Marcel Baumgartner Architekten, Zürich

Sich selber auf den Weg begeben

Als Oberassistent am Lehrstuhl von Andrea Deplazes hat er Generationen von Studierenden begleitet. Auf dem Gipfel seiner Assistentenzeit hielt er als Projektleiter der neuen Monte-Rosa-Hütte die Seile in den Händen. Es war ihm Antrieb für den Aufbruch in die Selbständigkeit.

Was hat Dich zur Architektur geführt?

Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, dass ich als Architekt Häuser bauen werde. Mein Werdegang führte mich aber erstmals für lange Zeit weit weg vom eigentlichen Bauen. Nach der Ausbildung an der ETH Zürich nahm ich meine erste Arbeitsstelle bei Bearth & Deplazes in Chur an, wo ich Wettbewerbe zeichnete. Dann folgte der Wechsel zurück an die ETH Zürich, als Assistent und später als Oberassistent in Lehre und Forschung bei Andrea Deplazes.
Aus dieser langen und engen Zusammenarbeit zog ich prägende Erfahrungen. Sie führte letztlich auch zum Ansporn, meine persönliche architektonische Haltung durch eigene Arbeiten zu entwickeln. Und ich wollte das tun, was ich mir eigentlich immer vorgestellt habe: Bauen.

Auf welche Vorlieben und Methoden vertraust Du im Denken und Entwerfen?

Was mich zur Arbeit motiviert, ist die Neugierde und Freude, den Dingen auf den Grund zu gehen, einer Idee, einer Haltung, einem Plan.
Meinen Bauherrschaften habe ich bisher gerne ein «gutes und schönes Haus» versprochen. Architektonische Qualität kann nicht per Beschluss sichergestellt werden. Wir entwickeln, verhandeln und stellen Ideen zur Diskussion. Architektur entsteht als kontinuierlicher Prozess der Formbildung mit vielen Wegbegleitern.
Und ja, dann gibt es aber auch das Bauchgefühl, die persönlichen Vorlieben für das Direkte, das Unmittelbare und die kulturelle Prägung.

Und wie zeigen sich diese Aspekte konkret in dem ausgewählten Bau von Dir?

Von Aussen betrachtet ist der Anbau am Schulhaus Luterbach, einem Primarschulhaus aus den 1950er Jahren, ziemlich schroff an den Bestand gesetzt. Aber innenräumlich verbinden sich Alt und Neu wie selbstverständlich zu einem neuen Ganzen.
Im Wettbewerb haben wir das Projekt als «Knospe» betitelt, was die Idee eines organischen Weiterbauens suggerierte. Dieses sinnbildliche Konzept hat sich im weiteren Prozess als nur bedingt tragfähig erwiesen. Wir sind beispielsweise bei der Konstruktion und Materialisierung zur Überzeugung gelangt, dass die Situation nach einem stärkeren Akzent im Ausdruck verlangt. Die kräftige Materialisierung der Fassade unterstreicht die Rolle des Anbaus als Eckstein und Abschluss der Anlage, der rohe Ausdruck der Innenräume deren Flexibilität in Hinblick auf zukünftige Nutzungskonzepte. Wir haben uns schrittweise vom Bestand gelöst, ohne ihn zu kompromittieren.
Der Anbau ist letztlich, und darüber bin ich froh, ein eigenständiges und zeitgemässes Bauwerk geworden. Er reagiert nicht sentimental auf den Bestand sondern selbstbewusst.

Erweiterung Schulhaus Dorf Luterbach

Marcel Baumgartner Architekten, Zürich

http://www.marcelbaumgartner.com/de/

Turnhallestrasse 2, 4542 Luterbach; Bauherrschaft: Einwohnergemeinde Luterbach; Architekt: Marcel Baumgartner Architekten, Zürich; Bauleitung: Anderegg Partner, Bellach; Bausumme total (BKP 1 – 9): CHF 7.0 Mio.; Chronologie: Projektwettbewerb 2011, Planung und Ausführung 2012 – 15; Fotos: Barbara Bühler

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