Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz – architektonisch entwerfen

Hanspeter Bürgi

In Heft 12–2014 hat sich werk-Redaktor Tibor Joanelly kritisch, wenn auch nicht ohne Wohlwollen zum neuen «Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz SNBS» geäussert. Hauptargument war, dass allein schon das Umschreiben von Prozeduren das Entwurfshandwerk politisch instrumentiere und die Suche nach Lösungen ausserhalb der Norm erschwere.

Hanspeter Bürgi – Architekt in Bern und Professor an der Hochschule Luzern und der Berner Fachhochschule –, der selbst an der Entwicklung des SNBS mitgearbeitet hat, stellt dies in Abrede und sieht im neuen Standard vielmehr ein Instrument zur Förderung qualitätsvoller Architektur und zur Sicherung der Baukultur. Der SNBS biete Anreize, Spielerisches, Forschendes und Experimentelles im Entwurf zu berücksichtigen.

Der SNBS löst eine erste, wenn auch kleine Debatte aus. Tibor Joanelly fragt in wbw 12 – 2014: «SNBS – ein Entwurfsproblem?» Mit dieser Frage ist ein Ziel bereits erreicht. Nachhaltigkeit wird aus der technokratischen Ecke befreit und erhält einen adäquaten Platz in der Architekturdiskussion. Das ist notwendig und gut und führt zu drei weiteren, grundlegenden Fragen: Was heisst überhaupt nachhaltige Entwicklung in Architektur und Städtebau? Wie kann Nachhaltigkeit systematisch erfasst, gelehrt und in der Praxis umgesetzt werden? Was bedeutet Nachhaltigkeit konkret für den architektonischen Entwurf? Nachhaltigkeit ist, wenn man sie umfassend in ihren drei Teilbereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt betrachtet, nahe an einem holistischen Architekturverständnis. Insbesondere in den gesellschaftlichen Aspekten stossen wir zu zentralen architektonischen Themen vor und wird die Bedeutung von Kultur und Baukultur sichtbar. Nachhaltigkeit – als Begriff im 18. Jahrhundert in der Forstwirtschaft geprägt, mit dem Brundtland-Bericht «Our Common Future» 1987 zu einem Schlüsselwort zukunftsfähiger Entwicklungen hochstilisiert und heute inflationär verwendet – kann auch in einer weiteren historischen Dimension gelesen werden.

Holismus müsste Architekten nicht fremd sein: Schon bei Vitruv geht es mit den Grundprinzipien seiner Architekturtheorie – Firmitas, Utilitas und Venustas – um vernetzte, sich ergänzende Teile eines Ganzen. Auch Le Corbusier wollte 1923 mit «Vers une architecture» mehr als ein gesellschaftspolitisches Pamphlet erreichen – das Buch ist auch eine systematische Entwurfsanleitung. Und Christopher Alexander bot 1977 mit seiner «Pattern Language» einen methodischen Ansatz, um komplexe Entwurfsfragen zu lösen. Die drei Beispiele aus der Architekturtheorie verdeutlichen den Anspruch, vernetzte Systeme zu verstehen, über Elemente zu typologisieren sowie Methoden und Wege eines ganzheitlichen Planens und Bauens aufzuzeigen. Die Komplexität nachhaltiger Entwicklung in Architektur und Städtebau mit entsprechenden Instrumenten verst.ndlicher darzustellen, entspricht einem Bedürfnis. Wenn Architektur als kultureller Akt und nicht nur als technische Disziplin verstanden wird, sind rein quantitative Herangehensweisen und Kennzahlen ungenügend. Um hohe architektonische Qualität zu erreichen – und dies ist ein ur-nachhaltiges Ziel – muss über den architektonischen Entwurf nachgedacht werden. Das Themenspektrum und die Systematik des SNBS sind vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Viele Rückmeldungen aus der Pilotphase des SNBS betreffen nichtsdestotrotz technische Aspekte. In den Bereichen Umwelt und Wirtschaft lässt sich so hervorragend streiten. Bei der grossen Themenvielfalt des Bereichs Gesellschaft wird es dagegen diffuser, sind doch qualitative (und dadurch weichere?) Kriterien schwieriger zu fassen. Obschon die messbaren Indikatoren wie zum Beispiel Lebenszykluskosten oder Energiewerte durchaus relevant sind, beschäftigen& sich die nachfolgenden Ausführungen vor allem mit den Themen «Kontext und Architektur», «Planung und Zielgruppe», «Nutzung und Raumgestaltung». Hier wird direkt das Entwurfshandwerk tangiert. Dabei geht es jedoch überhaupt nicht darum, das Entwerfen politisch an die kurze Leine zu nehmen und autonome entwerferische Haltungen zu verunmöglichen, wie Tibor Joanelly in seinem Beitrag befürchtet.

