Alltagsstadt

Architekturführer zur Münchner Nachkriegsarchitektur

Erik Wegerhoff, Oliver Heissner (Bilder)

Wer dieses Buch aufschlägt, entdeckt eine neue Stadt. Egal, ob er aus München kommt oder nicht. So wie der Architekt Alexander Fthenakis und der Fotograf Oliver Heissner München zeigen, hat man es noch nicht gesehen. Und dabei ist einem doch alles vertraut: die ganz zart nur reliefierten Putzfassaden, die schreibschriftähnlichen Schwünge der Neonanschriften, die dünnen Geländer, schmalen Fensterprofile, die zaghaften Flugdächer über Rasterfassaden. Das ist die junge Bundesrepublik wie man sie überall sieht im westlichen Deutschland und gerade deswegen eben nicht mehr wahrnimmt. «Gemeint ist nicht nur München», stellt der Autor seinem Buch voran, gemeint ist also vielmehr eine ganze Epoche und ihr Ausdruck in der Architektur. Dennoch ist das ein dezidiert münchnerisches Buch, denn es führt wie kein zweites ein Münchner Phänomen vor Augen: Dass man die Stadt für eine perfekte Rekonstruktion ihrer im Zweiten Weltkrieg fast vollkommen zerstörten Vergangenheit hält – es sich eigentlich aber um eine Stadt der Nachkriegszeit handelt.

Alte Akademie, München
Bild: Oliver Heissner

Mit Stadtliebe

Wer das von nur wenigen Textzeilen durchstreute Fotobuch durchblättert, dem entfaltet sich München nicht als Ansammlung postkartentauglicher historischer Monumente, sondern in seiner Stadtmasse, und die leugnet ihre Entstehungszeit nicht. Der Autor und der Fotograf lieben diese Stadt, das wird offenbar, und gross ist diese Liebe: ganze 672 Seiten stark. Um soviel Zuwendung zwischen zwei (etwas zu labil geratene) Buchdeckel zu bringen, musste man auf Papier drucken, das nur etwa doppelt so stark ist wie eine Zeitungsseite. Doch ganz erstaunlich gut kommen Heissners Fotos darauf zur Geltung – nicht zuletzt, da ihre Farbskala ins Fahle geschoben wurde. Das alles passt, denn 50 60 70 ist eine Reverenz an den Alltag, an die Stadt, wie man sie jeden Tag sieht oder sehen könnte. Passenderweise ist das Buch in Stadtspaziergänge gegliedert. Schade nur, dass diese kaum nachgehen kann, wer nicht aus München kommt. Dazu bleibt der beiliegende Plan zu abstrakt, vor allem für ein Laienpublikum – für das das Buch eigentlich gedacht ist.

Küchelbäckerstrasse, München
Bild: Oliver Heissner

Architektur der Vorsichtigkeit

Den Anfang des Bands macht ein Blick auf den Marienplatz, und der macht gleich eine deutliche Ansage: Von dem bekannten Rathaus ist nur ein gotisches Erkerchen zu sehen, das knapp in die erste Aufnahme ragt. Der Fokus liegt auf der orange-grauen Sgrafittofassade des Kaufhauses Ludwig Beck. Wie komplex deren wappenähnliche Dekorationsmuster sind, das hat man vor den Fotos dieses Buchs nie gewürdigt; auch eine wundersame Biedermeierdame mit Schirmchen, der ein befrackter Verkäufer ein Stück Tuch darbietet, sah man nie zuvor. Dabei blicken die beiden seit 50 Jahren von der Fassade. Eine bewunderswerte Sensibilität zeichnet den Blick von Fotograf und Autor aus, und dass man sich diese Seite um Seite aneignet, macht den Band zu einem solchen Vergnügen. Was sich da entdecken lässt, zeigen vor allem die wie in Orthogonalprojektion aufgenommenen, strikt entzerrten Ausschnitte der Fassaden. Jede Musterung fällt da ins Auge, jeder offenstehende Fensterflügel, die oft sehr klassische Gliederung dieser Architektur der Vorsichtigkeit. In den 1970er Jahren dagegen werden die Bauten deutlich bulliger; sie fallen etwas aus der Ästhetik der Bescheidenheit, die der Band zelebriert.

Marienplatz, München
Bild: Oliver Heissner

Zurückhaltender Text

Der Fokus auf dem Stadt-Bild, das den Titel des Bands bestimmt, enthält dem Leser jedoch vor, wie es hinter den so vielversprechenden Fassaden aussieht. Zu gern hätte man erfahren, welche Büroräume die elegant vertikal schwingenden Fenster des einzigen Münchner Baus von Egon Eiermann belichten, oder ob der Grundriss eines Palazzo-ähnlichen Verlagsgebäudes so strikt palladianisch ist wie sein Äusseres. Hier geht die Huldigung nicht unter die Oberfläche, und das betrifft auch die interpretative Tiefe. Dass die beschauliche Harmlosigkeit eben auch der forcierten Umerziehung der Bevölkerung einer Stadt zu verdanken ist, die wenige Jahre zuvor noch schwerleibig und steingewichtig als Hauptstadt der Nazi-Bewegung auftrat, spart der Text vollkommen aus. Gern läse man auch mehr solch treffender Textpassagen wie die so aufmerksame Fassadenbeschreibung des Eisenwarenkaufhauses Kustermann. Wenn beim Durchblättern dieses wunderbaren Bands ein Wunsch offenbleibt, dann der, dass der Text sich in seiner Zurückhaltung nicht der Bescheidenheit der Bauten, von denen er erzählt, angeschlossen hätte.

50 60 70
Architektur aus drei Jahrzehnten im Münchner Stadtbild

Alexander Fthenakis (Hg.), Oliver Heissner (Fotos)
Dölling und Galitz Verlag, Hamburg/München 2017
672 Seiten, 850 Abbildungen
16.5 × 27.5 cm, Broschur mit Fadenheftung
CHF 60.— / EUR 48.—
ISBN 978-3-86218-098-1

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