Bienenhaus hinter Eisberg

Deichman-Bibliothek von Atelier Oslo und Lundhagem

Jenny Keller, Studiocampo (Bilder)

Das integrative Moment eines öffentlichen Baus anstelle eines separierenden Autobahnkreisels. Die neue Deichman-Bibliothek ist ein schwellenloses Haus der Bildung, zugänglich für alle und fähig, die Zeichen der Zeit aufzunehmen.

Dieses Gewimmel! «Pssst» ist hier ebenso deplatziert wie eine elitäre Schulbildung nur für diejenigen, die es sich leisten können. Die Tore der Deichman-Bibliothek stehen beinahe rund um die Uhr allen offen – o.k., von 8 Uhr bis 22 Uhr an Werktagen, etwas kürzer am Wochenende –, sieben Tage die Woche. Wir haben eigentlich ein anderes Bild von Bibliothek im Kopf, kein Bienenhaus wie dieses hier, vielmehr ein Ort für das ruhige Studium mit wenig Störgeräuschen. Intuitiv werden dennoch Stimme und Schritte gedämpft – später fällt auf: Die Akustik dieses Riesenhauses ist unfassbar angenehm – beim Versuch, dem beinahe überwältigenden Gewirr des Erdgeschosses in die Höhe, zum Licht hin zu entkommen. Rolltreppen durch die luftigen Räume versprechen den schönsten Weg nach oben, wo man selbst aus dem zweiten Obergeschoss durch die Lufträume auf die Strasse vor dem Haus sehen kann. Die Besonderheit des Hauses beginnt bereits beim Eingang: Die offenen Tore sind in Wirklichkeit trennende, veritable Wärmeschleusen. Zwei hintereinander gestaffelte, gläserne Drehtüren mit einem Pufferraum dazwischen lassen keine kalte Luft rein. Weil sich die beiden versetzt zueinander drehen, trifft die Aussentemperatur nie auf die Innentemperatur. Das ist nützlich in Oslo, mit Durchschnittstemperaturen um den Gefrierpunkt von November bis April.

In der Bibliothek gibt es auch abgeschirmte Bereiche, in denen man es sich wie auf dem eigenen Sofa gemütlich machen kann.

Metaebene und tanzender Schacht

Im Warmen angekommen, geht es auf der Rolltreppe hinauf. Ausgerechnet Brainstorm heisst eine der Kunst-am-Bau-Arbeiten in der neuen Bibliothek. Sie ist von Lars Ø Ramberg, einem norwegischen Künstler, der das Chaos im Kopf einer nicht selten überforderten, allzeit vernetzten Gesellschaft in insgesamt 400 Meter lange handgebogene, gelbe und weisse Neonröhren übertrug. Die Arbeit windet sich von der Decke des Erdgeschosses und bietet einen treffenden Vorgeschmack auf alles, was hier drin noch kommen wird. Vorab: Alle Eindrücke in Worte zu fassen war schwierig, obwohl grosse Teile dieses Textes bei einem zweiten Besuch vor Ort in eben dieser Bibliothek entstanden sind. Auf der Metaebene sozusagen. Genauer auf einer Galerie aus Schwarzstahl, die sich für kontemplative Arbeit eignet. Diese Galerien sind auf jedem der sechs Stockwerke, das schwarze Untergeschoss mit seinem grossen Kinosaal mitgezählt, als übergrosse Büchergestelle in den durch einen zentralen, siebeneckigen Schacht perforierten Raum gestellt. Die Position des Schachts wechselt pro Stockwerk, sodass er beinahe zu tanzen beginnt. Dieser schwer fassbare, facettenreiche Raum nimmt Menschen auf, als wäre die Bibliothek die Shoppingmall eines vergangenen amerikanischen Traums. Tatsächlich treffen sich hier viele Jugendliche, deren Köpfe Airpods und Kopftücher zieren, auf den Tischen liegen Uni-Literatur und Hausaufgaben. Aber auch die Schach spielenden Pensionäre haben hier ihr warmes Heim auf Zeit. Bis zur Postmoderne hätten die jungen Leute sich zwischen dem langweiligen Sozialismus und dem kaltherzigen Kapitalismus entscheiden müssen, steht in der Einleitung zu einem Buch über die Stadtwerdung Oslos. Wenn das stimmt, ist die Deichman-Bibliothek die hausgewordene Postmoderne. Alt–jung, low–high, ost–west, Mann–Frau, das sind Kategorien, die überholt scheinen. Inklusion und Gemeinschaft heissen die neuen Werte, und Architektur schafft es teilweise tatsächlich, diese Dichotomien zu überwinden. Die Deichman-Bibliothek ist ein rares Beispiel dafür. Ein veritabler zeitgenössischer social Condenser im Sinne von Rem Koolhaas.

