Raus aus der Komfortzone!

15. Architekturbiennale in Venedig

Caspar Schärer, Roland Züger

Die Fussstapfen waren gross, die Rem Koolhaas als Kurator der letzten Biennale hinterlassen hat. Doch 2016 ist das Jahr des chilenischen Architekten Alejandro Aravena. Anfang April ist ihm der Pritzker-Preis verliehen worden, Ende Mai konnte er als Chefkurator in Venedig die grösste Architekturausstellung der Welt eröffnen. «Unser eigentliches Baumaterial, dem wir als Architekten Gestalt geben, ist nicht der Ziegel, der Stein, der Stahl oder das Holz, sondern das Leben», proklamierte er anlässlich seiner Rede zur Preisverleihung. Das ganze Leben hatte er auch in Venedig im Auge. Die Fülle der vielfältigen Ausstellung im Arsenale, in den Giardini und an all den Standorten in der Stadt kann dieser Bericht nicht abdecken. Wir beschränken uns auf drei Fragen: Was bedeutet das Thema Reporting from the Front, wurde es in Aravenas Schau eingelöst? Welche Länderpavillons bieten interessante Beiträge? Was macht die Schweiz?

Schlachtruf

Alejandro Aravenas Motto Reporting from the Front wurde fast vorsätzlich falsch verstanden. Insbesondere den Begriff der Front konnten die vom Frieden verwöhnten Westeuropäer nicht einordnen – mit Ausnahme der Niederländer, die ihn in ihrem Pavillon tatsächlich mit Krieg verwechseln und von Unterkünften der UN-Missionen in Mali berichten. Dabei meint Reporting nichts anderes als einen aktivierenden Aufruf: Es gibt viel zu tun, rappelt euch auf, raus aus der Komfortzone, wir Architektinnen und Architekten können etwas bewirken. Vielleicht liegt es an der Herkunft des Südamerikaners Aravena, dass seine geballte Message ohne moralischen Unterton daherkommt. Seine Vorgänger David Chipperfield (2012) und Rem Koolhaas (2014) hatten schon vorgespurt, aber sie agierten letztlich mit europäischem Augenmass. Der Chilene schaut anders auf die Welt, und das merkt man dieser Ausstellung deutlich an. Wir freuen uns an vielen Beiträgen aus dem globalen Süden und aus Asien – jenen Regionen der Welt also, in denen die Urbanisierungs-Post so richtig abgeht. Erstmals hatten wir das Gefühl, die ganze Welt sei an der Biennale dabei, nicht nur die Postkarten-Locations.

Halb Zelt, halb Aluguss-Skulptur: der Pavillon von Manuel Herz an der 15. Architekturbiennale in Venedig gilt dem Volk der Sahraui, die seit 40 Jahren selbstverwaltet in Lagern an
der Grenze der Westsahara leben.

Die Welt ein wenig besser machen

Die Architektinnen und Architekten berichten also von ihrer jeweiligen Front – oft ohne Pathos, ganz pragmatisch. Am Ende der Ausstellung realisieren wir, dass wir kaum ein Museum, einen Flughafen oder ein Opernhaus zu sehen bekommen haben, sondern nur Bauten aus allerlei Ländern, die unsere Welt ein wenig besser machen. So etwa Interventionen wie die Einbindung von Wasserreservoirs im kolumbianischen Medellín in ein Netz öffentlicher Räume. Als Orte der Gemeinschaft zentrieren sie ganze Nachbarschaften neu um sich herum. Genauso wird das in Bambustürmen gesammelte Wasser in Äthiopien zu neuen Monumenten gefasst, die sich der italienische Architekt Arturo Vittori und sein Team ausdenken.

Prozesse sind schwierig zu repräsentieren

Kritik ist trotzdem angebracht: Viele Teile der Ausstellung sind heillos überfrachtet, mit Material und mit Text. Die komplexen Prozesse hinter den Resultaten erschliessen sich nur zum Teil. Das Kuratieren ist nicht Aravenas Kernkompetenz. Es ist erfrischend, dass er seinen Auswahlprozess offengelegt, dieser ist trotzdem nicht ganz nachvollziehbar. Auf Stars wie Chipperfield, Herzog & de Meuron, Norman Foster und Richard Rogers hätte er getrost verzichten können. Andere Büros wie die der Spanier Santiago Cirugeda und Toni Gironés, deren Arbeiten wir bereits vorgestellt haben (vgl. wbw 5 – 2015 resp. 6 – 2016), passen zwar gut zum Thema, sorgen aber mit einer viel zu breiten Auslegeordnung ihrer Portfolios für Erschöpfungszustände. Überhaupt haben die Bilder nun auch in der Architektur-Szenografie laufen gelernt: Ohne Film kommt kaum noch eine Präsentation aus. In vielen Beiträgen kompensieren die ausgelegten Materialmuster den Verlust an Authentizität. Wie eine Wohltat erscheinen Präsentationen in Modellen oder mit grossen Fotos. Die Augen können in ihnen spazieren gehen.

