Das Bauteil bestimmt

Architektur muss klimaneutral werden – und sie kann dabei ganz verschieden aussehen

Tibor Joanelly, Jenny Keller, Martin Zeller (Bilder)

Über Kreislaufwirtschaft, Ästhetik und Schätze der Zukunft. Ein Interview mit Kerstin Müller, Mitglied der Geschäftsleitung des Baubüro In Situ auf dem Lysbüchel in Basel, wo das Tragwerk des Kopfbaus 118 in Winterthur herstammt.

Wie die Architektur aus wiederverwendeten Bauteilen aussieht, ist beim Baubüro In Situ bedingt durch das gefundene Material. Die Auskragung des Kopfbaus K118 in Winterthur etwa ist nicht irrational, sondern ergibt sich aus der Dimension der Stahlträger von einer Halle auf dem Areal Lysbüchel in Basel. Trotzdem: Wird mit dem bewussten Zurschaustellen von Brüchen nicht auch das tradierte Architekturdenken in Frage gestellt?

Die grünen Trapezbleche gliedern die Fassade und sorgen für ein einheitliches Bild. Sie stammen von den bisherigen Dachaufbauten vor Ort.
Bild: Martin Zeller

Es ist aber nicht nur das Entwerfen, das beim Baubüro In Situ anders ist – das Büro geht fast alles unorthodox an. Das beginnt bei der Sprache, die nach bewusst positiven Konnotationen im Umgang mit gebrauchtem Material sucht, geht über die manchmal forciert dekontextuierte Verwendung von Bauteilen und erstreckt sich bis zu einer klar ganzheitlichen Sicht auf Arbeit und Kosten. Letztere waren thematischer Einstieg ins Gespräch anlässlich eines Ortstermins auf besagtem Lysbüchel-Areal und später in den Räumlichkeiten des Baubüro In Situ auf dem Gundeldinger Feld in Basel.

Wenn das Bauteil bestimmt: Die orthogonale Stahlstruktur aus Basel führt als Aufstockung auf dem trapezförmigen Bestand in Winterthur zu einer Auskragung.
Bild: Martin Zeller

wbw Was sind eure Argumente, um die Kosten der Re-Use-Architektur zu rechtfertigen?
Kerstin Müller Wer über Kosten redet, meint Schweizer Franken. Es wird nie über Umwelt- oder soziale Kosten gesprochen, die auch relevant wären. Wir finden teilweise Material, Granitplatten aus Brasilien beispielsweise, bei denen niemand fragt, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden.
wbw Kann man die Leute abholen, wenn man das thematisiert?
Müller Manche verstehen es, manche möchten davon nichts hören. Ein ähnliches Thema war ja die Konzernverantwortungsinitiative. Wir merken, einige sind sensibilisiert: Der Projektleiter unserer Nachbarin im Lysbüchel, der Stiftung Habitat, hat seine Architekten angehalten zu prüfen, ob die Stahlträger vom Dach beim Auf- und Neubau wiederverwendet werden können. Die Wiederverwendung hat vielleicht die sauberste Lieferkette, die man sich vorstellen kann, sozial und ökologisch. Sie ist einfach noch kein Thema. So wie ökologische Kosten auch noch zu wenig Thema sind. Wird CO₂ als knappes Gut mit einem Preis verstanden, kriegt Wiederverwendung eine ganz andere Dimension.
wbw Was wiederum regulatorische Änderungen bedingt, damit man versteht, dass es noch andere Währungen als den Schweizer Franken gibt.
Müller Ja, ein Beispiel: Heute hindert niemand und nichts einen Eigentümer daran, ein junges und voll funktionsfähiges Gebäude abzureissen und neu zu bauen. Es braucht den politischen Willen, wenn sich das ändern soll.
wbw Davon sind wir noch weit entfernt. Und dennoch macht ihr unentwegt weiter, als gäbe es solche Hindernisse nicht. Warum?
Müller Wir sind Überzeugungstäterinnen und -täter. Und sicher auch sehr idealistisch. Uns ist die Neuausrichtung des Bauwesens ein Anliegen, es ist klar, dass die Bauwirtschaft einen grossen Anteil am Ausstoss von CO₂ hat und zugleich extrem träge ist. Also ist es Zeit, dass man etwas unternimmt.

