Unité de formation

Zwei neue Direktoren an der Architekturabteilung der EPF Lausanne

Gian-Marco Jenatsch

Vor zehn Jahren vollzog sich an der EPF Lausanne ein grundlegender Wandel der Architekturausbildung. Das wie an der ETH Zürich vormals autonome Departement Architektur wurde im Rahmen der Neuorganisation der Hochschule unter deren neuem Präsidenten Patrick Aebischer in die disziplinenübergreifende Fakultät ENAC (Environnement Naturel, Architectural et Construit – Architektur, Bau- und Umweltwissenschaften) eingegliedert, zu der neben dem Institut d’architecture auch das Institut de l’urbain et des territoires, das Institut de l’ingénierie civile und das Institut de l’ingénierie de l’environnement zählen. Es fehlte nicht an kritischen Stimmen zu diesem Prozess; während der SIA Kritik übte und manche bereits das Ende der Architektur als eigenständige Disziplin befürchteten, erörterte Roger Diener in seiner Antrittsvorlesung an der ETH Zürich 2001 im Hinblick auf die Integration der Architekturabteilung in die Fakultät ENAC den Stellenwert der Disziplin und wies auf die Gefahren hin, Architektur vermehrt als Dienstleistung oder ergänzende Engineering-Leistung zu verstehen.

Chancen für den Beruf

Heute, zehn Jahre nach dieser Neuorganisation reagieren aber Roberto Gargiani und Luca Ortelli gelassen, wenn man sie mit der damals geäusserten Kritik konfrontiert. Die beiden neuen Direktoren folgen Inès Lamunière und Bruno Marchand in der Leitung der Architekturabteilung, wobei Gargiani als Direktor der Section d’architecture (SAR) und Ortelli als Direktor des Institut d’architecture (IA) fungieren. Parallel zu diesem Führungswechsel steht ein neuer, wenn auch anders gearteter Umbruch an: So findet ein eigentlicher Generationenwechsel statt. Mit Patrick Berger, Patrick Mestelan und Jacques Lucan verlassen drei verdiente Professoren altershalber die Architekturabteilung, nachdem einige Jahre zuvor bereits Vincent Mangeat und Martin Steinmann emeritiert wurden. Alles Professoren, die die Architekturausbildung an der EPFL geprägt haben. Diese Veränderungen sind Anlass, die beiden neuen Leiter nach ihren Plänen zu fragen, nach der Ausrichtung der Lehre, der Positionierung der Architektur an der Schule, und – vor dem skizzierten
Hintergrund – den Potenzialen des ENAC im nationalen Vergleich wie auch im internationalen Wettbewerb unter den Hochschulen.
Die Gelassenheit der beiden neuen Direktoren nährt sich unter anderem aus der Zahl der immatrikulierten Studierenden: Letztes Jahr begannen 384 junge Menschen mit dem Architekturstudium an der EPFL (an der ETH Zürich: 283); überdies stellt die Architekturabteilung mit insgesamt etwa 1000 Studierenden die grösste Abteilung der EPFL (total ca. 7800). Werden diese Zahlen in manchen Kommentaren auch etwas voreilig dem aufsehenerregenden Neubau des Rolex Learning Center der Architekten Sanaa zugeschrieben, mit dem sich die Schule weltweit positioniert hat – ein Bauwerk übrigens, das unter Lausanner Architekturprofessoren nicht nur für Begeisterung sorgte, liest man etwa Patrick Mestelans Beitrag «Le Rolex Learning Center ou la bibliothèque évanouie» in der Zeitschrift Tracés, 11/2010 – so sehen Gargiani und Ortelli in dem Wachstum vielmehr ein Resultat der Neugliederung. Befürchtungen um den Verlust der Autonomie der Disziplin bezeichnen sie daher als eine «vision élitaire» oder «intellectuellement ridicule». Des Risikos einer Autonomieeinbusse für die Architektur durchaus bewusst, erkennen sie die spezifische Ausrichtung der Architekturlehre vor dem Hintergrund einer immer komplexer werdenden Zusammenarbeit und Arbeitsteilung gerade als Chance, um Relevanz für die Disziplin zurückzugewinnen – Glaubwürdigkeit, Vertrauen auch, die zuweilen selbstverschuldet verspielt wurden. «Capable d’interagir avec des autres professions» – so fasst Gargiani eine Zielvorstellung in seinem Positionspapier «Racines de l’arbre. Propositions pour une école à venir» zusammen, während Ortelli im angriffiger formuliert: «On doit contaminer les autres avec notre savoir, avec notre philosophie.» – Eine Parole, die sowohl ein frisches Selbstverständnis ausdrückt als auch eine hartnäckige Verpflichtung darstellt.
Im Positionspapier Gargianis, der für die Ausrichtung der Lehre verantwortlich zeichnet, wird auch ersichtlich, wie strategisch kohärent die neue Führung der Architekturabteilung sich dieser Aufgabe annimmt. Erkennbar ist ein klar strukturierter Aufbau, bei dem Bachelor- und Masterstudiengänge klar voneinander unterschieden werden – inhaltlich, methodisch und organisatorisch – was selbstverständlich anmuten mag, aber längst nicht überall praktiziert wird. Die entscheidenden Massnahmen betreffen den Bachelorkurs: Neu werden in allen drei Bachelorstufen Jahreskurse angeboten, und vom ersten bis ins dritte Jahr sollen nur fest verpflichtete Professoren unterrichten. Dieser Wunsch nach Kontinuität soll einer Tendenz zur Vernachlässigung des Grundkurses entgegenwirken: Mit der früher üblichen vermehrten Verpflichtung von nur während eines Semesters präsenten Gastdozenten ohne Entwurfsassistenten konnte keine stufenweise aufgebaute, didaktisch fundierte Lehre angeboten werden. Ein Umstand, der, so Gargiani, um so schwerer wiege, als der Bachelorkurs eine Schule und ihr Profil entscheidend präge, denn dort würden die von ihm zitierten Wurzeln gelegt und die Grundlagen «ewiger» architektonischer Werte vermittelt. Hier müssten die Professoren die Leidenschaft entfachen («allumer la passion»), was in der Losung gipfelt: «les meilleurs enseignants à la première année». Bezüglich des Masters sehen Ortelli und Gargiani die EPFL bereits gut aufgestellt. Diesen betrachten sie als «lieu des possibilités» für Vertiefungen und Spezialisierungen. So erwähnen sie etwa mögliche avantgardistische Experimente, bei denen eingeladene Professoren, vom Künstler bis zum Wissenschaftler, als Gastdozenten zum Zuge kommen könnten – eine Idee, bei der die personelle Auswahl entscheidend sein wird – und sie verweisen weiter auf die Schaffung eines Lehrstuhls für Konstruktion, der lange nicht besetzt war oder auf ein neu zu schaffendes Atelier für Fragen der Energie und der Nachhaltigkeit. Hinter diesen Ideen steht die Absicht, die besonderen Bedingungen der Architekturabteilung innerhalb der interdisziplinären Fakultät ENAC besser zu nutzen, etwa im Sinn einer Fokussierung konstruktiver Fragestellungen, eventuell sogar mit einem kombinierten Studiengang von Architektur- und Ingenieurausbildung. Darüber hinaus stehen weitere Möglichkeiten offen, der Architekturabteilung ein unverkennbares Profil zu geben. So wird der Lehrgang Urban, Systems, Engineering aufgebaut, der die Grundlagen bieten soll, Planung als räumliches Problem – und damit auch wieder vermehrt als Domäne der Architektur – zu begreifen. Das Profil im Sinn einer städtebaulich-planerischen Ausrichtung zu schärfen, schiene dem Schreibenden gerade durch die Möglichkeit einer engen Zusammenarbeit und Vernetzung der Disziplinen noch vor Konstruktion und Energie im Lehrplan eine vielversprechende Vision für eine höhere Relevanz der Architektur als Disziplin.