Verdichtungen in China

Sehenswert und bereichernd sind vorab die chinesischen Beiträge in Aravenas Ausstellung: Amateur Studio, das Büro von Wang Shu und Li Wenju (der Pritzker-Preis 2012 wurde unsäglicherweise nur ihm verliehen) versucht, chinesische Dörfer vor dem Zerfall zu bewahren. Das Büro Rural Urban Frame-work, seit Jahren auf die Transformation von Gebieten abseits der Metropolen spezialisiert, rückte mit einer tollen Analyse den eklatanten städtebaulichen Mängeln in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar zu Leibe. Der Geruch von Tierfell und gut gemachte Filme befördern eine Vorstellung vom Leben in den Jurten, die sich dort zu Vorstädten verdichten. Zang Kes Büro Standardarchitecture widmet sich mit mehreren Entwürfen der Nachnutzung von Hutongs, dem klassischen Hofhaustyp in China. Der Einbau von komplementären Nutzungen wie etwa einer Kinderbibliothek im Hof ist in der Ausstellung im Massstab 1:1 erlebbar.

Der Verdichtung in ihrem urbanen Kontext widmet sich Liu Jiakun, genauer einem gigantischen Block in der Millionenmetropole Chengdu. Bereits im Hof des riesigen Betonregals, in das sich Shops einnisten, spannen sich mehrere Sportfelder auf, aber entlang und über die Häuser hinweg bricht sich ein eigens gebauter Wegraum seine Bahn – ein vertikal organisierter öffentlicher Raum. Genutzt von Joggern oder von Velofahrern, ist der Hybrid eine Antwort auf die Platznot in China, die in der Ausstellung mit einem Modell als Kugelbahn nicht nur die Kinderaugen glänzen lässt.

Nationenpavillons

Auf der Wiese der Giardini vor dem schneeweissen Padiglione Italiano überliess Alejandro Aravena einem besonderen Gast einen Ehrenplatz in der ersten Reihe: Der an der Uni Basel lehrende deutsche Architekt Manuel Herz präsentiert in einem schlichten grauen Zelt seine engagierte Forschung zu den Flüchtlingslagern der Sahraui, jenem Volk ohne Staat, das zu einem grossen Teil im Exil lebt – seit langer Zeit in grossen Zeltstädten an den Grenzen der von Marokko besetzten Westsahara. Herz präsentiert uns auf Augenhöhe ein vierzigjähriges Flüchtlingslager, in dem sich 160 000 Menschen selber verwalten, und das mit Monumenten, Schulen, einem Parlament und Ministerien von faszinierender Architektur aus Lehm ausgestattet ist.

Viel zu reden in den Giardini gibt Deutschlands Beitrag Making Heimat, liessen doch die Ausstellungsmacher einfach weite Öffnungen in den umstrittenen Pavillon aus der Nazizeit stemmen. Die Geste wirkt suggestiv und überzeugt: Man sieht nun durch das Haus auf die Lagune, Vögel zwitschern, das Haus ist nachts nicht zu verschliessen. Dieser Optimismus steht für den begeisterten Empfang von über einer Million Flüchtlinge auf deutschen Bahnhöfen im Sommer 2015. Doch statt die Geste der Maueröffnung zu vermitteln – nicht alle kennen den Pavillon vom jährlichen Wiedersehen – hat das Team des Deutschen Architekturmuseums zusammen mit Doug Saunders, dem Verfasser des Buchs «Arrival City», acht Thesen zur Einwandererstadt ausgearbeitet. Diese sind klug, genügen im gut gemachten Katalog, müssten aber nicht auf die Wände tapeziert werden. Das schwächt die Geste der Öffnung.

