Bar jeder Konkurrenz

Junge Architekturbüros in Mexiko

Rosamund Diamond und Helen Thomas

Ein Lokal in Mexikos Hauptstadt ist zum Treffpunkt einer Gruppe internationaler Architekturschaffender geworden. Eine Kultur der Zusammenarbeit, die Lust am Experiment und ihre Erfahrungen in Europa, vor allem bei Herzog & de Meuron, verbinden sie alle.

Vor genau einem Jahr berichteten Yves Dreier und Eik Frenzel an dieser Stelle in einem Text- und Bildessay aus Mexiko-Stadt (wbw 10 – 2017), wo der öffentliche Raum sich durch Wachstum, Improvisation und Aneignung ständig verändert. Wir warfen nun einen Blick in die Praxis und führten eine Reihe von Gesprächen mit einer Gruppe von sieben Architekturschaffenden aus Spanien, Indien, Mexiko und Deutschland die in der mexikanischen Multimillionen-Metropole arbeiten. Es verbinden sie lange Freundschaften und informelle Treffen in der Covadonga-Bar im Quartier Roma Norte. Und sie alle haben sowohl in Europa gearbeitet, vor allem bei Herzog & de Meuron, als auch in Mexiko, mit Tatiana Bilbaos Studio als Zentrum des Netzwerks. Nach dem Erdbeben im Herbst 2017, als mehrere Mitglieder der Gruppe neue Arbeitsräume suchen mussten, führten wir die Gespräche von London aus fort.

Die sieben sind: Max von Werz mit Büro unter eigenem Namen, Israel Alvarez und Mariana Tello von Módulo 11, die sich bis zum Erdbeben ein Stockwerk im selben Bürogebäude teilten, Christoph Zeller und Ingrid Moye von Zeller Moye sowie Blanca Bravo Reyes und Udayan Mazumdar, die in Mexiko für Bilbao gearbeitet haben. Die gemeinsame Verbindung zwischen ihnen allen ist von Werz: Bevor er sich in Mexiko-Stadt niederliess, war er im Praktikum während des Studiums Tatiana Bilbaos erster Angestellter. In Europa ging er zu David Chipperfield, die andern sechs zu Herzog & de Meuron in Basel und London. Dort sammelten sie Erfahrung in der Leitung grosser Projekte und lernten, wie die Prozessstrukturen international tätiger Büros eine hohe Qualität sichern.

Tatiana Bilbaos Beitrag zur Architekturbiennale 2017 in Chicago (Not) Another Tower steht auch für die kollaborative Praxis in Mexico City: Sie schuf eine Struktur für die Teilprojekte von 15 noch wenig etablierten mexikanischen Kollegen. 
Bild: Steve Hall

Ein kollaborativer Turmbau

Tatiana Bilbao stellte Bravo Reyes und Mazumdar an, weil sie laut Reyes «Leute mit strategischen Fähigkeiten» suchte, «die mehr Berufserfahrung haben und den Arbeitsalltag bei komplexen Projekten bewältigen können». Sie lässt bei der Gestaltung auch die Jüngeren mitwirken. Die Zahl der Architekturschaffenden in ihrem Büro ist in kurzer Zeit auf über 50 gestiegen, etwa ein Drittel von ihnen stammt aus dem Ausland. Im Gegensatz zu konventionelleren mexikanischen Büros mit hierarchischen Strukturen und anders als bei den europäischen Kollegen und Kolleginnen, die «Prozesse und eine Sprache» entwickelt haben, bleibt Bilbao mit Blick auf Zusammenarbeit und Autorschaft beweglich. Das gilt im eigenen Studio wie auch gegenüber anderen Projektbeteiligten und stellt einen zentralen Faktor ihres Erfolgs dar.

Bilbaos Beitrag zur Architekturbiennale 2017 in Chicago, (Not) Another Tower, war zweifellos der chaotischste der 16 Türme und eine Antwort auf die Vorgaben der Direktoren Sharon Johnston und Mark Lee, welche die internationalen Architekturteams einluden, eine als Säulenhalle gestaltete Bühne mit Modellen im Massstab 1:24 zu bespielen. Während die anderen Beiträge – solide Hochhäuser oder Säulen in einheitlichem Material – meist den Erwartungen entsprachen, schuf Bilbao eine 14-stöckige Struktur für die Teilprojekte von 15 noch weniger etablierten mexikanischen Kollegen, darunter auch von Werz und Módulo 11, die sie zur Zusammenarbeit aufgefordert hatte. (Not) Another Tower strotzt vor Heterogenität; in ironischer Umkehrung der üblichen Immobilienlogik gab es ein Gerangel um die Gestaltung einer der unteren, besser sichtbaren Etagen.

