Atelier Semadeni, Zürich und Davos

Palazzina am Kurpark

Das schmale Mehrfamilienhaus sticht aus den umgebenden Spekulationsbauten heraus: Die zarten Details am Sockel aus Sichtbeton, das warme Holzfutter der Veranden, aber auch die Konstruktion aus Beton und Einsteinmauerwerk zeugen von seltener Sorgfalt. Der Architekt Andrea Semadeni (1977) arbeitet auch als Künstler und baut Möbel und Objekte aus Beton. Die Nähe zum Machen, zum Handwerk prägt die Architektur seines ersten grösseren Baus.

Herkunft

Vor kurzer Zeit ist mir das Büchlein Das Unding über den Geleisen1 in die Hände gefallen – der helle Geist von Luigi Snozzi hat während meiner Ausbildung zum Architekt in Mendrisio wohl den wichtigsten Eindruck auf mich hinterlassen. Einige Zeit habe ich als Student auf Baustellen verbracht, da mir die Distanz zwischen Lehre und Ausführung immer zu gross war. Nach dem Studium begann ich, mit Beton zu experimentieren und habe in der Zwischenzeit einige Tonnen des flüssigen Steins eigenhändig in verschiedenste «kleine Architekturen» verwandelt. Bei Priska Simona konnte ich im Beruf wichtige Erfahrungen in der Ausführungsplanung und Bauleitung sammeln. Während der Mitarbeit im Büro Haerle Hubacher bot sich mir die Gelegenheit, Kenntnisse in der Grundrisslehre zu vertiefen und diverse Kunstprojekte mitzuverfolgen.

Entwerfen

Die erste Idee ist oft weit entfernt von der ausgeführten Arbeit, sie folgt meist einer Intuition und bringt den Entwurfsprozess ins Rollen. Anhand von Handskizzen,  Modellen und der präzisen Zeichnung werden Gedanken konkretisiert. Ergänzt und bereichert wird meine architektonische Arbeit durch Grafik, Industriedesign, Keramik oder Kunstinstallationen.

Projekt

Das in der Talebene, vis à vis des Kurparks gelegene Haus beherbergt keine Luxusappartements oder Zweitwohnungen; es ist ein Wohnhaus für Einheimische. Die Besitzerin hat sich zum Abbruch Ihres Chalets entschieden, seit es von fünfstöckigen Neubauten eingekesselt war. Die schlanke, weisse Palazzina erhebt sich auf schmalem Grundriss fünf Geschosse hoch, eng der Grundstücksform angelegt und nahezu quadratisch. Die Materialisierung entspricht der Konstruktion, die verschiedenen Bauteile sind als solche spürbar und bestimmen den Ausdruck von Fassaden und Innenräumen. Ein massiver Betonsockel trennt die Wohngeschosse von der Strasse. Die Oberfläche des teils glatten, teils gestockten Betons findet ihre Fortsetzung im darüber liegenden verputzten Einsteinmauerwerk: Gekratzte und glatt talochierte Flächen strukturieren und proportionieren die Fassade und verleihen ihr eine gewisse Würde. Tiefe Fensterleibungen lassen die Dicke der Fassade spüren.
Der Grundriss der Geschosswohnungen entwickelt sich um einen mittigen Kern aus Sichtbeton. Der mäandrierende Wohn- und Essraum wird begleitet von einer Loggiaschicht, die auch den Eckzimmern einen direkten Zugang nach aussen gewährt. Die Raumabfolge vom Eingang über Küche/Essen und Salon zum offenen Eckzimmer im Osten lässt diagonale Sichtverbindungen zu, die sich in der umgebenden Landschaft fortsetzen. Die Atmosphäre der Wohnräume ist geprägt vom Beton der Decken und Kern sowie der Verkleidung der nicht tragenden Aussenwände in Lärche, während die Schlafzimmer in neutralem Weiss gehalten sind.
Sinnbildlich für das Projekt stehen die auskragenden Vordächer des Sockels: Sie sind der Beweis, dass auch mit wenigen Zeichenstrichen ein scheinbar normaler Häuserblock zu einem wohlproportionierten kleinen Palazzo werden kann. Sehr positiv hat sich das Vertrauen der Bauherrin und die reibungslose Zusammenarbeit mit Fachplanern, Bauleitung und Unternehmern auf das Ergebnis ausgewirkt: Bauen ist Teamwork.

1 HB-Südwest-Debatte: Beitrag von Luigi Snozzi an der POCH-Veranstaltung vom 13. Mai 1987. Das Unding über den Geleisen, Poch Verlag

Mehrfamilienhaus, Davos

Atelier Semadeni, Zürich/Davos

www.ateliersemadeni.ch

Talstrasse 40, 7270 Davos Platz; Bauherrschaft: Privat; Architekt: Andrea Semadeni, Zürich/Davos; Bauleitung: Stefan Caviezel, Davos; Chronologie: Planungsbeginn 2014, Baubeginn Mai 2015, Bezug Mai 2016; Fotos: Stefan Jaeggi, Zürich

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