33 zu 4?

Mehr Frauen an die ETH Zürich!

Susanne Schindler

Am Departement Architektur der ETH Zürich sind mehrere Stellen neu zu besetzen. Diesen Frühling waren drei Professuren ausgeschrieben: eine Assistenzprofessur für Progressive Building Technologies sowie je eine volle Professur für Kunst- und Architekturgeschichte und für Bauforschung und Denkmalpflege. Bald wird zudem die Professur für die Geschichte des Städtebaus frei.
Seit Januar dieses Jahres als Doktorandin am Institut gta beschäftigt, jedoch in den USA arbeitend, betrachte ich mit Interesse, wie das Auswahlverfahren um diese Stellen läuft. Denn es geht bei diesen Berufungen um ein zeitgemässes Modell für Forschung und Lehre, welches das zukünftige Gesicht der Hochschule prägen wird. Zurzeit zählt das Departement Architektur der ETH Zürich 37 Professuren. Davon sind – Achtung! – lediglich vier von Frauen besetzt, das macht aufgerundet elf Prozent. Von den fünf Assistenzprofessuren ist eine weiblich besetzt. Die Studierenden und Doktorierenden am Architekturdepartement sind dagegen jeweils zu mehr als der Hälfte Frauen.
In den USA sieht das etwas anders aus. Man trifft zur Zeit auf eine generationelle, geschlechtliche und damit auch inhaltliche Erneuerung. Die Ernennung von Amale Andraos als Columbias Dekanin oder Meejin Yoon als Vorsteherin der Architektur am MIT sind dafür nur zwei Beispiele. Ein Grund für die anderen Verhältnisse könnte sein: es gibt hier für Junior faculty klar gezeichnete Wege, um unter eigenem Namen eine akademische Laufbahn zu beschreiten. Im Gegensatz dazu ist im deutschsprachigen Raum die Hürde, von einer untergeordneten Assistenzstelle zu einer vollen Professur zu kommen, nur mit Unterstützung eines meist eher am Status quo interessierten Kollegiums, bestehend aus weiteren Lehrstuhlinhabern, zu meistern.

Es geht um Qualität

Die ETH Zürich allgemein scheint auf Hochschulebene erkannt zu haben, dass ihre Professoren die Vielschichtigkeit der Gesellschaft abbilden sollten. Denn alleine ein diverser Lehrkörper kann die Attraktivität der Hochschule als Studien- und Arbeitsort und ebenso als führender Forschungsstandort auch in Zukunft sichern. Der ETHZ Gender Action Plan von Februar 2014, Leitfaden der Hochschule in Bezug auf Gleichstellung, formuliert das deutlich: «Höhere Frauenanteile auf allen Stufen sollen erreicht werden, weil gemischte Teams mit einer grösseren Anzahl Frauen eine wichtige Rolle im Hinblick auf innovative Resultate in der Spitzenforschung spielen.» (Vgl. auch die Studie Gendered Innovations der Europäischen Kommission, 2013.)
Forschung und ebenso die Lehre beruht auf der Infragestellung von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten. Die dafür notwendigen unterschiedlichen Perspektiven folgen nicht nur dem Geschlecht, sondern ebenso der kulturellen und ökonomischen Herkunft oder politischen Haltung der Beteiligten. Müssen Frauen ihre Erwartungen an sich selbst ändern, um beruflich erfolgreich zu sein, wie es Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook, mit dem Slogan lean in fordert? Oder müssen sie, wie die ehemalige Mitarbeiterin des Venture-Kapital- Unternehmens KPBC Ellen Pao, ihr Vorankommen vor Gericht einklagen? Sandbergs Aufruf ist insofern problematisch, als er die Bürde der Veränderung alleine den Frauen auferlegt. Pao dagegen scheute sich nicht einzufordern, dass sich die immer noch mehrheitlich männlichen Entscheidungsträger ihrer eigenen Voreingenommenheiten bewusst werden und sie ändern.

Keine Einzelfälle

Auf Diskriminierung aufmerksam zu machen, ist unangenehm. Gegenüber Vorgesetzten laut zu werden, ist vor allem dann schwierig, wenn man von der Beschäftigung finanziell abhängig ist, im akademischen Bereich zum Beispiel als Teil des Mittelbaus. Von Gesprächen ausgeschlossen zu werden, eine Beförderung nicht zu bekommen, auf eine Gehaltserhöhung warten zu müssen, scheint aus der Perspektive der Einzelnen immer an spezifischen Gründen zu hängen: gerade nicht Zeit zu haben oder gerade nicht die richtige Qualifikation vorweisen können. Aber es sind keine Einzelfälle. Wie so oft sprechen die Zahlen für sich: 33 zu 4. Wirklich? Falls die Zahlen nicht überzeugen, sei eine direktere Frage an die Mitglieder der Berufungskommission erlaubt: Sollen Ihre Töchter nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie Sie selber?

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