Dieser Beitrag ist typisch für Bilbaos Verständnis der architektonischen Praxis. In den Augen von Bravo Reyes ist sie «eine erfolgreiche Unternehmerin, die Aufträge reinholt und ihren Namen bekanntmacht. Ihre grosse Stärke: Sie packt Dinge gerne zusammen mit anderen an, holt Kollegen an Bord und gibt ihnen eine Bühne. Eine echte Anwältin mexikanischer Architektur». Von Werz fügt hinzu: «Der Sinn fürs Teilen kommt in Mexiko von der schieren Arbeitsmenge. Manchmal hat man gar keine Zeit für noch ein Projekt, also arbeitet man zusammen mit anderen daran oder gibt es ganz ab. Diese offene soziale Kultur durchdringt nicht nur die Architekturszene, sondern die ganze Gesellschaft.»

Die Qualität kollektiven Schaffens

In Mexiko-Stadt finden an unterschiedlichen Orten facettenreiche Debatten über Verbreitung und Erscheinungsformen von Architektur statt. Ein Teil davon ist formalisiert und zeitigt spezifische Resultate, zum Beispiel die Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen der 2011 vom Architekturbüro Productora ins Leben gerufenen Liga oder des 2012 gegründeten Archivo Diseño y Arquitectura. Andere entspringen spontan gebildeten Gruppen und Netzwerken, etwa den Zusammenkünften im Kunstund Architekturstudio Tezontle. Die Gruppe Architekturschaffender, die sich regelmässig in der Covadonga-Bar trifft, pflegt eine Diskussionskultur und einen offenen Austausch in einem grosszügigen, nicht kompetitiven Umfeld, in dem Arbeit frei verfügbar ist. Das führt nicht etwa zu weniger Einfluss, sondern zu einer starken Position. Letztlich sind sich die Arbeitsweisen dieser jungen Architekturbüros sehr ähnlich. Israel Alvarez verweist auf die Qualität kollektiven Architekturschaffens beim Bauprozess: «In Mexiko steckt hinter jedem Stück Beton eine Geschichte. An der Herstellung eines Pfeilers beteiligen sich viele Hände. Deshalb gehören zur Geschichte auch Menschen. Ganz anders in Europa: Dort bleibt der Produktionsprozess etwas Abstraktes. In Mexiko ist nicht das perfekt ausgearbeitete Detail das Wichtigste, sondern das grosse Ganze, die Gesamtsicht einer Gruppe von Leuten mit unterschiedlichen Fähigkeiten.»

Einerseits verrät die Architektur der von uns Interviewten die Verbindung zu europäischen Büros, wo sie an der formalen Umsetzung ihrer Designideen arbeiteten. Andererseits ist das mexikanische System weniger reguliert, und die Bauherren sind bereit, bei der Gestaltung grössere Risiken einzugehen. Das gibt den Architekturschaffenden mehr Freiheit und erlaubt es ihnen, neue Möglichkeiten zu untersuchen, die in Europa kaum in Frage kämen. «Auftraggeber sind hier experimentierfreudig und verspielt», sagt Zeller, «nicht nur im Umgang mit Materialien, sondern bei den ganzen Prozessen».

Die «Covadonga-Gruppe» in der gleichnamigen Bar in Mexiko-Stadt (von links): Israel Alvarez (Módulo 11), Blanca Bravo Reyes, Udayan Mazumdar (Tatiana Bilbao Estudio), Christoph Zeller, Ingrid Moye (Zeller Moye), Mariana Tello (Módulo 11) und Max von Werz.

Bauteile von Grund auf neu entwickeln

Die Werke der Gruppe entstehen zum Teil direkt aus Methoden der Zusammenarbeit, erzwungen durch die Bedingungen in Mexiko, wo Bauarbeiter wenig kosten und heimische Produkte günstiger sind als Importe. Ihr Rückgriff auf Handarbeit kann vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Mexiko verstanden werden, als Adaption einfacher und standardisierter, landesweit verwendeter Bauelemente oder als handwerkliche Anverwandlung der ihnen aus Europa vertrauten, komplexen Produkte aus Massenfabrikation. Bei vielen Projekten entwickeln sie das Design über die Herstellung. In den Worten Zellers: «Handwerkliches Können ist hier verfügbar und erst noch günstiger als etwas Vorfabriziertes, also können wir als Gestalter alles erfinden. Eine Wand oder ein Fenster entwickeln wir von Grund auf neu. Wir arbeiten quasi wie Modernisten vor 100 Jahren.»

