Stefan Wülser, Zürich

Nonkonform weiterdenken

Sich einmischen: Das hat Stefan Wülser (1982) schon getan. Mit einer Zuschrift forderte er für die Stadt mehr als Routine und Funktionieren. Dasselbe gilt auch für seine Arbeit als Architekt: Schönheit muss herausfordern.

Wie sieht dein bisheriger Weg als Architekt aus?

Nach einem klassischen Beginn mit Hochbauzeichner-Lehre und Studium an der Fachhochschule, faszinierten mich zum Ende vor allem die Mathematikvorlesungen und ihre neue Gedankenwelt voller Muster und Bedingungen. Quasi als Opposition zu meiner soliden Schweizer Ausbildung und meinen Wurzeln im Schweizer Mittelland zog es mich nach London, wo ich an der AA Vorlesungen besuchte und anfing, mich vermehrt mit Philosophie und Musik zu beschäftigen. Zurück in Zürich, arbeitete ich vier Jahre als Entwerfer und später als Projektleiter bei Frei Saarinen Architekten. Eine Assistenz an Winy Maas’ Gastprofessur an der ETH/ TU Delft bot einen weiteren Perspektivenwechsel und ermöglichte es, eigenen Interessen nachzugehen. Seit 2015 habe ich gemeinsam mit Nicolaj Bechtel einige Projekte realisiert und möchte mich nun mit Texten und freien Studien aktiv in einen theoretischen Diskurs einbringen.

Was prägt dein Denken?

Ganz generell: Der kulturelle Bezug unseres Schaffens. Um Architektur über die Grenzen unseres Metiers hinaus relevant zu halten, sollten wir Wege finden, um gesellschaftliche Tendenzen und Entwicklungen zu thematisieren. Ich möchte Architektur als Baukultur verstehen, die nicht nur eine Nachfrage beantwortet, sondern auch Fragen stellt. Die Mechanismen des kapitalistischen Systems haben unsere Städte optimiert, Räume effizient, reibungsfrei und sauber gestaltet und Architektur zu technischer Perfektion verholfen.

Im Gegenzug dazu, so scheint es mir, hat sie viel subversive Kraft eingebüsst, und ihr potenziell nonkonformes Moment bleibt ungenutzt. Da sie immer in bewusster oder unbewusster Wechselwirkung zur Gesellschaft steht, sollten wir an die Möglichkeit einer kritischen Haltung glauben und Verantwortung für die Gestaltung unseres Lebensraumes übernehmen. Wir müssen wieder Zukunftsbilder und Alternativen entwickeln, uns einsetzen für Werte, an die wir glauben: Uns einsetzen für echte Raumerfahrungen, die etwas auslösen wider den lähmenden Zustand, den Sigmund Freund «laues Behagen» nannte.

Oftmals scheint in unserer Gesellschaft das Neue Angst zu machen, und das Schöne wird bloss, nach dem jeweiligen Budget dosiert, als eine Art Supplement dem Praktischen zur Seite gestellt. Ich möchte Architektur denken, die darauf vertraut, dass Schönheit aus dem Wesen der Dinge entsteht und uns herauszufordern wagt. Es geht mir dabei nicht um eine romantische Vorstellung von künstlerischer Freiheit, sondern ganz im Gegenteil, um soziale Nachhaltigkeit und um Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Baukultur und unserer kulturellen Identität.

Wie zeigen sich diese Aspekte in einem konkreten Projekt?

Im Umbau in Windisch (realisiert 2017 mit Nicolaj Bechtel) ging es darum, den Kammer-Grundriss eines Hauses aus den 30er-Jahren in eine Familienwohnung mit vielfältigen räumlichen Bezügen und einem klaren Zentrum zu transformieren. Die Verbindungen und Öffnungen wurden mit einfachen, radikalen und wirksamen Eingriffen austariert; nichts wurde kaschiert oder verdeckt. Entstanden sind Räume, die über das Nebeneinander von alt und neu hinaus die Spuren der Transformation als gleichberechtigtes Element nutzen. Die Oberflächen der Materialien und die Narben der Eingriffe werden zu Texturen und verleihen dem Haus eine eigentümliche Anmut. Es fordert unsere Gewohnheiten und Reflexe heraus, indem es die Idee des Make-Ups, des Ästhetisierens durch Angleichung konsequent ablehnt.

Wülser Bechtel Architekten, Zürich

www.wuelserbechtel.ch

Umbau in Windisch

Seebahnstrasse 155, 8003 Zürich; Nicolaj Bechtel (PL), Stefan Wülser, Margarida Leao, Daniel Klinger; Bauherrschaft: Privat; Chronologie: Direktauftrag, 2015 - 2017; Fotos: Nicolaj Bechtel

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