Wie hältst du es mit dem Klimawandel?

Fragen von heute zur Architektur von morgen

Die globale Erwärmung stellt auch die Architektur vor Herausforderungen. Wir haben fünf Architekturschaffenden die Gretchenfrage gestellt: Zur Wahrnehmung des Problems, zu den Prioritäten in der eigenen Arbeit und zu den möglichen und notwendigen Änderungen ihrer Rahmenbedingungen. Hier drei Statements von Philippe Jorisch, Stefan Oeschger und Michael Metzger (JOM Architekten, Zürich), Franziska Wittmann (ETH Zürich) und Roger Tudò (H Arquitectes, Sabadell, Spanien).

Postfossile Architektur

JOM Architekten

«Konstruktive Verbindungen der Zukunft werden gesteckt, geklemmt und geschraubt – nicht geklebt, gemörtelt oder gegossen.»

1. Im Grundsatz ist man sich einig: Die menschliche Zivilisation verbraucht innert weniger Jahrzehnte Energiequellen, die sich im Laufe von Jahrmillionen unter der Erdoberfläche eingelagert haben – und verursacht damit den Klimawandel.

2. Es wäre gelacht, wenn die Baukunst rein gar Nichts zu einem Stopp der globalen Erderwärmung beitragen könnte. Aktuell fliesst Erdöl in Fassadenisolationen, Erdgas in Backstein-Öfen, und Steinkohle brennt den Zement. Allein die Zementherstellung verursacht mehr als fünf Prozent des weltweiten CO₂-Ausstosses – mindestens doppelt so viel wie der globale Flugverkehr.

3. Keine fossilen Brennstoffe mehr in Häusern: Weder im Betrieb noch im Bauprozess oder bei der Herstellung von Baustoffen – dieser Paradigmenwechsel ist unumgänglich!

4. Es ist naheliegend, mit Materialien zu bauen, die nachwachsen oder in Kreisläufen zirkulieren. Konstruktive Verbindungen der Zukunft werden gesteckt, geklemmt und geschraubt – nicht geklebt,
gemörtelt oder gegossen.

5. Kein Architekt kann ernsthaft gegen fossilfreie Bauteile sein. Denn was noch nicht existiert, kann neu entworfen werden: Eine Tektonik für Tragsysteme aus Brettschichtholz, eine Knotenlogik für
Eckverbindungen aus Recyclingstahl, die richtige Form für Balkongeländer aus gedruckten Polymerrezyklaten – und vieles mehr!

6. Es ist absehbar, dass maschinelle Vorfertigung und Handwerk zusammenrücken. Die Baustelle wird zum Montageplatz und somit die Fügung zum architektonischen Ausdrucksmittel.

7. Niemand wird sich gegen einen Weg zur attraktiven postfossilen Architektur wehren, wenn er offen bleibt. Er wird eine Vielfalt geistreicher Antworten liefern, die nicht aus Verordnungen
und Normenbüchern stammen.

8. Noch nie standen so leistungsfähige Planungswerkzeuge wie heute zur Verfügung. Ob nun dynamische Sonnenstoren oder thermische Pufferzonen die Behaglichkeit gewährleisten – Simulationen überzeugen Auftraggeber und Behörden von neuen Entwurfslösungen.

9. Die Menschen freuen sich, wenn sie wieder verstehen, wie das Innenklima gemacht und Energie gewonnen wird: durch Variierende Raumhöhen für angenehme Luftströme, grosse strukturierte
Oberflächen für sanftes Heizen und Kühlen sowie erlebnisreich gestaltete Dachlandschaften mit Solarlauben und Pflanzenwelten.

10. Kulturell relevante Baukunst kann nur aus den Herausforderungen und Möglichkeiten der Gegenwart entstehen. Die Zeit ist reif für eine postfossile Architektur!

Neue Paradigmen führen zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten: Eine von vielen denkbaren postfossilen Architekturen. Freie Arbeit und Bild von JOM Architekten

Resonanz der Architektur

Franziska Wittmann

«Klimaänderungen sind Herausforderungen. Architektur muss Entsprechungen für einen Ort finden – statt einer Isolation von Orten durch technische Installationen und hochdämmende Materialien.»

