werden kann, so wird deutlich, wie schwierig es ist, sich über alle Gewerke hinweg ein profundes Wissen anzueignen und dieses ob der rasanten Veränderungen auch aktuell zu halten.
Mit der Frage konfrontiert, gibt denn auch Christian Zimmermann, Leiter des Bachelor-Studiengangs Architektur an der Hochschule Luzern (HSLU) zu bedenken, dass es ein geschlossenes Ausführungswissen nicht mehr gebe und sich die Rollen im Projektierungsprozess massiv verschoben hätten. Damit meint er unter anderem die Bedeutung der Bauphysik, die vermehrte Realisierung innerhalb von GU- und TU-Modellen, aber auch einen «drastischen Verlust an Ausführungswissen bei vielen Unternehmern». Aus eigener Anschauung lässt sich festhalten, dass heute – verglichen mit 1992, als der Autor dieser Zeilen am Technikum Winterthur diplomierte – an den Fachhochschulen nicht nur ein profunderes Wissen über den Entwurf, sondern auch über Konstruktion vermittelt wird. Das mag für diejenigen, die im Architekt FH gerne den Bautechniker aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sähen, immer noch zu wenig sein. Dabei wird übersehen, dass es längst ein Äquivalent dazu gibt, den «Techniker HF Hochbau», eine dreijährige, berufsbegleitende Ausbildung, die auch die Bereiche Ausschreibung und Bauleitung abdeckt.

Zweifelhafter Nutzen von Praktika

Viel weitreichender als die Gewichtung von Lehrinhalten könnte sich aber aktuell die so genannte Passerelle der Bologna-Reform erweisen. Sie ermöglicht ein Fachhochschulstudium auch ohne berufliche Grundausbildung in einem der Studienrichtung verwandten Beruf. Von dieser Option wird rege Gebrauch gemacht. Bildeten Hochbauzeichner mit Berufsmaturität an den Architekturabteilungen der Fachhochschulen bisher eine deutliche Mehrheit, machen sie heute nur noch die Hälfte aus. Dafür hat sich der Anteil der Studierenden mit gymnasialer Maturität innerhalb der letzten zehn Jahre verdoppelt; er beträgt gegenwärtig rund 20 Prozent.
Zulassungsvoraussetzung ist eine einjährige «Arbeitswelterfahrung» in einem Architekturbüro. Diese Zusatzleistung sei für die Sicherstellung des praxisorientierten Profils der Fachhochschulen wichtig, schreibt der Bundesrat in Beantwortung eines Postulats zur Handhabung der Eintrittskriterien und kommt in seinem Bericht zum Schluss, «dass die Fachhochschulen diese Zusatzleistung einfordern».1 Wer jedoch weiss, wie solche Praktika in der Regel ablaufen, wird die Erfüllung des formulierten Zwecks – die Sicherstellung des praxisorientierten Profils – in Frage stellen. Tatsächlich bemängelt der Bundesrat denn auch, dass die Fachhochschulen die Lernziele des Praktikums sehr unterschiedlich definieren würden. Und ebenso heterogen sei die Überprüfung, die vom Vorliegen einer Arbeitsbestätigung über Praktikumsjournale bis zu Assessments reiche. Schulen und Arbeitgeber tun also gut daran, der spezifischen Zielsetzung dieser Arbeitswelterfahrung (mehr) Beachtung zu schenken, auf dass Stelleninserate mit dem Zusatz «mit zeichnerischer Grundausbildung» nicht zum Regelfall werden, und dass es klar(er) bleibt – oder wird –, was hinter der Bezeichnung «diplomierter Architekt FH» steckt.
Aber auch das Anbieten von mehr Lehrstellen für Hochbauzeichner wäre diesem Ziel sicher nicht abträglich. Oder wie es Christoph Wieser, Leiter des Zentrums Konstruktives Entwerfen an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) formuliert: «Wenn nun viele Büros beklagen, die FH-Abgänger könnten nicht mehr konstruieren, dann lautet meine Frage: Wer von diesen Büros bildet Lehrlinge aus? Bauen ist Handwerk. Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, einen effektiven Praxisbezug ‹von unten› zu fördern.»

