Im wilden Norden

Umbruch am Seetalplatz in Emmen

Caspar Schärer, Roman Keller (Bilder)

Luzern Nord ist die Antithese zur schmucken Stadt am See: Am Seetalplatz prallen die Gegensätze ungeschönt aufeinander – sein stadtgerechter Umbau ermöglicht einen neuen Entwicklungsschwerpunkt im Norden Luzerns.

Mindestens drei verschiedene szenische Einstiege wären möglich für diesen Bericht: Ich könnte vor dem Café Tramhüsli am nördlichen Ende der Viscosistadt sitzen, einen Kaffee trinken und über die Transformation des Industrieareals sinnieren. Nebenan würden die Betonmischer rotieren und der Verkehr dröhnen; ich sässe mitten in einem urbanen Gebiet in der Vorstadt Emmen. Oder ich könnte mich fünfhundert Meter weiter in Richtung Luzern zu Thomas Stadelmann gesellen, dem ehemaligen Stadtbaumeister von Emmen, der die Zwischennutzung «NF 49» auf dem Seetalplatz betreibt. Wir würden von seinem Containerdorf aus über erstaunlich weite, unbebaute Flächen blicken – Bauerwartungsland! –, vor dem Hintergrund des omnipräsenten Pilatus. Wieder würden Autos und Lastwagen für die akustische Grundstimmung sorgen.

Anders wäre es am dritten Ort, an der Hauptstrasse mitten in Reussbühl, auf der Luzerner Seite der Kleinen Emme. Bis vor Kurzem zwängte sich der lokale und überregionale Verkehr durch die enge Strasse, vorbei an der markanten Shedhalle einer ehemaligen Seidenfabrik. Nun aber markiert ein dicker gelber Streifen in der Mitte die offensichtliche Veränderung: Das Herz von Reussbühl wurde vom Verkehr befreit, der es über Jahrzehnte im Würgegriff hatte.

Als kultureller Treffpunkt nimmt die Zwischennutzung NF49 die Stadtwerdung Emmens vorweg und stellt ihre Voraussetzungen zur Diskussion. Bild: Roman Keller

Städtebau ist auch Verkehrsplanung

Dies alles ist Luzern Nord – Agglo vom Gröbsten, wenn man so will. Das schmucke, barocke und touristisch verwertbare Luzern ist nur zehn Minuten Velofahrt entfernt, doch das hier ist eine andere Welt: eine Autobahn von europäischem Rang mit einem Anschluss, den eine halbe Stadtregion nutzt, Industrie und Gewerbe im Vollbetrieb, daneben Areale in Transformation, eine Gemeinde mit einem Drittel Ausländeranteil, Siedlungsdruck und neues Raumplanungsgesetz, Mobilität und Verkehrskollaps, Stadtwerdung und Beharrungsvermögen. In Luzern Nord bündelt sich wie unter dem Brennglas das ganze Drama der Agglomeration. Deshalb ist es gar nicht so einfach, den richtigen Einstieg zu finden.

Ich entscheide mich für die Zwischennutzung am Seetalplatz. In naher Zukunft wird hier das zentrale Verwaltungsgebäude des Kantons Luzern gebaut; der Gesamtleistungswettbewerb ist im Sommer 2019 noch im Gang (bedauerlich, dass sich der Kanton Luzern nicht für ein besseres Verfahren entscheiden konnte, etwa für einen Studienauftrag). Wer die aktuelle Entwicklung in Luzern Nord überblicken will, muss zuerst die umfassende Veränderung des Seetalplatzes verstehen.

Der Anstoss dazu kam wie so oft von aussen, genauer aus dem Entlebuch. Im Sommer 2005 regnete es so stark, dass die Kleine Emme zwischen Littau und Emmen über die Ufer trat. Der Seetalplatz, Luzerns Hauptanschluss ans Autobahnnetz mit täglich 50 000 Fahrzeugen, stand unter Wasser. Der Kanton Luzern nahm die Katastrophe zum Anlass, die anstehenden Schutzmassnahmen in einen grösseren Kontext zu stellen. Es zeichnete sich damals schon ab, dass spätestens 2009 mit der Eröffnung der direkten Autobahn nach Zürich der Verkehrsknoten Seetalplatz an seine Kapazitätsgrenzen stossen würde. Das Hochwasserschutzprojekt wurde also um ein Verkehrskonzept erweitert, und – das ist aussergewöhnlich – um einen städtebaulichen Entwurf.

