Ballast abwerfen

Ein Plädoyer für unbeschwerteres Wohnen

Daniel Kurz

Sparen beim Bauen ist trister Alltag. Zu selten jedoch kommt es den Bewohnerinnen und Bewohnern zugute. Was aber, wenn preiswertes Bauen zusätzliche Freiheiten gewährt?

«Ich wollte immer unabhängig bleiben», erklärte mir vor einiger Zeit ein alter Freund. Als hoher Beamter hätte er sich ganz anderes leisten können, als die bescheidene Genossenschaftswohnung, in der er heute noch zuhause ist. Doch er wollte die Freiheit behalten, jederzeit seine Stelle kündigen zu können: So war keiner seiner Entscheide von der Angst geprägt, sein Amt aufs Spiel zu setzen.
«Es ist wegen der Kinder», sagt ein anderes Paar. Beiden schleppen täglich Holz und Kohle vier Stockwerke hoch, um den Ofen einzuheizen: Das lohnt sich für sie. Die Miete von 600 Franken für ihre komfortfreie und kleine, aber räumlich schöne Wohnung erlaubt es ihnen, Projekte als freie Künstler zu realisieren und trotzdem für die Kinder da zu sein. Und diese treffen jederzeit Altersgenossen zum Spielen im Hof, ohne dass die Eltern jedes Mal mitgehen müssen. Sparen ist nicht immer nur Mühsal und Verzicht, es kann auch Freiheit bedeuten.
Jeder Immobilienfachmann glaubt zu wissen, was der Nutzer von einer anständigen Wohnung erwartet. Viel von allem, Full Service: viel Fläche, viel Privatsphäre und vor allem viel augenscheinlichen Komfort. Mindestens zwei Nasszellen, eine imposante Einbauküche; hochdichte Fenster, durch die kein Geräusch von aussen dringt und eine Trittschalldämmung, damit man den Nachbarn nicht hört; ein eigener Waschturm, der den Gang in die Waschküche erspart – und ein Lift, der von der Tiefgarage direkt vor die Wohnungstüre führt.

Die Leichtigkeit des Weniger als Lebensentwurf und tägliche Praxis: Die Artistinnen und Artisten des Zirkus Chnopf üben in ihrem Zürcher Winterquartier.
Bild: Andrin Winteler

Verfettung der Häuser

Das heisst natürlich nicht, dass der Experte für den Immobilienmarkt auf Verschwendung aus wäre, im Gegenteil. Er setzt zur Kompensation auf maximale Dichte und spart an der Fassade, an der Wohnungserschliessung, an gemeinschaftlichen Räumen, an der Umgebungsgestaltung – kurz: an allem, was vielleicht der Gemeinschaft zugute käme, aber nicht unmittelbar von den Kunden bezahlt wird. Dieses Sparen dient nur einem Ziel: der Steigerung der Rendite. Die Wohnung wird dadurch in der Regel nicht billiger, den Mietzins bestimmt ja der Markt. Für die Architektin oder den Architekten jedoch ist diese Art des Sparens immer eine freudlose Sache, verbunden mit dem Verzicht auf fast alles, was dem Projekt Mehrwert verleihen könnte.
Die hohen Standards von Technik und Komfort werden immer mehr zu einer Last. Im Bauen nicht anders als in der Automobilindustrie, deren Produkte von Jahr zu Jahr schwerer und breiter werden (der aktuelle VW Golf ist fast doppelt so schwer wie das Urmodell von 1974). Man sieht es den Häusern an, alles an ihnen wird immer behäbiger und fetter, vom Gebäudegrundriss bis hin zum Fensterrahmen. Zu dieser Verfettung tragen laufend verschärfte Vorschriften ebenso bei wie die nicht (mehr) hinterfragten Konventionen der Immobilienbranche. Die Last trägt der Mieter in Form hoher Wohnungsmieten und oft auch die Quartierbewohnerin in Form schwindender Freiräume im Wohnumfeld.
Dieser Schwere, dieser Last von Komfort und Sicherheit möchten wir hier eine neue Leichtigkeit entgegenstellen. Die Leichtigkeit eines sparsamen Bauens und preisgünstigen Wohnens, die sich nicht in billiger Ausführung erschöpft, sondern neue Mehrwerte schafft. Und die wieder mehr Leichtigkeit in den Alltag zurückbringt. Wer wenig für die Miete ausgibt, hat mehr Wahlmöglichkeiten im Leben, es bleibt mehr Zeit für Dinge, die statt materiellem Wohlstand Sinn stiften: Engagements für die kleine oder die grössere Gemeinschaft, Zeit mit der Familie und den Kindern oder für die Unterstützung von Angehörigen. Raum für künstlerische Projekte oder gesellschaftliche Initiativen. Teilnahme am Ganzen.

