Grüne Nachkriegsmoderne

Sanierung der Tour de la Champagne in Biel durch Graser Architekten

Alois Diethelm, Alessandro Petriello (Bilder)

Das Hochhaus La Champagne am östlichen Eingang von Biel ist das höchste Gebäude der Stadt. 1968 – 70 nach den Plänen von Walter Schwaar – dem Architekten des Bahnhofs Bern – für einen lokalen Baumeister errichtet, ist die 60 Meter hohe Landmarke seit 1993 im Besitz der Pensionskasse der Stadt Biel, die sie jüngst einer grosszyklischen Sanierung unterzog. Für die Erneuerungsarbeiten verantwortlich zeichnen Graser Architekten, die das schützenswerte Inventarobjekt mit grosser Akribie und unter Beibehaltung der bauzeitlichen Curtain-Wall-Fassade fit fürs 21. Jahrhundert gemacht haben.

Nach dem fragwürdigen Totalersatz der Fassade am Gymnasium Strandboden (1975 – 82 von Max Schlup, Sanierung 2013 – 16) und der zwar schönen, aber viele Fragestellungen der Gegenwart ausklammernden Entrümpelung von Max Schlups Farelhaus (2017, vgl. S. 60 – 63) verkörpert La Champagne den goldenen Mittelweg im Umgang mit Fassadenkonstruktionen der 1960er Jahre. Und die Turmsanierung beweist, dass Substanzerhalt und energetische Ertüchtigung weder unvereinbar noch unbezahlbar sind.

Bewährte Strukturen

Das Scheibenhochhaus mit 78 Wohnungen war Teil eines Bebauungsplans von Schlup, zu dem auch das angrenzende, von ihm selbst entworfene Schulhaus Champagne (1960– 62) gehört.1 Über einem von mächtigen Pilotis getragenen Abfanggeschoss stapelt sich eine 18-geschossige Schottenstruktur aus Ortbeton mit je vier Wohnungen auf jeder Etage. Bereits ab der mittleren Höhe eröffnet sich eine beeindruckende Fernsicht über die Stadt und den Bielersee.

Orientieren sich die Kleinwohnungen wegen des Aufzugs- und Treppenturms einzig gegen Westen, so sind die grösseren Endwohnungen mit durchgestecktem Wohnzimmer zweiseitig ausgerichtet. Eine vorgehängte Fassade aus Aluminiumfenstern und grün emaillierten Gläsern umhüllt die Betonstruktur mit einem Achsmass von 3,60 Metern. Halb auskragende Loggien aus Beton, die speziell in den Kleinwohnungen den Eindruck eines zusätzlichen Zimmers vermitteln, gliedern die Westfassade in eine reliefartige Abfolge von vertikalen Bändern, während der Erschliessungsturm die Ostfassade nicht minder plastisch zweiteilt.

Anders als es die durchgängig gleiche Trag- und Raumstruktur auf den ersten Blick vermuten lässt, sind die Wohnungen nicht auf allen Geschossen identisch. Aus 2- und 3-Zimmer-Wohnungen werden allein durch die Platzierung einer Türe in der einen statt der anderen Schottenwand 1- und 4-Zimmer-Wohnungen. Überhaupt beweisen diese Grundrisse einmal mehr, dass Querbezüge das Wesen des Schottenbaus ausmachen. Diesbezüglich erwähnt seien die Enfilade über zweieinhalb Achsen beim Betreten der 3- und 4-Zimmer-Wohnungen und dort auch die diagonale Sichtverbindung über mehrere Raumschichten. Beides lässt die Wohnungen grosszügig und vielfältig erscheinen. Die vier Wohnungstypen verteilen sich nahezu gleichmässig übers ganze Haus und werden im 19. Obergeschoss durch zwei Maisonette-Wohnungen mit fünf Zimmern ergänzt. Dieser Mix hat sich bewährt; die Wohnungen waren und sind beliebt.

Bessere Performance, aber kein «neuer Glanz»: Die orignalen Fenster und Brüstungsgläser
wurden effektvoll ertüchtigt.
Bild: Alessandro Petriello

Fakten statt Mutmassungen

Bewährt hat sich auch die Fassade, obwohl sie nicht vollends schlagregendicht war und auch schon Brüstungsgläser heruntergefallen sind. Ein anderer Bauherr hätte dies zum Anlass genommen, die Fassade schlechtzureden und einen Ersatz zu verlangen; Denkmalpflege hin oder her. Nicht so die Hochbauabteilung der Stadt Biel, die als Bauherrenvertreterin fungierte.

Sie wusste um die Qualitäten der Fassade. Dank einer Zustandsanalyse hatte sie davon Kenntnis, dass die Fensterprofile bereits thermisch getrennt sind und damit ideale Voraussetzungen für eine Ertüchtigung bieten. Auch liess sie schon im Vorfeld zum Studienauftrag die Erdbebensicherheit klären.