Die handwerkliche Praxis in Mexiko ist allerdings nicht identisch mit der europäischen. Von Werz: «In Europa haben wir eine romantische Vorstellung von Handwerk als verfeinerter Kunst, die man in der mexikanischen Bauwirtschaft kaum findet. Bei Projekten mit mittlerem Budget und im sozialen Wohnungsbau werden nur Ungelernte und eine Palette ganz gewöhnlicher Materialien eingesetzt. Die Herausforderung lautet: Wie kann man diese einfachen Techniken und Prozesse vorteilhaft nutzen?» Diese Frage führt etwa bei Installationen zur Ästhetisierung billiger, seriell hergestellter Elemente: bei Popo von Zeller & Moyes im Museo Tamayo, beim Projekt von Frida Escobedo in El Eco 2010 und bei ihren gezielt durchlöcherten Dachziegeln im Londoner Serpentine Pavilion 2018.

Die Auffassung, welche die Gruppe von konzeptueller Wiederverwertung hat, bezieht sich auf die Entwicklung Mexiko Citys über die Akkumulierung von «Schichten, die oft im Widerspruch zueinander stehen», wie von Werz sagt, «und die dann ganz unerwartet den Kulturmix, die mestizaje,1 zu einem kohärenten Ganzen vermischt». Bestehende Gebäude sieht man nicht allein als physische Hüllen an. Gleichzeitig unterstützt man so neuere politische Ansätze der Verdichtung und Mischnutzung. Von Werz etwa verwendet für die Galerie OMR in Roma eine abstrakte, «verdickte Wand», bei der bestehende und neue, tragende und trennende Elemente zusammenfallen sowie konkret wirkende Standardmaterialien wie Stahlträger.

Beim Umbau einer Buchhandlung in einem brutalistischen Gebäude zur Galerie OMR sollte der Bestand so weit wie möglich erhalten bleiben. Haupteingriffe waren die Aufstockung um ein Geschoss und der Einbau eines Mezzaningeschosses, die Öffnung neuer Räume zum Hof und die vertikale Zirkulation.

Arbeitersiedlungen im Fokus

Ein Hauptthema in Mexikos Architekturdebatten sind Arbeiterwohnungen. Und eine Schlüsselrolle spielt dabei Carlos Zedillo, der Leiter des Forschungszentrums für nachhaltige Entwicklung (CIDS) in der riesigen staatlichen Institution Infonavit,2 die Arbeitern den Kauf von Wohneigentum ermöglicht. 2016 offiziell gegründet, ging Zedillos experimentelles Institut aus einem vierjährigen kooperativen Forschungsprojekt hervor. Innerhalb dessen wurde ein Rahmen geschaffen, um junge Architekturbüros damit zu beauftragen, sich mit den morphologischen und typologischen Problemen auseinanderzusetzen, die durch den institutionellen Massenwohnungsbau über die Jahrzehnte entstanden sind. Am eindringlichsten zeigen sich diese auf Bildern der gigantischen Schlafstädte, die Casas GEO errichtet hat, eines der grössten Wohnbauunternehmen des Landes: endlose Rasterreihen identischer Wohneinheiten ohne Infrastruktur und praktisch ohne Verbindung zu den Zentren, die sie umgeben.

Zedillos Antwort war die Schaffung spezifischer Programme, etwa für die Sanierung öffentlicher Räume. Dort bauten die von ihm ausgewählten Büros im Auftrag der Bewohner Parks oder Gemeinschaftseinrichtungen. Auch Mitglieder der Covadonga-Gruppe beteiligten sich an diesem Prozess; Módulo 11 etwa realisierte diverse öffentliche Räume, zum Beispiel 2015 den Park in Rinconada de Los Angeles. Das Büro liess sich dabei von vieleckigen Basaltformationen inspirieren, auf die man in der Gegend stolz ist. Material und Konstruktion hatten robust und einfach im Unterhalt zu sein. «Im Sozialwohnungsbau», betont ihr Kollege Mazumdar,3 «sind Gebäudeunterhalt und Umweltschutz sehr wichtig. Projekte sollten nachhaltig sein, sodass die Bewohner möglichst wenig für die Instandhaltung aufwerfen müssen». Mit Blick auf den Umweltschutz hält er fest: «Es gibt Regeln, aber sie werden nicht gesetzlich verankert. Der Impuls zu ihrer Umsetzung kommt aus der Gesellschaft. Auch Infonavit drängt in diese Richtung; die vom CIDS in Auftrag gegebenen Projekte sind so autark wie möglich.»

