Scheune mit Anspruch

Produktionshalle in Alpnach von Seilerlinhart

Barbara Wiskemann, Rasmus Norlander (Bilder)

Ganz in naturbelassenem Holz gehalten, mit einem überstehenden Dach versehen und mit grossen Holzschindeln verkleidet, erinnert die Holzbauhalle an ein überdimensioniertes landwirtschaftliches Gebäude, und das ist auch nicht ganz falsch. Denn es geht hier vor allem um Holz und um Wald.

Erstaunlich schlanke Stützen tragen mächtige Brettschichtholz-Fachwerkträger; aus Holz ist sogar der horizontale Träger der Kranbahn.

Die Zentralschweiz ist eine traditionelle Wald- und Holzbauregion, was sich in der Waldwirtschaft, den vielen Holzhäusern und heute in einer Anzahl schweizweit operierender, innovativer Holzbauunternehmen niederschlägt. Die Walter Küng AG als Bauherrschaft von Werk 3 hat 1977 als klassische Zimmerei und Schreinerei begonnen und sich weiter zum modernen Holzbaubetrieb entwickelt. Ein neu eingeführtes Holzelementsystem machte die Einrichtung einer Produktionsstrasse notwendig, für die wiederum ein neues Gebäude gebaut werden musste. Das System HolzPur besteht aus Vollholzelementen aus hundert Prozent unbehandeltem Holz, ohne Leim oder Metall. Das Holz stammt aus der Region; Stephan Küng, der mit seinem Vater das Unternehmen leitet, kümmert sich mit den Förstern um die Art des Holzschlags, lässt die ausgesuchten Stämme nach dem Mondkalender schlagen und bevorzugt wintergeschlagenes Holz (vgl. dazu auch den Beitrag «Hand aufs Holz» in diesem Heft, S. 36). Der mittlerweile arg strapazierte Begriff der Nachhaltigkeit, der ja aus der Forstwirtschaft stammt, scheint hier passend: Es geht einerseits um Waldnutzung – die benötigten Bretter können aus kleinen Stämmen hergestellt werden, hinzu kommen kurze Wege und eingesparte Energie, da wintergeschlagenes Holz nicht mit dem Ofen getrocknet werden muss. Ausserdem kompensiert die Photovoltaikanlage auf dem Dach einen Teil der Herstellungsenergie der Holzelemente.

Den Küngs war es ein Anliegen, auch das Werk 3 aus lokalem Holz zu bauen, aber nicht mit dem neuen Vollholzsystem, denn erstens sprachen die erforderlichen Dimensionen für einen klassischen Skelettbau und zweitens war die Produktionsstrasse noch nicht installiert. Ausser den Brettschicht Fachwerkträgern wurde alles im eigenen Betrieb hergestellt, die Ausführungsplanung übernahm die Firma gleich selbst. Stephan Küng, zuständig für das System HolzPur und den Neubau, hatte mit den Architekten Seilerlinhart (bis 2013 Patrick Seiler Architekten) bereits zusammengearbeitet und wandte sich erneut an sie, weil er nicht eine gewöhnliche-Industriehalle wollte, sondern ein Bauwerk, das die Werte der Unternehmer ausdrücken und die Kundschaft der neuen Technologie ansprechen kann.

Die Produktionshalle gleicht zwar einem Ökonomiegebäude, entspricht aber in ihrem Volumen einem Bau im Gewerbegebiet.

Unterschiedliche Takte

Im Innern der Halle sind zwei Dinge prägend: das allgegenwärtige Holz und die Tragstruktur. Die zur Grösse der Halle vergleichsweise bescheidenen Stützen rhythmisieren die Aussenwände, wobei irritierenderweise in der Dimensionierung und Art kein Unterschied gemacht wird zwischen den Stützen der Haupttragrichtung und jenen, die an den Querwänden die Fassade tragen. Mächtige Brettschichtholz-Fachwerkträger füllen den imposanten Dachraum aus. Da die Träger auf der Nordseite in aufgeständerter Variante zudem drei grosse, jeweils über drei Achsen laufende Oberlichter ausbilden und der Raumabschluss durch südlich vorgelagerte Lagerräume nach innen verlegt ist, ergibt sich in dem einfachen Schema der Halle eine interessante, asymmetrische Schnittfigur. Tragstruktur und innere Verkleidung sind konsequent aus massivem Tannen- oder Fichtenholz gemacht. So kommen die vielen Teile: Wandverkleidung, Decke, Stützen, Träger, Geländer &ndash sogar die Kranbahn läuft auf einem horizontalen Holzträger – als Ganzes zusammen. Und das Massivholz bestimmt schliesslich auch die Verkleidungen mit Latten, die sich in unterschiedlicher Form über Wand und Decke ziehen.

