Auskragung als Einladung

Werkraum Haus Andelsbuch von Peter Zumthor

Roland Züger

Die mächtige Erscheinung des über siebzig Meter langen Dachs markiert den Anspruch und das Selbstbewusstein der Zunft. Unter der weiten Auskragung des Holzschirms sind die Erzeugnisse der Handwerksbetriebe des Werkraum Bregenzerwald versammelt. Neben dem Schauraum ist das Haus aber vor allem neuer Treffpunkt.

Das Werkraum-Haus ist Vitrine des Handwerkerschaffens und regionaler Treffpunkt. Unter dem ausladenden Vordach finden Anlässe und manche Festwirtschaft im Freien statt.

Wie ein Gegenpol steht im Vorarlberger Rheintal die hochgerüstete neue Industrie der alten Handwerkskultur im dahinterliegenden Bregenzerwald gegenüber. Das Hightech mit seiner Konzentration von Kapital und Aufmerksamkeit produziert in seinem Schatten ein Abseits, in dem die Zeit langsamer vergeht. Aber das Berggebiet hat den Schatten der Globalisierung in den letzten Jahren für sich genutzt. Erhaltung und Kultivierung des alten Handwerks ist mehr denn je die ökonomische Grundlage, der Wertschöpfungskette werden weitere Glieder angehängt. Aber eine Frage drängt sich auf: Wie lässt sich künftig verhindern, dass die Produkte des Handwerks immer exklusiver werden?

An Ahorntischen lassen sich interessierte Besucher neben geschäftigen Handwerkern nieder.

Handwerk sucht Haus

Die nachhaltigen Kreisläufe der Bregenzerwälder Handwerks- und Baukultur hat Florian Aicher in unserer Zeitschrift (wbw 5 – 2013) gewürdigt und einigen seiner Akteure ein charismatisches Porträt gemalt. Ihr gemeinsamer Hintergrund ist der Verein Werkraum Bregenzerwald – 1999 gegründet – der 85 Betriebe mit rund 1000 Beschäftigen zu seinen Mitgliedern zählt, allesamt Mittelständler, manche mit langer Familientradition: Schreiner, Zimmermeister, Maler, Baumeister, Installateure, Ofenbauer, Sattler, Grafiker, Köche, Mode- und Schmuck- und Schuhmacher. Wissen und Können tragen sie seit 1991 regelmässig im vielbeachteten Wettbewerb «Handwerk+Form» zur Schau. Die Zusammenarbeit mit professionellen Gestaltern – Architekten, Designern, Künstlern aus dem In- und Ausland – ist Teilnahmebedingung. Das sichert Wissenstransfer sowie Innovationsfähigkeit und schützt vor Isolation.
Der Neubau des Werkraum-Hauses von Peter Zumthor schafft dem Verein eine institutionelle Heimstatt und kommt darin seinem Vermittlungsauftrag nach. Das neue Haus dient seinen Mitgliedern in mehrfacher Hinsicht: Zunächst als prestigeträchtiges Vorzeigeobjekt des eigenen Schaffens – 42 lokale Betriebe waren beim Bau involviert. Auf den 710 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind sie zudem mit Produkten, Prospekten und Präsentationen hinter der raumhohen Glasfassade aufgereiht. «Im Zentrum steht das Werk: immer ein Ganzes, Kopf und Hand, Vergangenheit und Zukunft, Herstellung und Gestaltung», heisst es zum Selbstverständnis auf der Webseite des Werkraums Bregenzerwald.

