Was bisher geschah…

Am Anfang stand ein Erfolg. Er nannte sich JAS: Schaufenster für junge Schweizer Architekturschaffende. Es war ein online-Produkt von werk, bauen + wohnen und wurde im Frühling 2016 geboren. Seine Eltern freuten sich über beide Ohren, besonders über die Resonanz von allen Seiten, die ihr Sprössling genoss. Von diesem trüben Januartag an, war praktisch monatlich ein Aufruf zum JAS-Tisch zu vernehmen. Angerichtet wurde auf der eigens dafür eingerichteten Webseite. Einundvierzig JAS-Teilnehmer gaben sich dort seitdem ein Stelldichein. Die Klickzahlen sind hoch, die Vernetzung der Beiträge weitgreifend. Grund genug die Korken knallen zu lassen, denn die wilden Jahre sind nun vorbei. JAS wird seriös: JAS goes Print.

Ab dem 24. Januar 2020, zeitgleich mit dem Erscheinen des Hefts 1/2-2020, ist JAS im gedruckten Heft und gleichzeitig in der Online-Galerie präsent. JAS geniesst also Auftritte auf zwei Bühnen. Um diesem Auftakt einen gebührenden Rahmen zu verleihen, haben wir das erste Heft des Jahres freigeräumt, für die Anliegen der Jungen.

Alle JAS Portraits Heft 1/2 – 2020

Wie jassen hundert auf einmal?

Zum Erscheinen des Hefts wbw 1/2-2020 erwarten wir rund hundert neue Beiträge zum JAS, das sind hundert junge Büros, das macht hundert neue Projekte. Bis Ende des Jahres werden wir nun alle zwei Wochen ein neues Büro online vorstellen.

Unsere Auswahl baut auf die Schwarmintelligenz: Wir haben sechs Netzwerke in allen Landesteilen der Schweiz angezapft. Jedes Netzwerk hat vier Büros genannt, die wir zu einem Gespräch getroffen haben. An welchen Projekten arbeiten die Jungen? Was treibt sie an und über was regen sie sich auf, waren die Fragen in unserem Gepäck. Im Folgenden ein paar Einblicke in diese sechs Gesprächsrunden.

Nun waren die sechs Netzwerk-Partner aufgefordert, wiederum vier weitere Büros zu nennen, mit denen sie im Kontakt stehen, um das Netzwerk der Jungen weiter zu spinnen.

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Treffen mit den sechs Netzwerken

Basel, Freitag 17. Oktober 2019

An diesem Freitagabend ist Redaktor Roland Züger unterwegs an die Oettingerstrasse in Basel und wird dort Lukas Gruntz treffen. Er ist einer der sieben Köpfe von Architekturbasel, die seit geraumer Zeit regelmässig online zum Basler Architekturgeschehen berichten.

Gruntz und seine Kolleginnen haben Büros zum Gespräch eingeladen, die einen Anspruch über das sauber gelöste Detail hinaus vertreten: Kollektive Architekt, Stereo Architektur, Rodet + Truwant + und Sarah Barths Atelier für Architektologie. So sind die letzten beiden in der Vermittlung tätig: Bei Das Verein um Vorträge junger Büros zu organisieren oder bei Architektur-Dialoge. Politische Arbeit ist für alle wichtig, sei es in einer Partei oder im Vorstand von Genossenschaften. Diese sind denn auch Bauherrn für Kollektive und Stereo. Beide Büros bauen auf dem Lysbüchel-Areal. Ein Streit brach um die ideale Bürokonstellation vom Zaun, bei der Frage, wie man auf Augenhöhe miteinander arbeiten könne.

Bussy-sur-Moudon, Montag 21. Oktober 2019

Bussy-sur-Moudon ist zwanzig Autominuten von Lausanne entfernt, ein kleiner Weiler mitten in der Pampa. Hierhin pendeln die Architekten Stéphane Grandgirard, Vincent Mermod und der Holzbauingenieur Rémy Meylan gegen den Strom an den Tagen, an denen sie nicht in ihren eigenen Büros Apes (Grandgirard), Whood x Mug (Meylan) oder an der EPFL (Mermod) beschäftigt sind. Das Holz steht im Zentrum der Arbeit von La Porch, einem Atelier, das die jungen Handwerker 2.0 in einem ehemaligen Schweinestall eingerichtet haben. Mithilfe digitaler Fertigungsprozesse und mit befreundeten Designern wie Lucas Uhlmann werden hier Objekte und Ausbauten aller Grössenordnungen erstellt.

La Porch ist noch nicht fertig ausgebaut und bereits zimmern die Jungunternehmer und Kreativen an einer neuen Art der Zusammenarbeit: Eine ehemalige Druckerei wird zu den Ateliers de Bussy, wo vor Ort und mit lokalen Materialien gearbeitet wird, um sich unabhängig von Standardprodukten und -lösungen zu machen. Den Umbau verantwortet Laurent Chassot mit seinem Büro Studio 17. Von den Keramikfliesen, über ein Holzbiegeverfahren bis zu Projekten mit befreundeten Grafikern, Fotografen und Köchen – ein kreativer Think-Tank nach dem Vorbild von Assemble Studio aus London ist in Planung.