Mehrwert durch Sparsamkeit

Die triste Logik des Sparens kann sich unversehens in ihr Gegenteil verwandeln. Nämlich dann, wenn die Rendite nicht maximiert werden muss, wenn sie sich sogar, wie im Fall der gemeinnützigen Baugenossenschaften, auf die Deckung der Kosten beschränkt.
Wenn Einsparungen dazu dienen, an anderer Stelle mehr bieten zu können. Dann wird preiswertes Bauen auf einmal spannend, im besten Fall sogar befreiend und inspirierend: Ohne den Ballast der Konvention sind neue Gedanken und andere Formen von Mehrwert möglich. Im Nachhaltigkeits-Diskurs nennt man das: Suffizienz. Die neuen Genossenschaften zeigen den Weg, aktuell mit der Überbauung Zwicky Süd (vgl. Artikel im Heft). Statt individuellem Komfort und Flächenverbrauch bietet sie die Teilhabe an gemeinschaftlichem Mehrwert, an Gemeinschaftsräumen und -einrichtungen und an einer lebendigen Nachbarschaft.
Die Freiheit, die Wohnumstände (ausserhalb der eigenen Wohnung) partizipativ mitzugestalten und durch Teilen mehr zu bekommen, als individuell möglich oder wünschenswert wäre: Nichts spricht gegen ein Gästezimmer, wenn es Vielen zur Verfügung steht, nichts gegen einen grossen Wohnraum, wenn er einer ganzen Gruppe dient.
Teilen ist nicht immer bequem und konfliktfrei, aber es bringt denen, die sich darauf einlassen, die Auseinandersetzung mit einer etwas grösseren Welt als ihrer eigenen. Die ökonomische Theorie – wie auch der Wohnungsmarkt – modelliert den Menschen als nutzenoptimierendes Individuum; doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wir brauchen die Gemeinschaft und sind erst wir selbst im Austausch mit anderen. Auseinandersetzung, Wahrgenommenwerden, eine Rolle spielen, Sympathie finden – das alles sind Grundbedürfnisse; ihr Entzug gleicht der Gefängnishaft. Kochen und die Wäsche machen kann zwar jeder auch alleine, doch was über den Alltag hinausgeht und ihm Glanz verleiht: Freude oder Trauer teilen, Feste feiern, Tanzen, Fondue essen, Lernen, Debatten führen – das alles und viel mehr geht nur in Gemeinschaft anderer Menschen.
Das spricht für intelligentes Sparen in Form gemeinschaftlichen Wohnens. Auch für mehr Architektur bleibt beim intelligenten Sparen Raum. Das Studentenhaus in Eindhoven ist ein Exempel kluger Sparsamkeit (vgl. Artikel im Heft). Dank hocheffizienter baulicher Struktur bleiben nicht nur Mittel für eine tektonisch konsequent gedachte Fassade, sondern auch für gemeinschaftliche Räume, für Licht in den Korridoren – sprich: für Lebensqualität. Statt einseitig die individuellen Studiozellen der Studierenden zu optimieren, wurde dort Mehrwert für Alle geschaffen, für die Bewohnenden ebenso wie für die Öffentlichkeit.

Preisgünstiges Wohnen – eine Notwendigkeit

Preisgünstiges Wohnen ist nicht nur eine Frage persönlicher Präferenzen, sondern für die meisten Menschen schlichte Notwendigkeit. Die Kosten der Wohnung sollten im Prinzip einen Viertel des Haushaltseinkommens nicht übersteigen, dafür plädieren die Fachleute von Budgetberatung Schweiz (für Hypothekenschuldner gilt heute eine offizielle Tragbarkeitsgrenze von 33 Prozent des Einkommens). Doch diese Budgetgrenze ist für immer mehr Menschen nicht mehr realistisch. Im Kanton Zürich versteuern 85 Prozent der Haushalte weniger als 100 000 Franken Jahreseinkommen; ihre Budgetlimite für Wohnen liegt demnach bei 2 000 Franken oder darunter. So günstige Wohnungen werden jedoch kaum mehr angeboten und schon gar nicht neu gebaut. Es versteht sich von selbst, dass dieses wohnungspolitische Problem nicht von den Architektinnen und Architekten allein gelöst werden kann. Gemeinnütziger Wohnungsbau ist dringender denn je, und seine Förderung muss zu einer politischen Priorität werden – über die wenigen grossen Städte hinaus.

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