Hölzerner Hut

Neben der Funktion als Vitrine, in der die handwerkliche Produktion sichtbar wird, ist das Haus vor allem eines: ein vitaler Treffpunkt. Handwerker kommen zum Mittagessen vorbei und schauen nach ihren Produkten, optimieren deren Präsentation. Das selber geführte Restaurant bereitet täglich dreissig Mittagessen zu, man speist an Ahorntischen ohne weisse Tischtücher, mitten in der Ausstellung, neben Handwerkern und Touristen. Über diesen hellen Tischen schwebt ein dunkles Dach. Als mattschwarz gestrichene Holzkonstruktion misst es eine eindrucksvolle Länge von zweiundsiebzig Metern. Zwei parallele Reihen von jeweils sieben zarten Stützen tragen 1 512 Quadratmeter Fläche. Das über 3,30 Meter über die Fassade vorkragende Dach ist Geschenk und Einladung an Ort und Besucher. Die offene, additive Kassettenstruktur des Holzdaches, die auf Stützen lagert, unterstreicht die Zugänglichkeit des Gebäudes von allen Seiten und verleiht dem Selbstverständnis des Werkraum-Hauses als Ort der Zusammenkunft Form.

Restaurant und Bar im Oststeil des Werkraum-Hauses schaffen einen regionalen Treffpunkt.

Brücken bauen

Das Geheimnis des ungemein filigran gestützten Dachs liegt in seiner Konzeption als hölzerner Gitterrost, der alle Lasten fast gleichmässig verteilt. Jede Stütze nimmt die Lasten von einem nahezu quadratischen Feld von 10,4 Metern Länge auf. Die Holzstützen weisen in ihrer Mitte, der Stelle der massivsten Knick-Kräfte, wie ihre antiken Vorläufer eine Schwellung auf. Das Dach darüber ist ein gerichtetes Gittertragwerk: Die Träger laufen über die Stützen hinweg in Längsrichtung durch und bilden in halbem Abstand verlaufende gleich starke Nebenträger aus. Sie sind als 1,30 Meter hohe Kastenträger konstruiert. Im Auskragungsbereich sind die dreischichtig aufgebauten Träger durchgängig massiv und weisen an dieser Stelle keinen Hohlraum mehr auf. Zwischen den Haupt- und Nebenträgern bilden rund acht Zentimeter breite Träger die Kassetten des Daches.
Drei hohle Körper aus Sichtbeton bewältigen die Aussteifung des Gebäudes und beinhalten Küche, Nebenräume, Erschliessung des Kellers sowie den Warenlift. Die Unterkellerung beherbergt die Sammlung der Ankäufe aus den Wettbewerben, die vom Vorarlberger Landesmuseum ausgeliehen sind. Die versetzt angeordneten Betonkörper schreiben der sechs Meter hohen Schauvitrine einen leicht mäandrierenden, aber offenen Raum ein. Darin befinden sich neben dem Restaurant und der Bar im Nordosten, zur anderen Seite hin auch Flächen für Sonderausstellungen zu Themen der Werkstätten. Selbst die Arbeitsplätze der Geschäftsführung finden, hinter der Prospektwand verborgen, in der grossen Halle Platz. Vorhänge aus schwarzem Loden können zur Raumzonierung und Schalldämpfung gezogen werden. So bleibt die Halle offen und flexibel bespielbar.

An zahlreichen Modellen bis zum Massstab 1:1 – wie hier in der Dachkonstruktion – prüfte und präsentierte das Team von Peter Zumthor dem Werkraum und seinen Mitgliedern seine Entwurfsideen.

Konzentrierter Auftritt

Freitags verlagern einige Werkstattmeister ihren Arbeitsplatz ins Werkraum-Haus, sodass die täglich rund hundert Besucher dem Möbelpolsterer, Goldschmied oder Filzhandwerker zuschauen können. Das Vermittlungsprogramm und eine ernsthafte Nachwuchspflege sind besondere Anliegen des Vereins, wie die jahrelang in Sachen Werkraum-Haus engagierte Geschäftsführerin Renate Breuss betont: «Wir bauen eine Brücke zum Handwerk.» Sie hat keine Angst davor, dass mit der feierlichen Präsentation höhere Wertigkeit, Exklusivität und Preise der Handwerksprodukte einhergehen. «Durch unser Verständnis als Vermittler und die Offenheit des Hauses sowie die gelebte Nähe zum Handwerk – wie zu den Besuchern – bleiben wir am Boden.» Sechs Meter über dem Andelsbucher Boden schwebt das dämmrige Dach, schwarz wie die Hüte der Bregenzerwälder Tracht. Das Dunkle schluckt alle Details und lässt die Umgebung hereinfliessen: die bewaldeten Hügel, an deren Fuss die Streusiedlungen liegen oder den spröden Charme der Altbauten an der Bundesstrasse gegenüber. Schwarz verschafft den feinen Produkten einen konzentrierten Auftritt, das Haus funktioniert als Bühne. «Es musste von einer städtischen Eleganz sein», betont Peter Zumthor.