Zürich, Donnerstag 24. Oktober 2019

Den Begriff Netzwerk findet die Zürcher Gruppe ein schlimmes Wort. Li Tavor, Teil des Svizzera-240-Teams an der Architekturbiennale 2018 in Venedig, hat ihre Freunde und Arbeitskolleginnen und -kollegen ins Kosmos zusammengeführt, wo über Freundschaft, Spass an der Arbeit und nicht Gesehenem oder Gehörtem im Pavillon in Venedig geredet wird. Von Nicolas Buzzis und Shirana Shahbazis Interventionen dort, hört Jenny Keller, die das Gespräch führt, zum ersten Mal.

Dem Mode-Terminus Interdisziplinarität begegnet man ebenfalls skeptisch, Tavor und ihre Freunde arbeiten in verschiedenen Feldern, mit Leuten, mit denen sie auch gerne Zeit verbringen. «Es geht doch um Beziehungen im Leben, immer schon», so Shahbazi. Die Gesprächsrunde besteht aus Vertretern, die etwas älter sind als «plus/minus 35», doch im Gespräch mit ihnen wird klar, dass es bei der Arbeitsweise, der Herangehensweise und dem state of mind, Architektur, Kunst oder Sounddesign zu betreiben, keine Altersbeschränkung gibt.

Brig, Montag 28. Oktober 2019

Der Schnellzug rast durch den Lötschberg in die Üsserschwyz. Zur Gesprächsrunde ins Wallis lädt eine Gruppe namens «Das Blaue Becken». Das dreizehnköpfige Kollektiv mischt dort den Architekturdiskurs auf. Summermatter Ritz sind Teil davon und arbeiten in Brig. Im ehemaligen Atelier von Heidi und Peter Wenger führen sie heute ihr junges Architekturbüro, das sie als Andenken auch Atelier getauft haben. Und im Eingangsbereich trifft man auf das ominöse blaue Wasserbecken, dass der Gruppe seinen Namen verlieh. Am Beckenrand hat man bereits zahlreiche Aktionen ausgeheckt.

Summermatter Ritz haben zum Gespräch Diana Zenklusen, die in Brig auch ein Büro führt, Daniel Giezendanner, der an der HSLU unterrichtet sowie Jonas Ulmer und Nathan Ghiringhelli aus Biel eingeladen. Sie zeigen im Gespräch, dass ein Problembewusstsein zu Fragen der Baukultur, beispielsweise zum Erhalt und Umbau alter Dorfkerne, auch in der jungen Generation vorhanden ist.

Zürich, Sonntag 10. November 2019

Die Chips sind angerichtet, das Bier kaltgestellt an der Badenerstrasse in Zürich. Am Sitzungstisch im Zett-Haus sitzt für einmal nicht die Redaktion von wbw, sondern die MacherInnen von Planphase, der einstigen Zeitschrift für Architekturstudierende an der TU München zusammen mit Tibor Joanelly. Die Publikation, die auch von Architekturschaffenden ausserhalb der Schule beachtet wurde, fand ein Nachfolgeprojekt, das nun, 2020, lanciert wird. Es heisst Superposition und orientiert sich konzeptuell an der Zeitschrift Terrazzo, die Ettore Sottsass zusammen mit anderen von 1988 bis 1995 herausgab.
Am Tisch sassen Leo Bettini, Ellena Ehrl und Tibor Bielicky, mit Dominic Kim bilden sie den Zürcher und Basler Teil der Gruppe, die eng international zusammenarbeitet und stark vernetzt ist (Der Kern von Superposition erweitert sich mit Fotograf Max Creasy nach London und mit dem Grafiker Mathias Clottu nach Lausanne).

Das Gespräch dreht sich um die Arbeits- und Lebensbedingungen «im Netzwerk»: über geteilte Arbeit und Verantwortung, um Eigenständigkeit und Konsens. Aber auch um die Werte, die im Netzwerk kursieren, und wie sie das Ganze in der Vielheit – oder wie es Bettini ausdrückt – im Multilog seine Form gewinnt.

Como, Montag 11. November 2019

Die Accademia dell’architettura in Mendrisio war bei ihrer Gründung als Tessiner Ausgleichsgewicht zur Unwucht der beiden ETHs in Zürich und Lausanne gedacht. Tatsächlich schuf sie viel akademische Arbeit im Kanton, ein Grossteil der Studierenden stammt nun aber aus Italien. Das war für Redaktor Tibor Joanelly Grund genug, einen Sprung über die Landesgrenze zu tun und sich in Como umzusehen. Dort hat sich eine Gruppe Architekturschaffender formiert, die sich VG13 nennt. In den Räumen des Palazzos, den sie für ihre Bürotätigkeit nutzen, drehte sich das Gespräch um die Rolle der Accademia als Kristallisationspunkt ihrer Tätigkeit und um die diversen international verorteten Aufträge. Como ist längst die Homebase eines Architekturunternehmens, das Villen in Marokko und Läden in London oder Mailand baut.

VG13 sehen sich trotz aller professionellen Bürostruktur als offenes Netzwerk, das mit Künstlern, Spezialisten und mit anderen Architekten eng zusammenarbeitet, unter ihnen Walter Angonese oder der Comasker Stefano Ceresa. Neben letzterem sitzen mit am Tisch: Tommaso Fantini, Alberto Rossi, Francesco Borromeo von VG13 sowie der Künstler Rocco Vitali, der Fotograf Jacopo Valentini und der Visualisierer Tommaso Casalini.