Über Kreuz verflochten

Umbau der Maisons Duc in Saint-Maurice VS von GayMenzel

Daniel Kurz, Eik Frenzel, Robert Swierczynski (Bilder)

Beim Umbau einer historischen Häusergruppe kommen verschiedene Erzählstränge zusammen. Klassische Kontrolliertheit und respektvolle Restauration stossen dabei auf dramatische Brüche.

Seit jeher besetzt das Städtchen St-Maurice mit seiner ehrwürdigen, im 6. Jahrhundert gegründeten Abtei den felsigen Engpass am Eingang zum Wallis. Hinter manchen der schlichten Fassaden an der Grand-Rue, der alten Landstrasse und Hauptgasse, öffnen sich überraschend Innenhöfe mit Freitreppen und Loggien aus dem Spätbarock – Zeugen vergangenen Reichtums. Doch der historische Ortskern ist heute, wie in vielen Kleinstädten, von Verödung bedroht; Wohnungen und Ladenlokale lassen sich nur noch schwer vermieten.

Der historisch anmutende Neubauteil der Maisons Duc gegenüber dem Eingang zur Abtei St-Maurice. 
Bild: Eik Frenzel

Das Kleinstadtproblem

An einer Ecke der Grand-Rue drängen sich drei schmale Häuser aneinander: Dass sie jüngst umgebaut wurden, verrät kaum etwas, am ehesten der Blick durch die Schaufenster der neu eröffneten Kunstgalerie. Zwanzig Jahre lang stand die Häusergruppe der Maisons Duc leer, bis die Gemeinde sie erwarb, um ihren Zerfall zu stoppen und zur Aufwertung des Stadtkerns beizutragen.

Die datierbare Bausubstanz der drei Häuser an der Gasse geht auf das 17. und 18. Jahrhundert zurück, im Kern sind sie wohl älter.1 Brandmauern trennen die schmalen Häuser, die im Lauf der Zeit mittels Durchbrüchen zu einem einzigen verbunden wurden. Die Denkmalpflege empfahl den Erhalt der Strassenfassaden an der Grand-Rue mit der ersten Raumschicht sowie einer Treppe an der Seitengasse. Ein viertes Haus an der Rue des Petites-Fontaines war stark baufällig und zum Abbruch freigegeben.

Das junge Büro GayMenzel aus Monthey gewann den eingeladenen Wettbewerb zur Instandsetzung mit einem Konzept, das die Stimmen aus der Vergangenheit hörbar macht und neue Geschichten erzählt. Entstanden ist ein Gefüge, das auf durchaus irritierende Art das Bestehende pflegt aber auch bricht. Es postuliert in seinen neuen Teilen mit modernen Mitteln eine neu erzählte Geschichtlichkeit, die dem Komplex eine Würde verleiht, die er so vielleicht nie zuvor ausgestrahlt hat.

Der doppelgeschossige Zentralraum der Galerie ist mit dem Ateliergeschoss direkt verbunden. 
Bild: Eik Frenzel

Neue Historizität

Deutlicher als an den alten Hauptfassaden an der Grand-Rue zeigen sich die Spuren des Umbaus an der kleinen Rue des Petites-Fontaines, wo Alt- und Neubau aufeinander stossen – aber auch hier erst auf den zweiten Blick: links buckliges Mauerwerk, rechts zweischaliger Sichtbeton. Die Trennlinie ist auf Sockelhöhe abgewinkelt, sodass sich Alt und Neu verzahnen. Nur vier hoch gelegene Fenster durchbrechen die geschlossene Betonwand; mit ihren Mittelstützen erinnern sie an spätmittelalterliche Stadthäuser. Ihre Leibungen sind als Negativform dem Beton eingeprägt – wie in den Hausabgüssen der britischen Künstlerin Rachel Whiteread. Für weitere Irritation sorgt ein gleichartiges fünftes Fenster in der alten Mauer: Es spiegelt als neues Element den Neubau in den Bestand zurück.

Am Ende der Gasse öffnet sich ein kleiner Platz zum gegenüberliegenden Haupteingang der Abtei. Hier reckt sich eine überhohe Glastür bis dicht unter das Fensterfries in die Höhe, sie verdeckt einen Rundbogen als Antwort auf das Klostertor. Fast unsichtbar in die Ecke gerückt findet sich der bescheidenere Haupteingang zum Wohnhaus. Die Proportionen von Fassade, Öffnungen und Dach sind ungewohnt und wirken «irgendwie» historisch, ohne einen bestimmten Stil aufzunehmen.

