Kolumne: Architektur ist … Mut

Daniel Klos, Johanna Benz (Illustration)

Architektur ist mehr als Pläne zeichnen und Gebäude errichten: Sie ist eine kollektive Disziplin, lebt gleichzeitig aber vom Engagement Einzelner, die mehr wollen als nur bauen. Grundsätzliche Fragen an die Profession kommen oft schlicht zu kurz – oder sie bleiben Anekdoten. In der Kolumne «Architektur ist … » nimmt uns Daniel Klos mit auf eine Expedition in diese wenig erforschten Gefilde und berichtet in jeder Ausgabe von einer neuen Entdeckung.

Neulich, an einer gewissen Architekturschule: Ein Student entwirft ein Gebäude. Einige Winkel stehen schief. Ein Kollege bemerkt im Vorbeigehen: «Wow, das ist aber mutig!»

Szenenwechsel: Skopje, Hauptstadt des kleinen Balkanstaates Mazedonien. 1964 lag Skopje in Jugoslawien. 1964 lag Skopje in Schutt und Asche. Ein Erdbeben hatte das Zentrum der kleinen, multiethnischen Stadt fast vollständig zerstört. Eine Tragödie, aber zugleich eine Gelegenheit. Was folgte, war eine einzigartige internationale Solidaritätsaktion der UNO: Architekturteams aus aller Welt, angeführt von Kenzo Tange, machten Skopje zu einem Brennpunkt der Avantgarde. Der japanische Meister entwarf einen metabolistischen Stadtplan mit Stahlbetontürmen, siebenspurigen Strassen und einem Bahnhof auf Stelzen. Forscher der ETH entwickelten mit Alfred Roth eine erdbebensichere Schule mit Gummifundamenten. Klarster Minimalismus, verspielter Brutalismus und frühe Dekonstruktion: Was Florenz für die Renaissance, wurde das kleine Skopje hinter den sieben Bergen für die letzte heroische Epoche der Moderne: Ein Lehrbuch fast aller Spielarten einer Zeit, auf engstem Raum einmalig vereint.

Doch dann kommen die Kriegswirren der 90er Jahre. Mazedonien wird zwar unabhängig, aber international isoliert. 2006 kommen die Nationalisten an die Macht und beschliessen, die Identität des jungen Landes neu zu erfinden. Ein Totalumbau der Hauptstadt soll den Eindruck einer glorreichen, pseudoantiken Vergangenheit erzeugen. Das moderne Erbe hingegen soll umgebaut, zugebaut oder gleich abgerissen werden. Kaum ein Cent wird in Skopjes Infrastruktur oder die Abfallentsorgung investiert, doch die megalomanischen Prachtbauten werden allesamt ohne transparente Vergabeverfahren durchgewunken. Planer und Geldgeber kennen sich gut.

Mila, eine junge Architekturstudentin, versteht die Welt nicht mehr. Für sie ist das Erbe der Moderne keine abstrakte Theorie. Es ist ihr Lebensraum. In diesen Strassen und Häusern ist sie aufgewachsen. Sie ist stolz auf ihre Stadt, entschlossen, sie zu beschützen. Sie tut sich mit gleichgesinnten Studenten zusammen, um etwas zu tun. Petitionen werden verfasst, eingereicht, aber ignoriert.

Auf dem Hauptplatz wird der Bau einer gewaltigen Kathedrale angekündigt. Es ist nicht nur eine ideologische Machtdemonstration, der Bau würde auch eine Hauptader der Stadt, die Verbindung zum Bahnhof, faktisch zerstören. Die Studenten planen eine Demonstration. Genau dort, wo die Kirche gebaut werden soll, wollen sie sich aufstellen, den Fussabdruck des geplanten& Fremdkörpers nachbilden, um so den Passanten zu zeigen, was der Eingriff bedeuten würde. Die Aktion wird genehmigt. Mila schöpft neue Hoffnung.

Am Tag der Demonstration kommen die Studenten auf den Platz. Doch die Regierung war nicht untätig. Seit den frühen Morgenstunden fuhren Busse in die konservativen Dörfer im Umland und verteilten Pamphlete, Proviant und Geld. Sie luden Hooligans und sonstigen Wutpöbel auf, um die Hauptstadt gegen einen «Putsch der gottlosen Jugend» zu verteidigen.

12:00 mittags. Auf dem Hauptplatz von Skopje stehen 2000 Nationalisten, religiöse Fanatiker und Glatzköpfe mit Knüppeln. Einer schreit: «Jesus! Christus! Jesus! Christus!» Gegenüber stehen 150 Architekturstudenten. Mila hält ihr Plakat, auf dem steht: «Hört auf, meine Stadt zu vergewaltigen!» Das ist der letzte, der einzige Widerstand. Aber es ist ein Widerstand. Und es ist eben auch Architektur. Architektur ist Mut.

Illustration zur Kolumne «Architektur ist … Mut».

Daniel Klos (1980) studierte Architektur an der ETH Zürich und arbeitete bei Jean Nouvel und OMA / Rem Koolhaas. Nach dem Studium folgten ausgedehnte Reisen, aus denen das Buch Antonin Raymond for Beginners und der Dokumentarfilm Yugoslav Architecture under Tito hervorgingen. Seit 2013 leitet er zusammen mit Partner Radek Brunecký das Architekturbüro Klosbrunecký in Zürich und in Tschechien.

Johanna Benz (1986) lebt und arbeitet als Illustratorin und Graphic Recording Artist in Leipzig. Ihr Buch Pacho Rada. La Légende (Paris, 2015) erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Mit ihren Bildern begleitet Johanna Benz die Kolumne von Daniel Klos.

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