Jaeger Koechlin, Basel

Das Visuelle und die Grundidee

Der Umbau von einem Wohnhaus in Bern – das auch mal als Pension und als Arztpraxis genutzt wurde – hat uns neugierig gemacht. Patrick Jaeger (1985) und Ariel Koechlin (1984) verbinden eine typische «Eigenheim-Moderne» aus den 1920er Jahren mit neuen Elementen. Ein neues Ganzes erreichen sie, indem sie auf den Altbau mit motivischen und inhaltlichen Bezügen antworten.

Was ist eure Herkunft?

Nach gemeinsamer Ausbildung an der ETH Zürich gründeten wir in unserer Heimatstadt Basel 2013 das Architekturbüro Jaeger Koechlin. Die Freude an den unterschiedlichsten architektonischen Themen und am Entwerfen hat uns seit dem Studium verbunden. Die Möglichkeit zu zahlreichen Reisen ins In- und Ausland, zu verschiedensten Kulturen und Architekturen – Mailand, Paris, Madrid, Kairo, Damaskus, New York, Hongkong oder auch hierzulande das Engadin, um nur einige aufzuzählen –, waren für uns grundlegend, um unser Verständnis von Architektur und Städtebau zu entwickeln. Eine daraus entstandene Sammlung von persönlichen Eindrücken, mitgebrachten Büchern, Skizzen und Fotografien bildet für uns ein Vokabular aus, auf das wir beim Entwerfen im heimischen Büro zurückgreifen. Das Visuelle – die Darstellung in Bild, Grafik, Fotografie oder im Plan, die damit verbundene Abstraktion und die Beschränkung auf das Wesentliche, nimmt dabei eine wichtige Rolle ein.

Was ist Euch wichtig im Denken und Entwerfen?

Die Neugierde und die Freude am Gestalten motivieren uns, ein Projekt stets ganz von Anfang neu in Angriff zu nehmen. Dieses soll durch eine Grundidee geprägt sein, im Ansatz genauso wie in der Umsetzung: Die Idee steht dabei folglich nicht nur am Anfang, sondern sie begleitet uns bis zum Schluss. Sie geht einher mit der Aufgabe, dem Ort und den Bedingungen. Sie prägt den Entwurf und soll im gebauten Raum erlebbar werden. Es ist uns wichtig, dass eine abstrakte Idee auch räumliche Qualität entwickelt. Räume, die sich über Proportion, Massstab, Bezug, Licht, Material, Farbe, Akustik und Nutzbarkeit auszeichnen. Damit meinen wir den städtebaulichen Raum genauso wie den privaten, das Haus genauso wie eine sich darin befindende Nische. Die konkrete Umsetzung ist wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Wir führen die Bauleitung bei allen Projekten selbst aus. Der Planungsprozess hört für uns somit bei Baubeginn nicht auf. Die Ideen werden in der Zeichnung, im Modell aber auch vor Ort überprüft und hinterfragt. Manche Entscheidungen werden früh in der Planung, andere erst auf der Baustelle gefällt. Für viele Dinge müssen wir kämpfen, oder bei deren Umsetzung selbst Hand anlegen. Dabei spielt auch Unvorhergesehenes eine spannende und wichtige Rolle.

Wie zeigen sich diese Aspekte konkret im Projekt Haus Friedli?

Das auf den ersten Blick unspektakulär wirkende Haus Friedli steht in einem üppig bewachsenen Grundstück in einem gartenstadtartigen Villenquartier in Bern. Der schlichte und ausgewogen proportionierte Putzbau wurde in den 1920er-Jahren erstellt. Er ist ein interessantes Beispiel für den modernen Eigenheimbau der Zwischenkriegsjahre, der Gestaltungsprinzipien des Neuen Bauens mit traditionellen kombinierte. Nach dem frühen Tod des Bauherrn hatte dessen Witwe im Haus während Jahren eine Privatpension untergebracht. Später wurde die Liegenschaft von einem der Söhne, dem Arzt Peter Friedli (1925–2012) übernommen, der im Haus seine Praxis einrichtete und nebenberuflich als bekannter Porträtfotograf das kulturelle und politische Leben in Bern über viele Jahrzehnte dokumentierte. Schliesslich hat die dritte Generation der Familie das Haus übernommen, um es für die vierte Generation zu bewahren. Die Bauherrschaft wünschte sich, das Haus nun in zwei Wohneinheiten aufzuteilen und, sofern möglich, die Wohnfläche zu vergrössern.
Wir haben uns dafür entschieden, das bestehende Gebäude in seiner Substanz, Raumstruktur und seinem Ausdruck weitgehend zu belassen und nach Möglichkeit in den Originalzustand zurückzuführen. Die Trennung in zwei unabhängige Wohnungen wird mit nur einer zusätzlichen Wand im Bestand erreicht. Der Anbau versteht sich als additiv neuer Gebäudeflügel, der die Volumetrie des bestehenden Baus respektiert und sichtbar lässt. Beide Gebäudeteile wahren innen wie aussen ihren eigenständigen Ausdruck. Der neue Gebäudeteil schliesst präzise an den Bestand an, nimmt bestehende Gebäudefluchten auf, hebt sich durch seine farbliche Erscheinung jedoch bewusst vom Bestand ab. Durch die vorgeschlagene Grösse des Anbaus hatten wir die Möglichkeit, die Anlage als Ganzes, mit allen räumlichen Zusammenhängen, neu zu denken. Die neu gebildete L-förmige Anlage ermöglicht es, in den Wohnungen durch eine grosse Tiefe eine unerwartete Grosszügigkeit und weite Blickbezüge herzustellen. Der neue Gebäudeteil ragt tief in den Garten hinein bis an die Krone einer alten Rotbuche. Die klare Volumetrie löst sich hier mit Terrasse und Aussentreppe auf, und erweckt beinahe den Eindruck, man sitze in einem Baumhaus. Bestehende Fensteröffnungen wurden zu Durchgängen von alt zu neu ausgebaut. Dabei ist der gesamte Neubau um die Höhe einer Stufe versetzt. Bei jedem Durchgang von alt zu neu lässt diese Schwelle den Übergang bewusst werden. Im Detail greift der Anbau etliche Themen des Bestandes auf. So finden sich etwa die sorgfältig eingebauten Apothekerschränke im Bestand als zeitgenössische Variante beim Innenausbaus des Anbaus wieder.

Haus Friedli, Bern

Jaeger Koechlin Architekten ETH SIA, Basel

www.jaegerkoechlin.ch

3006 Bern; Bauherrschaft: Privat; Chronologie: Direktauftrag, Baubeginn im Frühjahr 2017, Bezug im Herbst 2017; Fotograf: Roman Keller, Ben Koechlin

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