Im Dienst des Menschen

Fernand Pouillon als sozialer Architekt

Leo Fabrizio

Ob in den steinernen Wohnbauten oder dem vielgestaltigen Programm der Tourismusanlagen im ganzen Land: Fernand Pouillons Werke sind von einem tiefen sozialen Engagement geprägt.

Bekannt – und vor allem anerkannt – ist der französische Architekt Fernand Pouillon (1912 – 86) für seine grossen Wohnbauprojekte aus massivem Stein. Der Blick auf seine gesamte Laufbahn zeigt jedoch ganz unterschiedliche Perioden: Die Arbeit mit verschiedenen Materialien und Konstruktionsweisen liess Architekturen von einer so grossen Vielfalt entstehen, dass sie kaum als das Werk ein und desselben Architekten zu erkennen sind.

Ein Grund für diese Vielfalt liegt in den wechselnden und oft turbulenten Zeitumständen, in denen der Architekt tätig war: der Wiederaufbau in Frankreich nach dem Krieg, das koloniale und später das unabhängige Algerien, schliesslich Iran, Nord- und Südamerika. Aber die Umstände erklären nicht alles. Ebenso wichtig ist Fernand Pouillons ständiges Bemühen, das jeweilige Klima, die Kultur und die Geschichte des Orts seiner Tätigkeit zum Thema seines Entwurfs zu machen. Im Licht dieser Betrachtung erweist sich das vielgestaltige und bis heute nicht vollständig bekannte Werk durchaus als konsequente Schöpfung einer einzigen Person. Umso erstaunlicher ist die bis heute eher schwache Rezeption in Fachkreisen und das immer noch sehr lückenhafte Wissen über das Werk dieses bedeutenden Architekten.

Die Cité de la promesse tenue mit rund 1550 Wohnungen gleicht Geschiebe am Hang und erinnert im Ausdruck an muslimische Architektur.
Bild: Leo Fabrizio

Fotografische Forschungsreisen

Die hier gezeigten Fotografien sind nur ein kleiner Ausschnitt aus einem umfangreichen Korpus – mehr als 700 Bilder, analog mit der Grossformatkamera aufgenommen – und das Ergebnis einer Recherche zum Werk des  Architekten, die seit 2014 andauert, mit einem ganz besonderen Fokus auf die beiden Perioden seiner Tätigkeit in Algerien (1953 – 58, 1965 – 84). Diese beiden Werkphasen bieten ein bemerkenswertes Studienfeld, sowohl was die Vielfalt wie die schiere Menge der realisierten Gebäude betrifft – in einem absolut aussergewöhnlichen Umfeld. Besonders aber, weil hier alle Themen zu Tage treten, die Fernand Pouillons Engagement in seiner Architektur bestimmt haben. Das Feld der Bautätigkeit war in beiden Perioden zwar ein vollkommen anderes – sozialer Wohnungsbau in der ersten, Tourismusbauten in der zweiten –, doch zeugen beide von Fernand Pouillons stetigem und entschlossenem Engagement für das, was er selbst eine soziale Architektur genannt hat.

Die einsamen Vorposten am Felshang sind mittlerweile mit der Stadt verwachsen, geblieben ist der Blick aufs Meer, Ort des Austauschs und der Sehnsucht.
Bild: Leo Fabrizio

Architektur der Gleichberechtigung

Die Auseinandersetzung mit der Architektur von Fernand Pouillon handelt nicht nur von Fragen nach der Form, den Materialien, den Strukturen, der Technik, der städtebaulichen Integration oder auch der Anpassung ans Klima. Sie führt dazu, die soziale Komponente der Architektur zu hinterfragen: darüber nachzudenken, wie und auf welche Weise das Bauen die Existenz von Tausenden von Bewohnern und deren Lebensumstände zum Guten oder zum Schlechten beeinflussen kann. Es wirft die Frage auf, ob und in welcher Art das Bauen konstitutiv für die Gesellschaft von morgen sein kann.

Gerade in diesem Punkt sind prägende Begegnungen und starke, jahrelange Freundschaften wichtig für Pouillons Architektur. Sie haben sein Leben an vielen Stationen bestimmt. Das gilt auch für das algerische Werk, das eng mit der Person von Jacques Chevallier verbunden ist. Er war es, der ihn nach Algier berief, nachdem er 1953 zum Bürgermeister gewählt worden war. Er hatte die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, im grossen Massstab öffentlichen Wohnungsbau an die Hand zu nehmen und die grassierende Wohnungsnot in der Stadt zu bekämpfen. Der innovativ denkende Chevallier wollte der einheimischen algerischen Bevölkerung ebenso wie den französischen Siedlern Wohnraum verschaffen, und dies im kolonialen Kontext der Algérie française, die der einheimischen Bevölkerung bis dahin ein würdiges Leben verweigert hatte. An diesem politischen Grossprojekt arbeiteten auch andere Architekten mit, doch es war besonders Fernand Pouillon, der Chevallier zur erfolgreichen Realisierung seines Wahlversprechens verhalf. Denn er baute schnell und in hoher Qualität, und er zeigte echtes Interesse an den Bewohnern und ihrer Lebensweise.