Regionale Architektur aus der «Blase»

Diesen Anspruch stellte auch die Initiative Vivienda Unifamiliar Regional. 32 Entidades, 32 Arquitectos, 32 Propuestas. Sie brachte mexikanische Architekturbüros zusammen, um experimentelle Wohnbauprototypen für spezifische Standorte zu entwickeln.4 Neben renommierteren Büros wie Tatiana Bilbao, Alberto Kalach, Taller de Arquitectura5 und Dellekamp Arquitectos nahmen auch weniger bekannte teil, etwa Fernanda Canales, Rozana Montiel und Módulo 11. Alvarez und Tello nahmen Bezug auf die traditionelle regionale Architektur und berücksichtigten das heisse, trockene Klima in Nuevo León sowie die Erwartung, dass sich ein Wohnbau verkleinern und vergrössern lässt. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse flossen in ein weiteres Vorhaben Zedillos ein, das er nach dem Erdbeben von 2017 startete. Er beauftragte 19 Büros mit der Gestaltung von Wohnraum für 40 Familien, die im Epizentrum lebten, einer abgelegenen ländlichen Gemeinde im Bundesstaat Oaxaca, in der man einen ganz anderen Lebensstil pflegt als in einer Stadt oder Vorstadt. Aus diesem Grund war die Verwendung traditioneller Materialien und Bautechniken essenziell.

Den weiteren Rahmen des Projekts bilden Fragen rund um die Mängel des Modernismus, die von mexikanischen Architekturschaffenden immer wieder angesprochen und auch im Magazin Arquine oft formuliert werden.6 Vertreter der Covadonga-Gruppe suchen hier neue Ansätze etwa in der Verwendung von Lehm, Holz und Palmen für ihre Architektur. Wonne Ickx, ein aus Belgien stammender Direktor beim eingangs erwähnten Büro Productora, hinterfragt dagegen die Verwendung vernakulärer Methoden, vor allem wenn es um möglichst solide Bauten für erdbebengefährdete Gebiete geht.

In der Frage der zeitgemässen Mittel zeigt sich ein Widerspruch, der mitten durch die Reihen der mexikanischen Architekturschaffenden geht. Auf einer Seite stehen die Verfechter von Blockmauerwerk und Betonausfachung, auf der anderen die Befürworter traditioneller lokaler Baumethoden. In Mexiko-Stadt geht diese Architektur paradoxerweise aus einem Milieu hervor, das die Covadonga-Gruppe selbstironisch als «the bubble» bezeichnet – in den lebendigen und vor Erdbebengefahr relativ sicheren Boheme-Bezirken Condesa und Roma Norte. Doch sie ist weit entfernt von dem, was von Werz eine «globale Hochglanzarchitektur ohne Verbindung zu einem Grossteil der mexikanischen Realität» nennt.

Rosamund Diamond führt seit 1991 das Büro Diamond Architects in London. Sie ist Korrespondentin von werk, bauen + wohnen in der britischen Hauptstadt.

Helen Thomas ist Architektin und Autorin. Zu ihren jüngsten Publikationen gehören Rudolf Schwarz and the Monumental Order of Things (gta verlag, 2017), Housing and the City (Drawing Matter, 2018), Drawing Architecture (Phaidon Press, 2018).

Aus dem Englischen von Christoph Badertscher

1 Der Begriff Mestizaje wurde erstmals in den 1940ern verwendet und englisch als «interbreeding and cultural intermixing of Spanish and American Indian people» definiert. (Oxford English Dictionary)
2 Instituto del Fondo Nacional de la Vivienda para los Trabajadores
3 Mehrere Projekte für Infonavit wurden in Tatiana Bilbaos Büro entwickelt.
4 Im Jahr 2014 fand eine Ausstellung statt.
5 Mauricio Rocha und Gabriella Carillo
6 Im Januar 2014 publizierte Juan José Kochen den Artikel Vivienda ¿ para que?, in dem er die problematischen Wohnverhältnisse beschrieb, die bereits Zedillo thematisiert hatte.

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