Der auskragende Teil der Bibliothek dient als informeller Arbeitsbereich, bevölkert wie ein Marktplatz im Haus.

Architektur, die vereint

Nach der Rolltreppenfahrt wechselt man im ersten Stock die Richtung. Das bringt Dynamik ins Haus und könnte ebenfalls bei Koolhaas abgeschaut sein. Von OMA stammt tatsächlich auch der erste siegreiche Entwurf im Wettbewerb für eine neue Bibliothek an der Stelle des heutigen Nationalmuseums, deren Planung 2008 abrupt gestoppt wurde. Allein der Planungsprozess für die neue Deichman-Bibliothek sollte 30 Jahre dauern. Die Geschichte der öffentlichen Bücherei in Oslo geht sogar zurück auf 1780, als der vermögende Mäzen Carl Deichman seine gesamte Buchkollektion nach seinem Tod der Öffentlichkeit vermachte. Seitdem sind in Oslo «Deichman» und «Bibliothek» Synonyme. Die alte Deichman-Bibliothek im Quartier Hammersborg im Regierungsviertel war seit ihrer Erbauung 1933 für ihre schwierige Zugänglichkeit bekannt (zu viele Treppen), war eigentlich schon bei Eröffnung veraltet und wurde denn auch als «Büchertempel» oder «Kathedrale des Lernens» bezeichnet. 2008 wurden zum Wettbewerb für die Bibliothek am neuen Ort hinter der Oper zehn internationale und einheimische Büros eingeladen. Dort, wo einst ein riesiger Autobahnkreisel jegliches fussläufige, städtische Leben unterband, setzten sich Atelier Oslo und Lundhagem, die sich das Büro teilen, mit der Idee eines vertikalen öffentlichen Raums gegen die Konkurrenz durch. Der «Eisberg» von Snøhetta war erstes Zeichen für die Vereinigung von Ost und West in Oslo. Hier gibt es wie in vielen Städten dieser Welt eine Segregation zwischen dem gutbürgerlichen, reichen Westen mit seinen Villenquartieren und beschaulichen Vorgärten und dem Osten der Arbeiterklasse mit seinen abgetakelten Mietskasernen.

Kontemplation unter der wirren Lichtskulptur Brainstorm von Lars Ø Ramsberg. In der Deichman-Bibliothek ist vieles parallel möglich.