Im Gegenteil: Der Themenkatalog bei «Kontext und Architektur» dient einerseits als Planungshilfe und offene, nicht abschliessende Checkliste, andererseits trägt er als Instrument der Selbstdeklaration auch zur Sensibilisierung aller an Planung, Bau und Nutzung beteiligten Personen bei. Der Spielraum des Themenkatalogs regt zu Interpretationen und selbständigen Gewichtungen an. Die systematische Gliederung und Vorgehensweise erlaubt eine Orientierung innerhalb der Komplexität einer Planungsaufgabe und ermöglicht eine situations-, stufen und typengerechte Bearbeitung und Beurteilung. Über die Analyse des spezifischen Orts, des Programms und der übergeordneten Ziele entwickeln die Planenden Erkenntnisse für das konkrete Planungs- und Bauprojekt& und daraus eine architektonische Haltung. Hier wird also explizit nicht ein konformistisches Verhalten gefordert, sondern kulturelle Auseinandersetzung und Innovation.

Die Untersuchung der Aspekte ist Teil des normalen Entwurfsprozesses und für eine leidenschaftlich arbeitende Architektin, einen verantwortungsvollen Architekten also ein selbstverständliches Vorgehen im individuellen Entwurfsprozess mit all den mehr oder weniger gewollten Interaktionen. Die bewusst didaktisch aufgebaute Methodik des Themenkatalogs wird also primär für Architektinnen und Architekten zur Herausforderung, die sich bisher wenig mit dem Wesen des spezifischen Orts und dem kulturellen (und nicht nur funktionalen) Potenzial des urbanen Raums beschäftigen. Und das sind leider viel zu viele Berufsleute. Für diese soll die Checkliste primär eine aktive Anleitung sein. Damit zielt der «Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz» einerseits auf eine qualitative Verbesserung des Durchschnitts, auf eine Breitenwirkung. Andererseits können architektonische Spitzenleistungen über die im SNBS stark gewichteten gesellschaftlichen und kulturellen Werte besser positioniert werden. Im SNBS gilt es, in der Gesamtheit der Themen die einzelnen Kriterien und Indikatoren selbst zu gewichten. Damit können zum Beispiel energetische, ökologische und wirtschaftliche Anforderungen relativiert werden, um eine nachhaltige Balance zu begründen. Dies verdeutlicht die Anwendung des Instruments SNBS bei Bauten im Bestand: Bei der Erneuerung der in den 1960er Jahren erbauten Siedlung Tscharnergut in Bern (vgl. wbw 10 – 2013) zum Beispiel wird ein kluger architektonischer Umgang mit einer erhaltenswerten Gebäudetypologie entsprechend gewichtet, was Abstriche bei der Energieeffizienz erlaubt. Architektur, gross geschrieben, wird also gefördert, solche in Kleinschreibung hoffentlich vermehrt verhindert!

Erstmals beschäftigt sich ein Nachhaltigkeitsstandard aktiv mit dem architektonischen Entwurf. Dies auch aus Sorge um dessen immer schwächeren Stellenwert in einem stetig komplexer werdenden Planungsprozess. Insbesondere die bereits erwähnten Themenbereiche Kontext und Architektur sowie Planung und Zielgruppe und die gewählte Methodik unterstreichen die Wichtigkeit des Entwurfs und verfolgen einen innovativen Ansatz. Der Entwurfsprozess bleibt explizit offen und individuell, erhält jedoch dank der Systematik anregende thematische und verfahrensbezogene Inputs. Die Werthaltung hinter dem SNBS ist offensichtlich: Nachhaltige Entwicklung meint eine qualitätvolle Baukultur. So werden denn auch qualitative Verfahren wie Architekturwettbewerbe und Expertenbegleitungen auf verschiedenen Ebenen gefordert und im Bewertungsraster entsprechend gewürdigt. Fachjurys sind zwar nicht immer Garant für nachhaltige Gebäude-, Areal- oder Stadtentwicklungen, doch die Instrumente qualitativer Auswahlverfahren und Fachberatungen sind unbedingt auszubauen, etwa zur Beurteilung von Alltagsarchitektur mit interdisziplinär zusammengesetzten Fachgremien für Gemeinden.

Der SNBS ist ein Standard, keine Norm und kein Gesetz. Hier wird etwas angeboten – take it or leave it – freiwillig, denn die Gesellschaft sucht eine nachhaltige Entwicklung in Architektur und Städtebau. Mit dem SNBS steht ein geeignetes Planungs und Beurteilungsinstrument zur Verfügung. Ob es allerdings eine Weiterentwicklung zu einem Label braucht, ist fraglich. Die Aussagen im Themenkatalog von «Kontext und Architektur» wären nicht mehr selbstdeklarierend, sondern müssten von einer Super-Jury beurteilt werden. Weitsichtiger erscheint es jedoch, wenn der SNBS so genutzt wird, dass das Spielerische, das Forschende und Experimentelle, das Unvorhersehbare und Reflektierende – mithin der Reiz und der Esprit eines jeden guten Entwurfs – nicht verloren gehen.

Hanspeter Bürgi, dipl. Architekt ETH SIA FSU, Prof. HSLU

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