Neben einem bislang mangelhaften Verständnis für die externalisierten Kosten des Bauens stehen aber auch systemimmanente Hindernisse vor einer Architektur der Wiederverwendung. Ein Beispiel sind Gewährleistungen. Kerstin Müller spricht dies beim Ortstermin immer wieder an, sodass wir im Büro nachfragen. Wie können Systemgarantien gesichert werden, wenn man die Bauteile noch gar nicht kennt? Und wie schafft man gegenüber der Bauherrschaft das Vertrauen, dass die abgelieferte Architektur zum Schluss auch funktioniert? Die Antworten von Müller sind einfach, die Aushandlungsprozesse dahinter natürlich etwas komplizierter. Wie also überzeugt In Situ Bauherrschaften, an Bord zu kommen?

Immobilien Basel-Stadt liess sich auf das Experiment Elys auf dem Lysbüchel-Areal ein. Bild: Martin Zeller

Müller Man muss eine Bauherrschaft haben, die offen für gewisse Risiken ist. Oft hilft der Vergleich mit dem Status Quo. Denn tatsächlich gibt es ja immer nur eingeschränkte Gewährleistungen auf ein neues Produkt. Vielleicht finden wir auch bald einen Versicherer, der wiederverwendete Bauteile versichert. Das wäre ein Riesenschritt. Bei der Wiederverwendung von Bauteilen arbeiten wir eng mit Unternehmern zusammen, die für die Dauerhaftigkeit ihre Einschätzung abgeben können. Die Qualität der Elemente, die wir einbauen, ist darum schon einmal geprüft, einfach ohne Prüfsiegel. Das gibt schon mal Sicherheit.
wbw Aber manchen Bauherrschaften wird dies nicht genügen. Wie geht ihr damit um?
Müller Der Einbau selbst geht über die Firmengarantie. Dann bleibt noch das Material. Hierfür müssen wir Lösungswege finden. Beim Lysbüchel diskutierten wir mit der IBS (Immobilien Basel-Stadt) über einen Garantiefonds für die Fenster. Der eingesparte Betrag, um den die gebrauchten Fenster günstiger waren als neue, wird auf die Seite gelegt.
wbw Mit solchen unkonventionellen Lösungen nehmt ihr eine Vorreiterrolle ein.
Müller Das ist schon so. Wir beteiligen uns aktuell auch an einem Innosuisse-Projekt mit der ZHAW School of Management and Law. Dabei untersuchen wir rechtliche Fragen der Wiederverwendung wie beispielsweise die Frage nach den Garantieleistungen oder Besitzverhältnissen der Bauteile während des Ausbaus, der Lagerung und des Wiedereinbaus.
wbw Das steht im Gegensatz zum herkömmlichen Architekten (bewusst männlich, Einzahl), der viel Zeit auf die Lösung eines Details verwendet, während Ihr Zeit benötigt, um die Lösung für den praktikablen Weg aufzuzeigen.
Müller In der Tat, am Detail eines Türknaufs verschwenden wir nicht unsere Zeit.
wbw Wofür braucht ihr sie dann?

Hier werden die roten Fassadenpanele in Uster geerntet, die den Kopfbau 118 schon lange vor Fertigstellung kennzeichneten. 
Bild: Martin Zeller