Blick ins Ateliergeschoss – auf der neuen Betonwand ist eine alte Tür rahmenlos aufgesetzt.
Bild: Robert Swierczynski

Brüche im Inneren

Drei Nutzungen verzahnen sich in den umgebauten Maisons Duc: Das Erdgeschoss besetzt die Kunstgalerie Oblique, darüber betreibt eine Stiftung Ateliers für behinderte Künstlerinnen und Künstler, und in den oberen Geschossen gruppieren sich drei Mietwohnungen um einen Innenhof. Die Galerieräume an der Hauptgasse wirken, bestimmt durch die historische Raumhöhe und Raumeinteilung, etwas spröde und kleinteilig. Doch an den Türdurchbrüchen zitiert das Relief neuer Betonstürze im Stoffwechsel historische Wandtäferungen. Und in der Gebäudemitte schufen die Architekten einen zweigeschossigen Raum, der explodierende Energien freizusetzen scheint: Seine Wände sind bedeckt mit Spuren der Geschichte; über eine offene Loggia dringen Stimmen aus dem Ateliergeschoss herunter. Das kräftige Kreuz der Betonunterzüge schliesst den Raum nach oben ab; das pyramidal geschalte Oblicht erinnert an einen alten Kamin an der gleichen Stelle. Eine kurze Treppe führt zu einem zweiten überhohen Raum im Neubau. Die hohe Rundbogentür schenkt ihm einen diagonalen Blickbezug zur Abtei. Ein Relief gibt seinen rauen Betonwänden Tiefe – ursprünglich war gedacht, es für die Zwecke der Galerie mit Gipsplatten auszukleiden, doch der imposante Anblick des ausgeschalten Raums liess das schlicht nicht mehr zu.

Blick durch den zweigeschossigen Eingangsraum der Galerie zur Klosterpforte.
Bild: Robert Swierczynski

Die bescheidene Eingangstür am Platz öffnet sich zum Treppenhaus unter offenem Himmel, begleitet von einem raumgreifenden Geländer aus Edelstahl: eine Reverenz an die barocken Treppengalerien benachbarter Bürgerhäuser. Die Ateliers im ersten Obergeschoss sind als Umgang durch die drei historischen Häuser konzipiert und entsprechend kleinräumig gegliedert. Historische Spolien – innenliegende Fenster, alte Türen und die Täferung des einstigen Repräsentationsraums – sind hier teils an ursprünglicher, teils an ganz neuen Stellen wieder eingebaut und fügen sich so in eine zusammenhängende Erzählung. Das gilt auch für die drei Wohnungen, die sich in den oberen Geschossen um einen offenen Hof gruppieren. Diese sind mit dem Dach als Holzelementbau neu errichtet worden; doch auch hier findet sich ein Raum mit historischer Täferung und springen da und dort wiederverwendete Türen des Altbaus ins Auge, sodass das Alte ins Neue hineinwirkt.

Offenes Treppenhaus mit spätantikem Säulenstumpf als Spolie aus dem Aushub.
Bild: Eik Frenzel

«Das schwierige Ganze»

Bei dem aufwändig geplanten Umbau liessen sich GayMenzel nicht von einem dogmatischen Konzept leiten. «Wir verfolgten verschiedene Erzählströme», erklären die Architekten. «Wichtig war uns das genaue Hinschauen und Hinhören, aus dem sich am einzelnen Ort situativ sehr unterschiedliche und auch widersprüchliche Interventionen ergeben haben, die wiederum, im Sinn Robert Venturis, zu einem «schwierigen Ganzen» zusammengeführt werden.2 Hans Döllgast und Friedrich Kurrent3 waren weitere wichtige Impulsgeber». So fügen sich die zahlreichen Nahtstellen, Brüche und Kontraste ohne didaktischen Anspruch in ein spannungsvolles, aber zusammenhängendes und überzeugendes Neues.

Verzahnung von Mauerwerk und zweischaligem
Sichtbeton an der Seitenfassade.
Bild: Eik Frenzel

1 Auf der Stadtansicht von Matthaeus Merian 1642 sind die drei Häuser bereits zu erkennen.
2 Robert Venturi, Komplexität und Widerspruch, Bauwelt Fundamente, 2. Auflage, Basel 1977, S. 136.
3 Friedrich Kurrent, «Der dritte Weg» – in: Friedrich Kurrent (Hg.), Neues Bauen in alter Umgebung, (Ausstellungskatalog), München 1978.

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