An zahlreichen Modellen bis zum Massstab 1:1 prüfte und präsentierte das Team von Peter Zumthor dem Werkraum und seinen Mitgliedern seine Entwurfsideen.

Miessches Modell

Schwarz sind nahezu alle Bauteile: der geschliffene, fugenlose Terrazzo, die Rundstützen sowie deren Umwicklung mit Lederriemen als Aufprallschutz, die Kaseinfarbe auf allem Holz der Halle, selbst die Sichtbetonkörper. Einzig in den Kassetten der Decke schimmern blaue Filzkissen. Sie dienen der Akustik und verdecken die Technik. Zwischen die Schwärze von Dach und Boden schieben sich die grossen Felder mit Dreifachverglasung, gefasst von flachen Chromstahlprofilen, einzig unterbrochen von zwei Sichtbetonkörpern. Die Teile aus Glas und Beton emanzipieren sich vom strengen Dachraster. Durch den Vitrinencharakter des Baus und die schwarzen Kassetten fühlen sich viele an Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin erinnert. Die Neue Zürcher Zeitung publizierte im Februar 2014 einen Essay von Tom Schoper, in dem der Autor der Frage nachging, wie «neu» ein Gebäude sein müsse, um zu überzeugen.(1) Er diagnostizierte, dass unsere affektgesteuerte Zeit zwingend auf die Erfahrung des Neuen setze, nicht auf die Wiederholung bereits gemachter Raumerfahrungen. Die Architektur von Mies funktioniert jedoch anders und ist gerade durch ihre Wiederholbarkeit schulbildend – und klassisch – geworden.(2) Hat Mies doch selbst alte Entwürfe immer als Modelle für neue verstanden: Das Berliner Museum basiert auf alten Hallenentwürfen, insbesondere zum Verwaltungsgebäude für Bacardi in Kuba.

Präzise Proportionierungen

Bei genauerem Hinsehen weist der Bau in Andelsbuch wenig Verwandtschaft mit dem Berliner Vorbild auf. Das Haus sei kein Tempel, betont Breuss, es habe ja nicht einmal einen Sockel, und ein Glashaus als Vitrine leiste sich heute jedes anspruchsvolle Autohaus. Im Bregenzerwald steht die Halle pragmatisch auf dem Parkplatz. Das Grundstück direkt neben dem alten Bahnhof, das die Gemeinde im Baurecht zur Verfügung gestellt hat, wurde immer schon als Warenumschlagplatz genutzt.
Diese Einbettung in den Alltag verankert den Werkraum in der Umgebung und lässt das Gebäude nicht als Tempel entrücken. Trotzdem erhält es dank der architektonischen Präzision einen feinen, feierlichen Charakter. An manchen Details sind die lange Suche im Entwurf und das stete Optimieren zu spüren. Die Höhe des Hauses beispielsweise lässt selbst vom Mittagstisch aus noch Himmel über der Silhouette der Strassenbebauung erkennen. Auch die Abhängung des Lodenstoffs ist wohl austariert, die Deckenuntersicht bleibt in der Tiefe sichtbar. An solchen Stellen zeigt sich, dass die Vitrine den handwerklichen Produkten, die darin ausgestellt sind, als massgeschneiderte Plattform und flexible Festhalle zugleich dient.

Das Werkraum-Haus ist eine Visitenkarte des eigenen Schaffens: 42 lokale Handwerksbetriebe waren beim Bau involviert.

(1) Tom Schoper, «Das Neue als Sucht und Suche», in: NZZ, 14. Februar 2014

(2) Wilfried Kühn, Appropriating Mies, in: Bauwelt 44, 2011, S. 26-27

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