Müller Wir müssen ja zuerst die Bauteile jagen. Unsere Bauteiljägerinnen und -jäger fahren mit dem Velo durch die Stadt, sehen Baugespanne und Rückbauten und telefonieren sich durch. Das Know-how dieser Jäger, der Blick für die Gebrauchstauglichkeit eines Bauteils, für dessen reibungslose Demontage, muss vorhanden sein. Ganz am Anfang mussten wir sehr viel Überzeugungsarbeit bei Firmen, Bauherrschaften und Behörden leisten. Es ist überall ein erstes Mal, eine Pionierarbeit. Gebt mal eine Baubewilligung ein, wenn ihr noch gar nicht wisst, wie Euer Gebäude ausschaut – oder macht mal einen Energienachweis, wenn ihr noch gar nicht wisst, welche Fenster Ihr einbaut. Hat man in solchen Prozessen einmal bewiesen, dass es funktioniert, dann ist es beim zweiten Mal bereits einfacher.
wbw Werden diese Prozesse protokolliert, um Eure Erfahrungen weiterzugeben?
Müller Im Sommer kommt das Buch über das K118 in Zusammenarbeit mit der ZHAW heraus, auf Ebene von verschiedenen Bauteilen werden diverse Themen aufgeschlüsselt: CO₂-Ersparnis, Kosten, Vertragliches, Historisches usw.
wbw Das ist Architekturforschung im klassischen Sinn. Könnt Ihr daraus auch allgemeine Handlungsempfehlungen für das Entwerfen ableiten?
Müller Wenn ich heute etwas verbaue, muss ich ans Morgen denken. Bauteile – egal ob gebraucht oder neu – müssen möglichst ohne Kleber verbunden werden. Möglichst ohne spezielle Formen und Schnickschnack, dann ergibt sich eine gute Ausgangslage für weitere Lebenszyklen. Ein allzu spezifisches Bauteil hat keine Zukunft; man muss rückwärts denken lernen. Wir wissen, was es braucht, um etwas auszubauen, also wissen wir auch, was und wie wir nicht neu bauen sollen

Detailgenauigkeit bedeutet hier, dass die aussenliegende Treppe, die von einem Bürohaus in Zürich stammt, mit einer Toleranz von 15 Zentimetern «genau» passt.
Bild: Martin Zeller

Zum Schluss des Gesprächs möchten wir es noch etwas genauer wissen. In dieser Zeitschrift haben wir Zweifel an der Entwurfsstrategie der Bricolage geäussert (vgl. wbw 4 – 2020). Das Montieren von gebrauchten Bauteilen hat entgegen dem forcierten Blick in die Zukunft etwas Zeitloses, Selbstvergessenes – als ob sich das pragmatische Kombinieren von Bauteilen selbst genügte. Wonach richtet sich das Baubüro In Situ beim Entwerfen?

Jedes Bauteil bleibt in seiner ursprünglichen Farbe und Oberfläche, auch aus Kostengründen. Den Boden kann die Mieterschaft dereinst selber schleifen.
Bild: Martin Zeller

Müller Wir haben ein paar Prinzipien, die uns helfen. «Überlappen» ist eines davon. Ein anderes Prinzip von uns ist der «Puffer»: Für ein fixes Element wie ein Fenster, dessen Masse ich noch nicht kenne, benötige ich eine anpassungsfähige Wand, damit ich die nötige Flexibilität für den Einbau habe. Ausserdem sollte ein Element nicht mit zu vielen Funktionen überladen sein. Andere Architekturschaffende werden andere Ideen haben, und auf die freue ich mich.
wbw Gibt es historische Vorbilder des Handwerks, auf die ihr Euch bezieht?
Müller Historische Holzbauten sind gefügt; geklebt wird erst seit der Nachkriegszeit. Ähnlich Industriebauten: Sie sind im Gegensatz zu Wohnungsbauten einfach auseinanderzunehmen. Dabei können die Bauteile auch in veränderter Funktion wiederverwendet werden. Die Betonrippendecke des Parkhauses auf dem Lysbüchel kann auch zu einem Zwischenboden werden. Betonelemente aus den Personalhäusern am Triemli zu Stützmauern. So muss man denken. Da steckt Potenzial für Kreativität drin. Das Interesse für solches Kreislaufdenken an den Hochschulen ist gross – und plötzlich werden so viele Sachen möglich! Ich denke nicht, dass wir allein mit unserer Arbeitsweise die Welt retten können. Aber sie ist ein Stein im Mosaik. Uns wird oft vorgeworfen, unsere Re-Use-Architektur sei Bricolage. Da möchte ich mich wehren und sagen: Dann macht es doch in eurem Stil! Man kann Wiederverwertung auch unsichtbar machen, es anders darstellen als wir. Das eine bedingt nicht das andere.

Kerstin Müller ist Architektin und Mitglied der Geschäftsleitung des Baubüros In Situ und Co-Geschäftsführerin von Zirkular.

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