Wir wohnen zwischen Erdboden und Himmel auf einem rotierenden Planeten. Architektur ist Ort und Zeit verbunden, die physikalischen Phänomene sind bleibende Bedingungen. Architektur steht in unmittelbarer Beziehung zu Materie und ihrer Gravitation, zu Wärme und Kühle, zu Luftfeuchtigkeiten und -bewegungen, zu Licht und Klängen. Gebäude orientieren sich zu verschiedenen Himmelsrichtungen, stehen im Einfluss von Jahres- und Tageszeiten, von Wetter und Klima – das zu einem Ort gehört und deren Veränderungen von Region und Jahreszeit abhängig sind. Klima und Klimaänderungen sind Herausforderungen für ein Menschsein auf der Erde. Architektur muss Entsprechungen für einen Ort finden und könnte – statt einer Isolation von Orten durch technische Installationen und hochdämmende Materialien – einem resonanten Wohnen wieder näher kommen.

Architektur schafft innere, äussere und dazwischenliegende Räume, die unterschiedliche Resonanzen als Wechselwirkungen zwischen Lebendigkeiten zulassen. Qualitäten im Wohnen entstehen, wenn es Architekturen gelingt, die Bewohner nicht von den Phänomenen der Natur zu isolieren, sondern eine Beziehung zu ihnen herzustellen. Damit meine ich kein Zurück zu einem klimatisch harten Wohnen. Aber doch ein Wohnen, das über die zeitgenössisch flache Behaglichkeit hinausgeht und unterschiedliche Temperaturen und Helligkeiten, dichte und weniger dichte Räume, dumpfe und hallende Akustik zulässt und darin Qualitäten findet, die dem Bedürfnis unseres Körpers nach ständigem und sich änderndem Austausch mit der Umgebung nachkommen. Architektur bringt deutlich spürbare und flüchtigere Empfindungen mit sich, die zusammen eine vielfältige Erfahrung bilden.

Hartmut Rosa schreibt in seinem Buch Resonanz,1 dass «von der Art und Weise der Weltbeziehung das Gelingen oder Misslingen des Lebens abhängt», und spezifisch zu einem Bezug zur Natur, «dass Menschen in Resonanz mit der Natur, mit deren Rhythmen, Herausforderungen, Veränderungen und lokalen Besonderheiten leben, scheint [...] nicht nur naheliegend, sondern gewissermassen ‹naturgegeben›». «Nicht dass wir die Natur als Ressource verlieren, sondern dass die Natur als Resonanzsphäre verstummen könnte, als ein eigenständiges Gegenüber, das uns antworten kann und damit Orientierung zu stiften vermag, ist der Kern der tiefschürfenden Umweltsorge der Gegenwart.»

Architektur kann erahnen lassen, dass Natur nicht nur nutzbare Materie und Energie zur Verfügung stellt, sondern eine Lebendigkeit ist, in der sich Raum und Mensch in Verflechtungen und Wechselwirkungen befinden. Wohnen kann sich nie von den Phänomenen der Natur befreien, aber ein Entwerfen – nicht gegen, sondern mit – ihren Kräften kann den Menschen in Wirksamkeiten einbeziehen. Architekturen können mit Energie umgehen und uns trotzdem oder gerade dadurch in verschiedene und lebendige Atmosphären einbetten.

Das Fenster verbindet innen und aussen – es rahmt nicht nur den Blick, sondern setzt das Wohnen in Beziehung zur Welt. Es ermöglicht hinauszugehen, lüftet, kühlt und belichtet die Wohnung, die nach Norden orientiert ist und reflektiertes Licht von der gegenüberliegenden weiss verputzten Fassade erhält.

Ausgeklügelte Klimaarchitektur

Roger Tudò im Gespräch mit Daniel Kurz

«Das Gebäudeklima muss Teil der Architektur bleiben und sich aus architektonischen Entscheidungen herleiten.»

Eine ausgeklügelte Klimaarchitektur kennzeichnet Ihre Bauten: Warum ist das fur Sie so wichtig? Welche Rolle spielt der Klimawandel als moralisch-ethische Motivation?
Wir machen uns Sorgen um die Klimaentwicklung und das CO₂-Problem – aber vermutlich nicht mehr als die meisten unserer Kollegen. Aufgrund einiger Zufälle wissen wir relativ viel darüber, wie sich Gebäude physikalisch verhalten.