Am Anfang war Snøhetta

Während der Corona–Krise wurde sie in aller Stille eröffnet. Nun erweitern bis zu 3 000 Besucherinnen und Besucher aller Couleur und jeden Alters in dieser Bibliothek täglich ihr Wohnzimmer: lernen, lesen, tratschen, spielen oder chillen auf diesem öffentlichen Marktplatz. «Vertical village» nennt Nils Ole Bae Brandtzæg von Atelier Oslo seine Bibliothek. Und sie funktioniert im Betrieb und nicht nur in der Erzählung der Architekten! Zwar finden sich hier 450 000 Bücher, doch auch Nähmaschinen, Podcast-Studios, Plattenspieler, ein Spielplatz für Kleinkinder, mehrere Kinosäle, Musikzimmer mitsamt Instrumenten, Kabinen für Videocalls, Einzelarbeitsplätze, Gruppenarbeitsplätze, ruhige Lesecken und ein schräg geneigter Platz auf der obersten Etage. Diente dabei vielleicht das Dach des Opernhauses als Inspiration? Er scheint die Erweiterung des öffentlichen Platzes zu sein, der in der geheizten Bibliothek ganzjährig und nicht nur im kurzen skandinavischen Sommer bevölkert werden kann. Das «vertikale Dorf» liegt auf der Sichtachse zwischen Hauptbahnhof und Opernhaus. Dafür haben Atelier Oslo und Lundhagem bereits im Wettbewerb ein Stück aus dem Volumen geschnitten und eine Auskragung geformt, damit alle Ankommenden am Hauptbahnhof ihren Bilbao-Moment (wir nennen ihn hier Snøhetta-Moment) erleben können.

Ein weiterer Leuchtturm am Hafen

Im hellen Inneren des Bienenhauses dämpfen fünf-, nicht sechseckige Waben das geschäftige Treiben, wobei Heizung und Kühlung über die Geschossdecken, die als Hohlböden ausgebildet sind, erfolgen. Ein weiteres wichtiges Element in diesem Haus ist neben den offenen Plattformen und den durchgehenden Büchergestell- und Galerietürmen die oberste Decke: Ihre Form als «gefaltete» Platte führt zur nötigen statischen Höhe, die die Zuglast der Auskragung aufnehmen kann. Im Wettbewerb ging man noch mit allen Decken so um. Sparmassnahmen führten zur Vereinfachung als Flachdecken, die, nun mit Hohlkörpern gefüllt, weniger Beton verbrauchen. Nach dem Wettbewerb erhöhten sich auch die ökologischen Anforderungen an das Bauwerk. Statt aus transluzentem Nanogel besteht die Fassadenhaut nun aus zur Hälfte geschlossenen und isolierenden Feldern. Die anderen Glasflächen sind so beschaffen, dass sie im Sommer die Hitze abschirmen und im Winter die Wärme und das Tageslicht nutzen. Eher technisch mutet das eigens angefertigte Pfosten-Riegel-System aus Fiberglas an, an dem die Glasflächen montiert sind. Sie rhythmisieren die Hülle und lassen keine Wärmebrücken entstehen. Nachts wird die Bibliothek zu einer leuchtenden Laterne wie auch die Oper oder der transluzente Aufbau des Nationalmuseums. Wenn sich die Euphorie gelegt hat, das Kind im Geschenkshop unter der Schreibgalerie zu lange zu laut seinen Unmut kundtut, ohne dass die Eltern mit ihm das Gebäude verlassen, verspricht vielleicht der Gang zur Toilette etwas Abstand zum eigenen Text. Eine schmale einläufige Treppe, auf der sich zwei Personen kaum kreuzen können, führt vom Zwischengeschoss nach unten. Die Toiletten befinden sich im Inneren des überdimensionierten Bücherregals aus Schwarzstahl neben Druckern und Zugängen zu den Büros der Angestellten. Doch wartet immer jemand bereits vor der geschlossenen Türe der gemischt genutzten WC-Kabinen. Im Verhältnis zur grosszügigen Bibliothekslandschaft sind sie zu spärlich gesetzt und zu eng. Hier frisst der Erfolg der gut besuchten öffentlichen Bibliothek und des grösstmöglichen Gemeinschaftsraums wohl seine eigenen Kinder.

Weil die Öffnungen sich über die Etagen
hinweg verschieben, kommt Bewegung ins Haus. Ruhige Arbeitsecken finden sich dazwischen immer wieder, zum Beispiel auf den Galerien unter dem Dach.
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