Mit diesem Wissen lud die Stadt Biel mehrere Architekturbüros ein, sich zur Teilnahme am Studienauftrag mit drei Teams bewerben.2 Abgefragt wurde dabei primär der Umgang mit der Fassade und der Haustechnik. Auf den ersten Blick sahen sich denn auch alle drei Vorschläge sehr ähnlich. Die grössten Unterschiede hatte man bereits in der Zwischenbesprechung egalisiert, etwa mit dem Vorsatz, keine grösseren oder zusätzlichen Wohnungen durch Anbauten zu errichten. Der Komplettersatz der Fassade wurde zwar dargestellt, aber nur um zu belegen, dass sich ein Ersatz weder ökonomisch noch ökologisch lohnt.

Energieersparnis um zwei Drittel

Der Entscheid für das Team um Jürg Graser, zu dem auch Franz Graf und Giulia Marino vom Laboratoire TSAM der EPF Lausanne gehörten, ist dennoch nachvollziehbar. Ihr Konzept zeigte eine klare Interventionsstrategie und blieb bei allem Respekt vor dem Bestand nicht zaghaft beim Vorschlag energetischer Verbesserungen. Versprochen wurde beispielsweise eine Reduktion des Heizwärmebedarfs um fast zwei Drittel und eine Minderung der Vorlauftemperatur der Deckenheizung auf angenehme 30 Grad. Das Team Graser lieferte Beweise statt Mutmassungen und Absichtserklärungen. Von den relevanten Details wurden bereits während des Studienauftrags isothermische Berechnungen erstellt und damit der Nachweis erbracht, dass die Vorschläge funktionieren. Von der gleichen Praxisnähe zeugen auch die Abbildungen von justierbaren Fensterbeschlägen auf den Präsentationsplänen.

Früh und klug gerechnet: Zwei Drittel des Wärmebedarfs lassen sich nun einsparen, die Ertüchtigungen sind kaum sichtbar. Das neue Farbkonzept ist so grün wie die Energiebilanz.

Alter Schmutz und neue Farben

Die Fassade liess sich in der Folge wie prognostiziert ertüchtigen: Die Brüstungen wurden von innen gedämmt und aussen nur gereinigt, die Fenster mit neuen Gläsern bestückt (3- statt 2-fach Isolierglas) und mit neuen Gummidichtungen sowie einer fein regulierbaren Schliessmechanik versehen. Die Brüstungsaufdoppelung tut der Wahrnehmung übrigens keinen Abbruch, denn die Fassade erschien mit dem raumgreifenden Fenstersims nie als die dünne Membran, die sie eigentlich ist. Die Verkleidung der Stirnfassade wurde komplett demontiert, die Steinwolldämmung auf 18 Zentimeter verdreifacht und die Pfosten-Riegelkonstruktion nach einer Reinigung mit verlängerten Konsolen wieder montiert. An dem grossen Baukörper fällt die Volumenvergrösserung nicht weiter auf.

Niemand wäre überrascht, stünde nun an dieser Stelle im Text, dass die Fassade wieder im alten Glanz erscheine. Das tut sie aber nicht, und das ist gut so. Der jahrzehntealte Schmutz liess sich nicht komplett entfernen und steht nun als Indiz für das Original. Schade ist nur, dass der Stoff der Gelenkarmmarkisen nicht mehr orange, sondern hellgrau ist. Darüber helfen auch die farbigen Fliesen in den Küchen und Bädern nicht hinweg, die als Sinnbild für die 1970er Jahre stehen.

In dieser insgesamt sehr feinfühlig und intelligent gemachten Sanierung wirken sie eher plakativ und erinnern mit dem gewählten kleinen Format (10 x 10 cm) mehr an die Zeit zwischen 1980 und 1990. Die neue Farbigkeit in den Erschliessungskorridoren ist da wesentlich inspirierter: Sind im obersten Geschoss die Wände weiss und nur die Decke grün, werden mit jedem weiteren Geschoss auch die Wände grüner – als fliesse die Farbe herunter, einzig vom Architekten in Schach gehalten –, bis das Erdgeschoss ganz in Grün getaucht ist. So grün wie die Energiebilanz.3

Früh und klug gerechnet: Zwei Drittel des Wärmebedarfs lassen sich nun einsparen, die Ertüchtigungen sind kaum sichtbar. Das neue Farbkonzept ist so grün wie die Energiebilanz.

Alois Diethelm (1969) studierte Architektur am Technikum Winterthur. 1996 – 98 Nachdiplomstudium in Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich. Seit 1999 eigenes Büro mit Daniel Spillmann in Zürich.

1 Schlup sah allerdings eine um 90° gedrehte Ausrichtung des Hochhauses vor.
2 Zum Studienauftrag zugelassen wurden die Teams um Graser Architekten, Rolf Mühlethaler sowie «Jura-Süd», eine Arbeitsgemeinschaft von spaceshop und Bart & Buchhofer Architekten.
3 Wer es ganz genau wissen will, dem sei der Schlussbericht zum Forschungsprojekt Wider Klischees – Messen und Modellieren im sich wandelnden Fokus der Baukultur von Jürg Graser am Institut Konstruktives Entwerfen (IKE) an der ZHAW Winterthur empfohlen. Der Bericht zeigt die Tour La Champagne in ihrer ganzen Breite mit vielen Detailplänen und Berechnungen.

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