Warum haben Sie sich das angeeignet?
Mit diesem Wissen zu arbeiten, macht einfach mehr Spass, es ist aufregender! Es hilft, eine fundamentalere Architektur zu schaffen. Die Konstruktion und das Innenraumklima wirken zusammen im Erlebnis des Raums. Die «bioklimatischen» Räume in unseren Gebäuden etwa weisen nicht ganz ein Innen- und nicht ganz ein Aussenklima auf: Sie sind nicht den üblichen Dämmvorschriften unterworfen und haben dadurch etwas Wildes. In diesem «wilden» Kontext hat Architektur viel mehr Kraft, sie lässt sich unmittelbarer zeigen und erleben. Wir wollen nahe an der Realität sein, nahe an den Dingen. Dazu kommt: Wir möchten einen so wichtigen Teil des Gebäudes wie sein Klima nicht an Spezialisten delegieren. Das muss Teil der Architektur bleiben und sich aus architektonischen Entscheidungen herleiten.

Ein Beispiel?
Die Solarkamine in der Cristalería haben verschiedene Bedeutungen, die sich überlagern. Erstens bilden sie ganz einfach das Dach – das braucht es immer –, zugleich sind sie der zentrale Motor, der das Gebäude atmen lässt. Sie sind also ein ruhender Teil und zugleich ein Bewegungselement. Und ja, drittens bestimmen sie auch die Silhouette. Das interessiert uns: mit einfachen Elementen mehrfache Bedeutungen zu erzeugen.

Also geht es darum, die Architektur von Ballast zu befreien? Von technischen Elementen, die ihrer Unmittelbarkeit im Weg stehen?
Ganz genau. Wir möchten mit architektonischen Mitteln arbeiten, mit Konstruktion, Materialien, Raum. Und wir möchten mit diesen Mitteln auch das Klima im Gebäude kontrollieren, ohne technische Gadgets wie mechanische Lüftungsanlagen.

Was kann die Politik beitragen?
Neulich hat jemand ein «Zukunftsministerium» vorgeschlagen, das 50 oder 100 Jahre voraus denken dürfte. Das wäre eine gute Idee, denn unsere Politiker und Verwaltungen verfolgen viel zu kurzfristige Interessen. Sie produzieren Gesetze, die ein Vorgehen vorschreiben, statt Ziele festzusetzen. Sie definieren etwa, wie viele Zentimeter Dämmung man anbringen muss, statt einfach den Energieverbrauch zu begrenzen. Das schliesst neue Ideen aus und verhindert Innovation. Uns stört, dass die Diskussion über klimagerechtes Bauen nur über Zahlen und Mengen geführt wird, nicht über Qualität. Wenn ich mich in Deutschland oder der Schweiz umsehe, habe ich nicht den Eindruck, dass die Leute wirklich glücklich sind in ihren hochisolierten, dichten Häusern. Für uns ist essentiell, der Qualität der Wahrnehmung und des Erlebnisses Raum zu geben. Nachhaltig ist ein Gebäude nur, wenn es auch diese Qualität aufweist.

Klug moderiertes Innenklima im Agrarforschungsinstitut ICTA-ICP der Universitat Autónoma de Barcelona von H Arquitectes und DATAAE 2014.
Bild: Adrià Goula

JOM Architekten wurde 2014 gegründet von Philippe Jorisch, Stefan Oeschger und Michael Metzger und 2016 mit dem Foundation Award ausgezeichnet – dem Förderpreis für Schweizer Jungarchitekten ausgezeichnet.

Franziska Wittmann (1985) ist Architektin und Mitarbeiterin an der Professur von Gion A. Caminada an der ETH Zürich. 2017 erschien ihr Buch «Leistungen der Architektur», das physikalische Phänomene im Umgang mit Energie für die Architektur greifbar machen möchte.

Roger Tudó Galí (1973) gründete 2000 mit David Lorente Ibáñez, Josep Ricart Ulldemoins und Xavier Ros Majò das Büro H Arquitectes in Sabadell bei Barcelona. Er unterrichtet seit 2015 an der Architekturfakultät ETSAV der Universidad Politecnica de Catalunya UPC in San Cugat del Vallès.

1 Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.

Anzeige

Lesen Sie werk, bauen + wohnen im Abo und verpassen Sie keine Ausgabe oder bestellen Sie diese Einzelausgabe