Auch wenn die Tragstruktur einen Raum dieser Grösse (von 38 mal 78 Meter) massgeblich bestimmt, rücken die Architekten sie aussen nicht in den Vordergrund; das Achsmass ist nur indirekt über die Breite der Tore zu erahnen. Entscheidend für den Ausdruck sind die schräge Dachuntersicht aus Latten, hinter die ein dunkles Windpapier gespannt ist, sowie die übergrossen Schindeln. Sie bilden eine geschlossene, durchgehende Haut, und damit kommt etwas sehr Präzises, Handwerkliches ins Spiel. Dieses Handwerk ist traditionell und zeitgenössisch zugleich, sind doch die Latten an den Ecken durch die trauf- und stirnseitige doppelte Schräge je einzeln mit Computertechnologie konfektioniert, die Schindeln hingegen geschuppt verlegt wie seit Jahrhunderten. Durch ihre Grösse, die etwa ein A4-Format erreichen dürfte, bilden sie jedoch nicht nur die unscharfen Einzelteile einer Haut, sondern das Schindelmass taktet wie Mauerwerk oder Strickbau die ganze Fassade inklusive der Finesse einer Ecklösung, die über das rein Verkleidende hinaus geht – was letztlich der Massivität dieser Schindelbretter entspricht.

Grosse Schindeln und schräge Latten an der Dachuntersicht prägen den Ausdruck und bilden eine geschlossene, durchgehende Haut.

Innen-Aussen-Fragen

Ein mit Brettern verkleidetes Skelett entspricht der Konstruktion einer Scheune. Bei diesem Gebäude kommt jedoch das Element der Schrägen dazu: Dachuntersicht, Dachfenster, Fensterbänder heben den Ausdruck über das rein Ökonomische hinaus, geben dem Gebäude ein Gesicht, gestalten die Fassaden und balancieren die Unterschiede im Terrain von fast einer Geschosshöhe aus. Dies ist sehr kunstvoll gemacht, und weil die gestalteten Dachuntersichten auf allen Seiten nicht auf den ersten Blick offensichtlich verschieden erscheinen, bekommt die grosse Halle eine dem Gewerbegebiet angemessene Masstäblichkeit, obwohl sie in ihrer Grösse die umgebenden Gebäude bei weitem übertrifft. Wenn man die Halle aber nicht nur von aussen sieht, sondern auch betritt, irritieren gerade diese Schrägen, weil sie mit dem rigiden, rationalen System des Innenraumes wenig zu tun haben. Bei den Fensterbändern an den Schmalseiten oder den Oberlichtern auf dem Dach könnten die Schrägen auch konstruktiv oder statisch bedingte Formen sein, die sich aber innen einfach auflösen. Auch für die Dachuntersichten, die die Fassade so schön gliedern, gibt es keinen konstruktiven Anhaltspunkt, das heisst der äussere horizontale Systemwechsel ist innen nicht spürbar. Im Gegenteil sind etwa auf der Nordfassade die vertikalen Fensterschlitze zwischen Terrain und Dachuntersicht im Innenraum einfach Löcher, eingemittet zwischen Boden, Decke und den Stützen. In diesen Widersprüchen wird wohl auch der ambitionierte Ansatz offensichtlich, eine Art repräsentative Werkhalle aus Holz zu bauen. Aber die Halle ist schön geworden.

Barbara Wiskemann, geboren 1971, lebt als Architektin und Autorin in Zürich; seit 2006 ist sie Partnerin in der neon bureau ag.

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