Jonathan Roider, Zürich

Robust und doch geschmeidig

Umbauten von Bauernhäusern landen immer wieder auf unserem Tisch. Aber bei diesem Projekt war vieles anders: einfacher, direkter, zeitgemäss und doch mit grosser Empathie ausgeführt. Und auch im Gespräch stellt sich Jonathan Roider (*1981) als ruhiger und überlegter Architekt mit festen Wurzeln heraus.

Was ist Deine architektonische Herkunft?

Das breit gefächerte Interesse über die Disziplinen hinweg und die Freude am Handwerk führten mich zur Architektur. Das Verständnis des Architekten als Generalisten zeigt sich im Engagement in der Lehre als Assistent an der ETH Zürich in gleicher Weise wie im Baustellengespräch mit lokalen Handwerkern oder der Mitarbeit in der Stadtentwicklungskommission einer Agglomerationsgemeinde. Prägend waren neben der Architekturausbildung an der ETH die praktischen Erfahrungen auf der Baustelle und die Zeit als Projekt- und Bauleiter bei Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten. 

Was ist Dir bei der Arbeit wichtig?

Hermann Czech schrieb 1971: «Architektur ist nicht das Leben. Architektur ist Hintergrund. Alles andere ist nicht Architektur.» Für mich steht das Zitat einerseits für einen erfrischend entspannten Umgang mit dem oft übersteigerten Anspruch der Architektur. Andererseits verweist es aber auch darauf, dass Architektur nur ausserhalb der eigenen Disziplin lebendig werden kann. Lebendig werden die Bauten, wenn sie in Beziehung treten mit der Geschichte des Ortes, mit den Umständen, unter welchen sie entstanden sind und mit den Menschen die sie betrachten, bewohnen oder benutzen. Über solche Bezüge entstehen meiner Meinung nach Gebäude, deren Bedeutung über das physisch Gebaute hinausgeht. Ich sehe es als faszinierende Aufgabe der Architektur, prägnante und vielfältige räumliche Gefässe zu schaffen, die bei der Aneignung die Fantasie anregen und individuelle Zugänge zum Bauwerk ermöglichen. Kein eng anliegender Massanzug, eher eine gut geschnittene, robuste Jeans, die mit der Zeit immer geschmeidiger wird und sich dem Körper anpasst. Eine, welche sich barfuss genauso gut trägt wie in eleganten Lederschuhen und es lohnenswert macht, einen sorgfältigen Umgang damit zu pflegen. 

Wie zeichnen sich diese Gedanken im vorgestellten Projekt ab?

Die an sich bescheidene Aufgabe des Umbaus eines landwirtschaftlichen Gebäudes mit Wohnteil und Scheune erlaubte eine umfassende Bearbeitung des Projektes und eine grosse Nähe zum Prozess des Bauens. Der Umbau für eine sechsköpfige Familie erzählt von der bäuerlichen Vergangenheit des Gebäudes und deren zeitgenössischen Neuinterpretation im räumlichen Aufbau und im architektonischen Ausdruck. Es entstand ein vielfältiges Gefüge aus überhohen Räumen und kompakten Kammern, aus beheizten und unbeheizten Räumen, aus neuer und alter Substanz. Ein Erschliessungsystem mit Eingängen auf zwei Ebenen und unterschiedlich gewichteten Treppen ermöglicht verschiedene Wege durch das Gebäude und bindet die einzelnen Räume zu einem vielseitigen Ganzen zusammen.

Umbau Wohnhaus Ibergstrasse, Winterthur-Iberg

Jonathan Roider, Zürich

jonathanroider.ch

Ibergstrasse 54, 8405 Winterthur-Iberg; Bauherrschaft: Privat; Architektur: Jonathan Roider Architekt ETH, Zürich; Chronologie: Planungsbeginn Anfang 2013, Baubeginn Dezember 2013, Bezug August 2014; Fotos: Jürg Zimmermann, Zürich und Jonathan Roider

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