Charisma und Methodik

Neben der strategischen Ausrichtung interessieren auch Fragen nach didaktischen Modellen in der Lehre. Etwas überspitzt könnte man die Frage «Wie lehrt man Architektur?» auf zweierlei Arten beantworten: Mit Charisma oder mit Methodik. Glücklich, wer beides in sich vereint und seine Position auch kommunizieren kann. Einen solchen methodischen Diskurs würden Gargiani und Ortelli an der EPFL gerne etablieren, erachten sie ihn doch als essenziell, da er die Identität einer Schule in Kombination mit Publikationen oder Ausstellungen zwar unterschwellig, dafür aber beständig präge. So sollte die Lehre im Idealfall auch nicht auf rasche Verwertbarkeit ausgerichtet sein, sondern im Idealfall über das Studium hinaus fortwirken. So wie der Gehalt einer Lehrposition oder die Bedeutung eines Lehrers oft erst im Nachhinein ersichtlich wird – in den durch ehemalige Studierende entstandenen Beiträgen, seien diese gebaut, gezeichnet oder geschrieben – so soll die kritisch-reflexive Aneignung von Positionen im innerschulischen Diskurs bereits während des Architekturstudiums an der EPFL gefördert werden. Gerne würden sie hören, dass einstige Studierende in der Zukunft nicht die einzelnen Professoren aufzählten, bei denen sie studiert haben, sondern simpel feststellten: «J’ai passé l’EPFL.» Die Ausbildung eines solchen Selbstverständnisses einer Schule bedingt einen klar definierten und strukturierten Aufbau des Unterrichts – keine unité de doctrine, aber eine unité de formation, eine unité pédagogique. Nichts Geringeres beabsichtigen Roberto Gargiani und Luca Ortelli an der Architekturabteilung der EPFL aufzubauen.

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