In der Testplanung 2008 / 09 zerschlug das Zürcher Büro Pool Architekten den gordischen Knoten, indem es ein alternatives Verkehrskonzept vorschlug, das zu einer Entflechtung führen und gleichzeitig Baufelder für ein neues Agglomerationszentrum schaffen würde. Oder anders formuliert: Der Seetalplatz könnte zu einem Ort werden.

Kleine Emme

Seetalplatz als urbanes Versprechen

Bis anhin war der Seetalplatz alles andere. Ein bizarrer Doppelkreisel tat nichts anderes, als Verkehr in die angrenzenden Hauptschlagadern zu pumpen, auf der unbebauten Fläche daneben wurden Autos verkauft, und am nördlichen Ende der Verkehrsmaschine steht seit 2001 ein Multiplexkino ohne städtebaulichen Zusammenhang in der Gegend. Auch in der Vergangenheit gab es eigentlich keinen Seetalplatz. Das Gebiet im Dreieck zwischen Emmen, Littau und Luzern blieb einfach übrig. «Wir beleben den Ort ‹Seetalplatz› und rufen ihn so in das Bewusstsein der Leute», erklärt Thomas Stadelmann Sinn und Zweck der Zwischennutzung. Kreative haben sich eingemietet, ein Restaurant auf dem Areal eröffnet, und die Leute kommen – «allerdings fast nur aus der Stadt Luzern», wie Stadelmann bemerkt. Ein Grossteil der Arbeit bestehe darin, den neuen, kommenden Seetalplatz als urbanen Ort in den Köpfen der Emmenerinnen und Emmener zu verankern, so der ehemalige Stadtbaumeister weiter.1

Die Infrastruktur für den neuen Stadtteil wurde bereits realisiert: Die Kleine Emme ist renaturiert und hat durch das Hochwasserprojekt an ihrer Mündung in die Reuss wesentlich mehr Raum bekommen; ein zweiter Flussarm und eine Insel dienen auch der Naherholung. Nicht weniger als sieben neue Brücken führen den Strassen- und Bahnverkehr über die Kleine Emme. Sie ermöglichen den «grossen Kreisel», der die Autos in weitem Rund um den früheren Platz führt und zweimal den Fluss überquert. Das zuvor vom Verkehr völlig zugemüllte Reussbühler Zentrum konnte dadurch autofrei gestaltet werden: Nur noch Bus und Velos surren durch die Hauptstrasse; eine eigene Brücke führt sie hinüber nach Emmen.2

Wo sich früher der Doppelkreisel in einer Einöde von Parkplätzen ausgebreit hat, entsteht nach dem städtebaulichen Entwurf von Pool ein Stadtzentrum, dessen Stadträume von Häuserfronten gesäumt sind, mit breiten Strassen, zwei Plätzen – dem Seetalplatz und dem Bahnhofplatz mit ÖV-Knoten –, sowie vier stadträumlich aufeinander abgestimmten Hochhäusern als Höhenakzente. 4 000 neue Arbeitsplätze und 1 500 Wohnungen sind so am Seetalplatz möglich geworden. Auf dem Gemeindegebiet Emmen sind inzwischen fünf Bebauungspläne rechtskräftig verabschiedet, auf Luzerner Gebiet liegen zwei weitere im Entwurf vor.

Direkt am eigentlichen Seetalplatz gewann 2017 das Luzerner Architekturbüro Lussi + Partner den Studienauftrag für das Projekt «4Viertel», das die unbefriedigende städtebauliche Situation des Multiplexkinos verbessern wird (vgl. S. 38). Vier zentrale Baufelder im «grossen Kreisel» gehören dem Kanton. Während auf dem grössten die bereits erwähnte neue zentrale Verwaltung entstehen wird, sollen die anderen am Flussufer in einem Investorenwettbewerb an Wohnbauträger vergeben werden. Eines der Baufelder könnte an genossenschaftliche Bauträger gehen – zu welchen Konditionen, ist noch offen.