Zweiteilung als Chance zur Weiterbildung

Auf der anderen Seite kann selbst das beste Praktikum eine vierjährige Berufslehre nicht ersetzen. So werden viele ausführungsnahe Themen, die an den Fachhochschulen unterrichtet werden, Gymnasiasten unberührt lassen, weil sie sich der Problematik gar nicht bewusst sind. Auf der anderen Seite werden aber auch die frisch gebackenen Hochbauzeichner vieles nicht kennen. Auch an ihnen werden deshalb gewisse Fragestellungen abprallen, was in «werk» anlässlich der Vorstandsitzung des BSA vom 28. Juli 1930 ebenfalls besprochen wurde: «Der Lehrplan sollte nicht durch weitere Fächer überlastet werden, dagegen wären Fortbildungskurse über bestimmte Gebiete sehr nützlich – auch für die Architekten –, denn erst die Praxis zeigt die Bildungslücken und weckt das Bedürfnis, weiterzulernen. Es ist sinnlos, praktische Fächer theoretisch auf Vorrat zu lernen, ohne dabei die Praxis auszuüben, die erst zeigt, warum das Gelernte wichtig ist.»
Vor diesem Hintergrund bedeutet die Zweiteilung des Architekturstudiums in Bachelor und Master auch eine Chance. Heute geht nämlich eine grosse Mehrheit der FH-Studierenden nach dem Bachelor-Diplom (zurück) ins Berufsleben. Das Szenario: Nach ein paar Jahren in der Praxis werden Defizite erkennbar, die mit einem Masterstudium behoben werden – im Idealfall berufsbegleitend.

Zwei gesamtheitliche Ausbildungen

Die Qualität des hiesigen Bauens wird oft dem dualen Bildungssystem zugeschrieben, das nicht nur akademisch ausgebildete Architekten hervorbringt, sondern auch solche mit Praxisbezug. Dabei wird gerne darauf hingewiesen, dass gute Architektur nur im Zusammenspiel der beiden Typen entstehen könne. Die Architektur-Ausbildung an der ETH fokussiert aber keineswegs nur auf konzeptionelle und gestalterische Aspekte. Im Gegenteil: die Kohärenz zwischen Ausdruck und Konstruktion wird als essenziell erachtet, und die Studierenden erhalten einen praxisbezogenen Konstruktionsunterricht, der seit mindestens zwanzig Jahren über die ETH hinaus Beachtung findet. So kursierten die Publikationen eines Heinz Ronner ebenso an den Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) wie jene von Arthur Rüegg, und ein FH-Studium ohne Andrea Deplazes’ «Architektur konstruieren» ist heute kaum denkbar. Zudem wurde jüngst an der ETH gar erwogen, das Lehrmittel der Hochbauzeichner einzuführen. Ähnlich gesamtheitlich wird gegenwärtig der Architekturunterricht an den meisten Fachhoch schulen gepflegt. Letzten Endes sind es einfach zwei Wege, die mit unterschiedlichen Vorzeichen zum gleichen Ziel, dem Diplom als Architekt/in, führen. Ein Blick in die Stelleninserate der letzten 30 Jahre bestätigt diese Zielsetzung: Werden nicht explizit städtebauliche oder rein konstruktive Kompetenzen verlangt, wird zwischen ETHund FH-Absolvent/in meist gar nicht unterschieden – und dies nicht nur in der Hochkonjunktur.

1 Eidgenössiches Volkswirtschaftsdepartement EVD, Bericht des Bundesrates vom 27. Oktober 2010 in Erfüllung des Postulats Eintrittskriterien für die Zulassung zu den Fachhochschulen 08.3272.

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