Das erste Projekt, Diar es Saâda («Heimat des Glücks», 1953 – 55, 735 Sozialwohnungen in Naturstein), wurde in nur 365 Tagen gebaut und war als «Siedlung ohne Segregation» angekündigt. In dem konservativen kolonialen Milieu wirkten diese Absicht und der gebaute Komplex zweifelsohne als Schock. Die Reaktion aus dem Mutterland liess nicht auf sich warten: Für die zweite Siedlung, Diar el Mahçoul, erzwang das Corps des Ponts et Chaussées (das Amt für Strassenbau) eine Trennung der Bevölkerungsgruppen durch den Bau einer imposanten Strasse, deren Plan im Widerspruch zu Pouillons städtebaulichen Absichten steht. Doch der Architekt fand Auswege aus diesen Zwängen: In dem Teil, der für kleine Einkommen (und damit für die algerische Bevölkerung) bestimmt war, lassen sich Anklänge an die Kasbah, die historische Altstadt von Algier, erkennen. Die Siedlung liegt auf einem Hügel vier Kilometer ausserhalb des Zentrums, jedoch genau oberhalb jener Gewerbegebiete, wo ein grosser Teil der in der Siedlung lebenden Algerier arbeitete. Mit diesen verband sie der Architekt durch eine Luftseilbahn – eine der ersten überhaupt in Afrika und gewiss die erste, die als städtisches Nahverkehrsmittel diente. Pouillons Bemühen, im Sinn Chevalliers durchmischte Siedlungen zu schaffen und die unterschiedlichen – europäischen und nordafrikanischen – Codes des Wohnens zusammenzubringen, waren ein wesentlicher Grund dafür, dass dieser unbequeme Architekt in den frühen 1960er Jahren in Frankreich so heftig angegriffen wurde.

Ein Bauprogramm für den Tourismus

Es war der gleiche Jacques Chevallier, mit dem Fernand Pouillon auch seine zweite algerische Periode begründete. Der ehemalige Bürgermeister hatte im Gegensatz zu Hunderttausenden französischer Siedler dem ab 1962 unabhängigen Algerien die Treue gehalten und leitete unter dem visionären Tourismusminister Abdelaziz Maoui die Entwicklungsgesellschaft für den Fremdenverkehr AETA. Maoui war sich der Gefahr einer wirtschaftlichen und kulturellen Isolation bewusst, die der unabhängigen Republik drohte. Er versuchte, durch den Tourismus eine Öffnung zur Aussenwelt zu ermöglichen und dem von 130 Jahren der Kolonialherrschaft ausgelaugten Land neue Einnahmen zu verschaffen.

Das Hafenbecken mit dem Restaurant und Festsaal, dem Hotel El Marsa (rechts)bund dem Hotel El Manar im Hintergrund.
Bild: Leo Fabrizio

In diesem Kontext staatlicher Planwirtschaft entwarfen Pouillon und Chevallier ein umfassendes Programm für die touristische Erschliessung Algeriens. Und wieder stellten sich die beiden dabei ganz in den Dienst der einheimischen Bevölkerung – mittels einer gleichzeitig raffinierten und einfachen Architektur, welche die einheimische Tradition ebenso respektiert wie die Kunst des Bauens. Es ist eine Besonderheit von Fernand Pouillon, dass er jede Bauaufgabe, ob Wohnungsbau, Hotels oder Hochschulcampus, stets als soziale Architektur verstand, die in der Lage ist, Höhepunkte im menschlichen Leben zu prägen. Welch immensen Kraftakt es bedeutete, dass Pouillon in Algerien ein so kolossales gebautes Werk tatsächlich zu realisieren wusste, bezeugen die Erfahrungen weniger erfolgreicher Kollegen. So schildert der deutsche Architekt Armin Duerr in einer algerischen Architekturzeitschrift (Madinati 08 – 2019) mit Bitterkeit, dass von all den Projekten in der Zeit seiner Mitwirkung im Baubüro für die Sanierung der Kasbah 1984 – 87 trotz grosser finanzieller Mittel kein einziges realisiert worden sei. Genauso erarbeitete der Algerienschweizer Jean-Jacques Deluz als Leiter des Planungsamts zusammen mit Gérald Hanning unzählige Studien für den Wohnungsbau, ohne greifbare Ergebnisse zu erzielen.