Der Seetalplatz im Sommer 2019: Noch herrschen Leere und Lärm. Doch der private und öffentliche Verkehr sind neu organisiert, bald kann gebaut werden. Bild: Roman Keller

Kunst im Industrieareal

Auf dem nördlich an den Seetalplatz angrenzenden Industrieareal hat der Wandel bereits begonnen. Das ungewöhnlich dicht und kompakt überbaute Areal mit seiner qualitätsvollen Industriearchitektur befindet sich seit 2011 in einem Transformationsprozess. Ein Masterplan von EM2N Architekten soll den rauen Charme der Viscosistadt bewahren. So werden etwa der rigide orthogonale Raster und die engen Gassen beibehalten. Vor allem aber wird das Areal nicht vollständig seiner ursprünglichen Nutzung entkleidet: Bis auf Weiteres produziert die Firma Monosuisse dort ihre ultradünnen Filamente in einem der markantesten Gebäude weit und breit.

Neuer Nachbar der Fabrik ist die Hochschule Luzern (HSLU) mit ihrer Abteilung Design + Kunst, die 2016 in den von EM2N umgebauten Bau 745 am Ufer der Kleinen Emme eingezogen ist. Der pragmatische und zurückhaltende Umbau stellt die prägnante Stahlbetonstruktur des ehemaligen Industriebaus in den Vordergrund und überlässt ansonsten Vieles der Aneignung durch die Nutzerinnen und Nutzer. Im Erdgeschoss empfängt eine weite Halle mit Durchblick zum Fluss die Besucher, während sich nach oben hin die Ateliers stapeln – ein Haus, gemacht für den Gebrauch.

Im Spätsommer 2019 bezieht die HSLU einen Neubau des Basler Büros Harry Gugger Studio, der direkt an den Bau 745 anschliesst. Vom Nachbarn wurde die Lage der Geschossdecken übernommen. So entstanden weitere flexibel einteilbare Räume mit über fünf Metern Höhe. Wie schon EM2N kultiviert auch Harry Gugger die Struktur und befördert sie buchstäblich zum tragenden architektonischen Element. Er nutzte die Chance, die der Neubau geboten hat, eine Fassade auszubilden, die Themen vor Ort aufnimmt und in eine aktuelle Gegenwart befördert. Fast alle grösseren Bauten in der Viscosistadt haben gegliederte Fassaden mit Lisenen, welche die Vertikale betonen. Die Fassade des HSLU-Neubaus weist eine vergleichbare Struktur auf, verfügt allerdings über einen deutlich höheren Glasanteil und weicht in einem entscheidenden Punkt vom Vorbild ab: Horizontale Brüstungsbänder unterbrechen den Fluss der Lisenen und schieben sie Stockwerk für Stockwerk ein Stück weiter nach aussen. Das Gebäude «wächst» tatsächlich in die Höhe. Aus einer gewissen Distanz ist schön zu sehen, wie das oberste Geschoss eine Art Krone als Abschluss der Fassade bildet.

Für eine Gemeinde wie Emmen ist es vermutlich gewöhnungsbedürftig, dass ausgerechnet die Designer und die Künstlerinnen der HSLU in die Viscosistadt gezogen sind. Aber auch die an urbane Settings gewöhnten Kreativen dürften einen Schock erlebt haben, als sie sich in der grobschlächtigen Agglo wiederfanden. Sie schreiben nun – ob sie wollen oder nicht –, die Geschichte der Viscosistadt fort. Erleichtert wird die Akklimatisierung durch das schmucke Café im ehemaligen «Tramhüsli», vor dem ich nun doch noch vor einem Kaffee sitze. Gegenüber wird tüchtig gebaut, und mitten durch den Neubau sticht ein Industriegleis, das flussaufwärts zum Stahlwerk Schmolz + Bickenbach (vormals von Moos Stahl) führt. Die Kapellbrücke und die Jesuitenkirche könnten nicht weiter weg sein.

Lichtschimmer auf dem neuen Bau 744 in den engen Gassen der Viscosistadt: ein erster Baustein der Arealtransformation.
Bild: Roman Keller

Caspar Schärer (1973) ist Architekt ETH SIA, seit 2017 Generalsekretär des Bundes Schweizer Architekten BSA; 2008 – 17 Redaktor von werk, bauen + wohnen.

1 In einer aktuellen Befragung äusserten sich die Emmener positiv zur Entwicklung neuer Zentrumsgebiete. Sie forderten den Schutz bestehender Grünflächen und den Bau preiswerter Wohnungen.
2 Vgl. zu den Tiefbauprojekten die Zeitschrift Strasse und Verkehr, Nr. 1/2 – 2018

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