VERVE Architekten, Biel/Bienne

Unterwegs für eine mobile Architektur

Der als fahrbares Büro ausgebaute Wohnwagen ist Markenzeichen und Programm von VERVE Architekten: 2013 haben Sabine Schütz (1983) und Roman Tschachtli (1978) in Biel ihr Büro gegründet und engagieren sich seither für eine bewegliche Architektur. Dazu gehört für sie das Hinterfragen von Mustern und Standards, die Suche nach alternativen Formen des Wohnens und Bauens – wie auch die Option des Nichtbauens. 2017 haben VERVE Architekten als erstes öffentliches Projekt ein Schulprovisorium fertiggestellt, das zeigt, wie aus Modulen spannungsvolle Architektur werden kann.

Was ist eure Herkunft?

Anhand eines Rezeptes würde VERVE ungefähr so schmecken:
Sauce: Eine Messerspitze frische Berner Fachhochschule in reichlich Steffisburgersaft geben, mit scharfem indischem Ahmedabad würzen und mit :mlzd schaumig schlagen. Flüssigkeit mit zwei Zwiebelsprösslingen aus dem Genossenschaftsgarten mixen.
Füllung: Thüringer Würste fein zerbröseln und mit Trierer Fachhochschule garnieren, in ein Glas geben und mit zwei Studiengängen abschliessen. Luxemburger zu Neuenburger Käse affinieren, schmelzen lassen und mit Pfeffer à la Louisiana abschmecken.
Füllung dem Bieler Teig beigeben und mit Sauce heiss servieren.

Was ist euch wichtig im Denken und Entwerfen?

Für uns ist Architektur mehr als das reine Entwerfen. Jeder gebaute Raum beeinflusst sowohl die Wahrnehmung als auch das Verhalten der Nutzer. Daher analysieren und hinterfragen wir gesellschaftliche Muster und möchten die Öffentlichkeit für neue Modelle sensibilisieren. Um Alternativen zur aktuellen Monokultur im Immobiliengeschäft zu entwickeln, gestalten wir partizipative Projekte gemeinsam mit den Nutzern und organisieren Workshops zum Thema «Alternative Wohnformen». Dabei zeigen wir auf, dass man auch vermehrt umbauen, verdichten, umnutzen, aufstocken, anbauen und zwischennutzen kann. Aber es besteht auch die Option des Nichtbauens – hierbei gilt es, die aktuellen Standards zu hinterfragen. Wir engagieren uns in diversen Institutionen, wie z. B. dem Werkbund, dem Heimatschutz und dem SIA und nehmen politisch Einfluss auf aktuelle Themen des Wohnen und Bauens. Wie Nomaden ziehen wir mit unserem 70er-Jahre-VERVEmobil als Baubüro von einem Bauplatz zum anderen. So haben wir die Möglichkeit, den Umsetzungsprozess direkt mitzuerleben und effizienter zu koordinieren. Sind wir gerade nicht unterwegs, sind wir Teil der «Cosmonauten» – einer interdisziplinären Bürogemeinschaft in Biel. Da wir von Räumen und Gebäuden mit metamorphen Eigenschaften fasziniert sind, haben wir uns in den letzten Jahren intensiv mit modularem Bauen auseinandergesetzt. Die Möglichkeit, dass ganze Gebäude den Standort wechseln können, ihre Nutzung angepasst, diese erweitert, aufgestockt oder in anderer Weise verändert werden kann, bietet eine neue Ebene der Flexibilität in der Architektur.

Und wie zeigen sich diese Aspekte konkret in einem von euch ausgewählten gebauten Projekt

2017 entwickelten und realisierten wir innerhalb von neun Monaten für die Stadt Biel ein Schulraumprovisorium in Holz-Modulbauweise mit neun Klassenzimmern. Nach acht Jahren werden die 36 Module rückstandslos entfernt und an einem anderen Ort wieder aufgebaut. Die Aufgabe, eine mobile und flexible Architektur mit sehr engem Termin- und Kostenrahmen zu entwickeln, führte zu einem pragmatischen Entwurf. Mit ausgeprägtem Suffizienzgedanken wurden nur unabdingbare Räume gebaut, sekundäre Räume wie z. B. Korridore oder Gruppenräume wurden weggelassen. Der Modulbau erlaubt in seiner Gesamtkonzeption zukünftig eine völlig neue Konfiguration seitens Geschossigkeit und Grundrissorganisation. Speziell an diesem Bau ist die vorgelagerte Treppenanlage, welche nicht nur der spielerischen Erschliessung dient, sondern auch einen spannungsvollen Aufenthaltsbereich bildet. Hierbei gilt für uns: Mehrere Wege führen zum Ziel.

Provisorische Erweiterung Schulhaus Champagne, Biel

VERVE Architekten, Biel/Bienne

verve-architekten.ch

Champagne Allee 1, 2503 Biel/Bienne; Bauherrschaft: Einwohnergemeinde Biel/Bienne, Direktion Bau, Energie und Umwelt, Abteilung Hochbau; Chronologie: Direktauftrag; Planungsbeginn November 2016, Inbetriebnahme Juli 2017; Bilder: Fotostudio ph7 Stefan Hofmann

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