Bild: Leo Fabrizio

Eine sinnliche Erfahrung

Wer die verbliebenen Zeugen des Werks von Fernand Pouillon besucht, ob in Frankreich oder Algerien, wird manchmal vielleicht Mühe haben zu verstehen, was er da vor sich sieht. Der Besuch wird zu einer Art archäologischer Forschungsreise. Doch trotz des teils spürbar in die Jahre gekommenen Zustands mit mehr oder weniger geschickten Anbauten, teilweiser Zerstörung oder gänzlich fehlender Instandhaltung bietet die Architektur Pouillons weiterhin eine beeindruckende, menschliche und lebendige Erfahrung. Ihre Erkundung weckt Gefühle und Emotionen.

In ĽArchitecture par Fernand Pouillon erklärt die Autorin und letzte Lebenspartnerin von Fernand Pouillon, Catherine Sayen, seine Herangehensweise: «Er stützte sein Wissen auf das Verständnis des Ortes und seiner Menschen. Zahllose Stunden widmete er der Beobachtung und der Analyse des Gesehenen, und unermüdlich übte er sich darin, die Variationen der Empfindungen zu entschlüsseln, die Räume, Flächen, Volumen aller Art, ob natürlich oder menschengemacht, auf den Menschen ausüben. Gelehrsamkeit ist eine phantastisches Hilfsmittel, aber nicht das Ziel. Fernand Pouillon hat immer wieder betont, dass das kognitive Denken fast immer sein Ziel verfehlt, wenn es ausserhalb der sinnlichen Welt operiert.»

Eine raumgreifende Achse mit Freitreppen und Wasserspiel verbindet über den geschwungenen Boulevard hinweg die Teile der Siedlung.
Bild: Leo Fabrizio

Fotografie als Exvoto

Die Arbeit als Fotograf, vor allem jene mit der langsamen und schweren Fachkamera auf ihrem Stativ, hat mich gezwungen, diese Architektur immer wieder zu begehen, mit ihr zu leben und das tägliche Leben der Menschen zu teilen, die sie bewohnen, die sie ausmachen und den einzigen Anlass ihres Bestehens darstellen. Um sie zu verstehen, musste ich Gewissheiten und eine Reihe von Vorurteilen loslassen. Kürzlich, bei der Vorbereitung meiner Ausstellung Fernand Pouillon et l’Algérie im Centre Photographique de Marseille, fragten mich Kunststudierende, die beim Aufbau halfen, nach dem Grund für meine Hängung der Bilder, die ihnen viel dichter und organischer schien als die üblichen, einheitlichen und übersichtlichen Ausstellungen an diesem Ort. Meine Antwort war, dass mein Ansatz der Entwurfsmethode von Fernand Pouillon folge. Dem, was ich bei der Wahrnehmung und Erforschung seiner Bauten und aus seinen Schriften von ihm gelernt habe. Um ihnen das zu erklären, sprach ich von der nahen Basilika Notre Dame de la Garde, von den Marseillais La Bonne Mère genannt. Dort war mir deutlich geworden, dass meine Fotos im Grund eine Serie von Exvotos darstellen, eine Art von Dank dafür, dass mir die Augen geöffnet wurden und ich ein so bedeutendes Werk wiederentdecken durfte.

In die Terrassierung der abschüssigen Topografie floss viel entwerferische Energie, spürbar auf dem erhöht liegenden Palmenplatz.
Bild: Leo Fabrizio

Als Künstler, Autor und Fotograf bin ich es gewohnt, mich an ganz und gar ungewöhnlichen Orten zu bewegen. Aber die jahrelange Auseinandersetzung mit diesem Werk stellt trotz allem die weitaus bedeutendste und stärkste Begegnung mit Architektur in meinem Leben dar. Ich wünsche mir, dass die Bilder in diesem Heft dazu einladen, das Werk Pouillons wieder neu zu entdecken.

Leo Fabrizio lebt als Künstler und Fotograf in Lausanne. Er wurde 1976 in Moudon VD geboren und besuchte bis 2005 die Kunsthochschule ECAL in Lausanne. Sein vielseitiges Werk wurde in vielen Städten Europas ausgestellt und mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet (u.a. Bourse Leenards 2004, Design Preis Schweiz 2003, 2006, 2011). Seit 2014 widmet er sich vertieft dem Werk von Fernand Pouillon. Wichtige Publikationen sind Bunkers (2004), Dreamworld (2010), Archetypal Landscape (2011) sowie zuletzt Bâtir à hauteur d’hommes. Fernand Pouillon et l’Algérie (2019).

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