Furrer Jud, Zürich

Den Blick auf die Welt schärfen

Ein Turm aus Wil tauchte vor zwei Jahren in der Auswahl unseres Schreibwettbewerbs Erstling auf. Es gab zwar keinen Preis, was am Text darüber und nicht am Bau lag. Aber seitdem ist die Webseite von Patric Furrer (*1980), Andreas Jud (*1981) in unseren Lesezeichen abgespeichert. Aber wer steckt hinter diesem steil aufragenden Karrierestart?

Was hat Euch zur Architektur geführt?

Das gemeinsame Studium an der ZHAW in Winterthur bildet das Fundament unserer Arbeit. Die Ausbildung fusst weniger in der Prägung durch einzelne Personen und ihre architektonische Haltung, vielmehr wird ein nuanciertes Bewusstsein für die Baukultur vermittelt. So ist unsere aktuelle Tätigkeit auch nur schwer einer Prägung durch Einzelne zuzuschreiben. Mit der Bürogründung direkt nach dem Studium hatten wir parallel die Chance als wissenschaftliche Mitarbeiter, Patric Furrer am Institut Konstruktives Entwerfen und Andreas Jud am Institut Urban Landscape der ZHAW, mitzuwirken. Diese Tätigkeit ist bis heute ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Die Schule als Gegenpol und Ergänzung zur Praxis bietet uns die Möglichkeit, das ganze Spektrum des Architektenberufs zu leben: Vom Gebauten bis zum Gedachten und vice versa. Wir versuchen unsere Arbeit stets in den Dienst der Baukultur zu stellen und diese positiv zu beeinflussen.

Was ist Euch bei der Arbeit wichtig?

Die Erfahrungen, die wir der Architektur verdanken, schärfen unseren Blick auf die Welt. Demzufolge beinhaltet die Architektur für uns nicht nur die Produktion von Lebensraum. Starke Entwurfskonzepte werden für uns deshalb zu einer Art Überlebensstrategie in einer Welt voller oberflächlicher Verlockungen.

Welche Gedanken sind zentral für Eure Entwürfe?

Der Entwurf für den Ersatzneubau eines ehemaligen Getreidesilos in Wil stellt den Versuch einer freien Entwurfsmethode dar, die uns zur plastischen Form geführt hat. In der industriellen Anmut der Blechschindeln wird das Wesen des Vorgängerbaus in eine zeitgenössische Sprache übersetzt.
Aber auch Spuren einer strukturell geprägten Architektur verfolgen wir. Unser erster Wettbewerb für die Umnutzung des Zeughauses in Teufen und die Grubenmann-Modelle, die damals noch an der ZHAW ausgestellt waren, weckten unser Interesse an ein- und aufgehängten Räumen, die das Erdgeschoss des Zeughaus eindrücklich prägen.
Beim Wettbewerb für das Stapferhaus in Lenzburg übertrugen wir die Idee auf die stützenfreien Ausstellungsräume. Beide Male blieben die Gedanken Papier. Beim Einbau eines Schulungs- und Aufenthaltsraums mit Garderobe in eine bestehende Halle in Thun realisieren wir derzeit diese Idee in Stahl. Hier hängen wir die Räume in eine bestehende Stahlstruktur ein. Die Garderobe im Erdgeschoss profitiert dabei von einer guten Belichtung trotz Sichtschutz. Gleichzeitig konnte auf zusätzliche Fundamente verzichtet werden. Die aktuellen Möglichkeiten zum Stahlbau loten wir auch in Forschungsprojekten an der ZHAW aus.

Ersatzneubau Mühle Freudenau, Wil

Furrer Jud, Zürich

www.furrerjud.ch

Ersatzneubau Mühle Freudenau, Wil

Flawilerstrasse 30, 9500 Wil SG; Bauherrschaft: Eberle Nafag, Gossau; Architektur: Patric Furrer, Andreas Jud, Frédéric Muller, Christophe Besson; Bausumme total (BKP 1-9): CHF 2.2 Mio.; Chronologie: 2011–14; Fotos: Benedikt Redmann, Zürich

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