Kleinere Brötchen

Frankreich, gleich gegenüber, verlässt für einmal Paris, wagt sich in die Provinzstädte vor und feiert die Entdeckung dieser Normalität unter dem Titel New Riches als Sensation. Gezeigt wird eine stattliche Anzahl eher kleinerer Projekte und Bauten, die nicht wie in der Grande Nation üblich von oben nach unten durchexerziert wurden, sondern aus dem aktiven Humus der Städte und Dörfer gewachsen sind. Dass dabei auch Architektur entsteht, die sich sehen lassen kann, müsste eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Wir tun es trotzdem, denn es wird zu gerne bezweifelt.

Spanien backt ebenfalls kleinere Brötchen; das Land musste mit der Immobilien- und Finanzkrise einen schweren Schlag hinnehmen, der die Architektur tief im Inneren traf. Nun werden die Trümmer zusammengekehrt und die Spanier sehen erstaunt, was da so alles gediehen ist nach dem Bauboom ausser Rand und Band. Sie haben in ihrem Pavillon eine umfassende Schau von Projekten unter dem Stichwort Unfinished zusammengestellt, die sich alle an dem «unfertigen» Erbe der Boomjahre abarbeiten – der Ästhetik der Knappheit verpflichtet (vgl. wbw 5 – 2015), sauber aufgemacht mit schönen Axonometrien und Fotos. Alles klassisch und einfach nachvollziehbar und wohl deswegen mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

In Frankreich-Beitrag der 15. Architekturbiennale in Venedig entdeckten die Kuratoren rund um Frédéric Bonnet, was ansonsten im zentralistischen Staat unterging: den Reichtum
der Peripherie.

Diskurs in der Enge

Ganz abseits der Pfade der Architektur und auch des sozialpolitischen Schlachtrufs von Aravena bewegt sich die Präsentation im Schweizer Pavillon. Dort ist eine Höhle zu besichtigen: ein Naturereignis. Die Qualität der Höhle als eher ortunübliche Erscheinung liegt in ihrer direkten Erfahrbarkeit. Und so bilden sich lange Schlangen, denn die Höhle hat nur einen Eingang, ihr Innenraum ist reichlich knapp bemessen. Hat man die Prozedur der Exklusivierung überstanden, ist die Grotte dann lediglich mit Schuhüberziehern oder barfuss begehbar. Dem unwegsamen Untergrund verdanken wir eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Erkundung des sich ins Endlose dahinschlängelnden Inneren. Wie in vielen Höhlen wird man auch hier von der Hülle umschlossen, eingenommen. Fluchtreflex und Behaglichkeit halten sich die Waage – eine Raumerfahrung.

Aussergewöhnlich am Beitrag ist eine andere «Umarmung» der Rezipienten: Ein Sonderheft von TEC21 und ein Katalog von ARCH+ sind prall gefüllt mit Hinweisen auf das höchst aufwändige Prozedere der Herstellung mittels gescannter Gussmodelle und ihrem skalierten Nachbau für Venedig. Dass Heerscharen von Helfern ihre Fingerkuppen beim Ausschleifen der Unpässlichkeiten ruiniert haben, steht dann leider nicht in den langen Erklärungen. Soweit die Herausforderungen des Digitalen. Darüber hinaus werden Exegesen übers Erhabene dargeboten.

Christian Kerez und seine zahlreichen Unterstützer haben es versäumt, die Relevanz der Architektur für brennende Fragen der Zeit zu belegen. Gesellschaftliche Wirksamkeit sieht anders aus. Der Organisatorin des Schweizer Pavillons Pro Helvetia ist zu wünschen, in Zukunft die Suche nach einem Kurator auf das generelle Ausstellungsthema abzustimmen, wie das andere Länder auch schaffen. Und hoffentlich sind über ein offenes Bewerbungsverfahren Ideen zu finden: Im viel beniedenen «Paradies des Architekturwettbewerbs» sollte das eigentlich möglich sein.

Ein Naturereignis: Im Schweizer Pavillon an der 15. Architekturbiennale in Venedig ist die Chance für ein Statement zur Relevanz der Architektur vertan. Man duckt sich stattdessen in die Höhle von Christian Kerez.

15. Architektur-Biennale Venedig bis 27. November 2016
Arsenale, Giardini sowie diverse Aussenstationen in Venedig
Reichhaltiges Begleitprogramm: www.labiennale.org
Programm des Salon Suisse: www.biennials.ch

Katalog
Reporting from the Front – Biennale Architettura 2016, Venedig 2016
Fondazione La Biennale di Venezia (Hg.)
Marsilio Editori, Venedig 2016
zwei Bände, 730 Seiten, zahlreiche Abb.,
it. und engl. Ausgabe, 21 × 27 cm,
Hardcover EUR 70.–
ISBN 978-88-317-2377

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