Bessire Winter, Feldbrunnen

Den Alltag annektieren

Céline Bessire (1987) und Matthias Winter (1986) gehen mit Ihrer Architektur aufs grosse Ganze. Wörtlich: Entwerfen sehen sie als einen dynamischen Prozess in der Gruppe, sie scheuen dabei nicht die Konfrontation. Hintergrund ihrer Arbeit ist ein kritisches Denken, das weit über ein Projekt hinausgeht.

Was ist der Hintergrund eurer Arbeit?

Unser Arbeiten spielt sich innerhalb der komplexen Konstellation von Büro, Zusammenleben und Familie unter einem Dach ab. Während wir an die produktive Kraft dieses inneren Chaos glauben, sind wir auf den kontinuierlichen Austausch mit anderen Architektinnen angewiesen, um die Grenzen unserer eigenen Vorstellung überwinden zu können.

Unsere gemeinsame Geschichte, angefangen am ersten Studientag an der ETH Zürich, dann bei Made in, und schliesslich als Duo, wird so laufend überschrieben. Uns gefällt der Gedanke, als Büro kein fixes Portrait zu haben, sondern dieses stets neu zusammenzusetzen, gleich einem Phantombild, das sich durch Überlagerungen zwar konkretisiert, jedoch nie abschliessend zeichnet.

Was ist eure Haltung, und wie kommt sie zustande?

Wir haben keine Haltung a priori, sondern versuchen über unsere Projekte als einmalige, zielgerichtete Vorhaben stets neu Stellung zu beziehen. «Projekt», von lateinisch proicere, bedeutet «vorwärtswerfen». Es weist dem Entwerfen nicht nur eine zeitliche, visionäre Komponente zu, sondern deutet mit der Ableitung «Projektil» auch auf seine jeweils spezifische Flugbahn hin. Entsprechend sind wir an der Eigenheit der einzelnen Aufgabe interessiert und nicht an der Konsistenz unserer Arbeit oder an der Schaffung eines privaten Œuvres.

Das Denken im Projekt geht über das reaktive, mechanische Lösen von isolierten Problemen am Ursprung einer Bauaufgabe hinaus und verlangt nach Skepsis gegenüber der Aufgabe selbst. Es geht darum, eine solche grundsätzlich aus Distanz zu denken und mit ihrem Aussen, der Welt zu konfrontieren, um geistige und physische Zusammenhänge herzustellen. Projekte sind Verdichtungen, und die Idee gibt innerhalb dieses Geflechts die Logik vor. Im Sinne von Georg Wilhelm Friedrich Hegel verstehen wir «Idee» nicht als individuelle Vorstellung oder subjektiven Einfall, sondern als Wahrheit. Durch die Idee behauptet sich das Projekt gegenüber der Willkür, gegenüber seiner eigenen Vergänglichkeit und gegenüber der blossen Behauptung. Die Idee offenbart das räumliche Potenzial der an das Projekt gestellten Fragen und bestimmt dabei das Prinzip des Zusammenbindens der Räume und die gegenseitige Bedingung der Teile. Dabei geht es nicht um den reinen Gedanken, den es in den verschiedenen Massstäben zu deklinieren gilt, sondern um eine übergeordnete Absicht, die mit allen Eingriffen und Elementen in Wechselwirkung steht und dabei erweitert, «verschmutzt» und bereichert wird.

(In einer Zeit in der Wahrheit durch Statistiken, Parameter und Algorithmen bestimmt wird, mag der idealistische Glaube an die Idee romantisch-naiv oder anachronistisch wirken – Theodor Adornos Alptraum einer komplett verwalteten Welt scheint Realität geworden zu sein. Jegliche Aspekte der menschlichen Wirkungsfelder sind in Zahlen abstrahiert, und Architektur wird zum Träger des globalen Neoliberalismus. Angesichts dieser sich abzeichnenden Krise und unserer, wie Immanuel Kant es nannte, selbstverschuldeten Unmündigkeit, scheint die Kraft der Idee in weite Ferne gerückt. Dennoch stellt gerade der Versuch, die Welt durch Architektur zu denken, auch den Versuch einer Rückgewinnung dar.)

In unserer prekären Gegenwart verweist die Idee als Werkzeug mehr denn je auf die Dringlichkeit von Opposition und Alternativen in den alltäglichen Bauaufgaben, um Ansprüche, Standards, Normen, Gewohnheiten, Komfort und Konsens kritisch zu hinterfragen. Wir sehen darin die Chance, durch Architektur unsere Alltäglichkeit neu zu denken. Rückwirkend, und im besten Fall, spiegelt dann das Haus als Tropfen die Welt; die Konsequenz ist stets räumlich.

Wie setzt ihr eure Haltung im Projekt um?

Die Ausgangslage für das Projekt am Findlingsweg bildete ein kleines Einfamilienhaus in Derendingen bei Solothurn, das bereits zwei Mal erweitert wurde, der jungen Familie aber noch zu klein war. Der Wunsch war ein weiterer Anbau. Die bereits realisierten Anbauten als additive Volumen wurden vom damaligen Architekten von aussen so gut wie möglich dem Haupthaus angepasst: ein Versuch des Camouflagierens, während im Innenraum nur Brüche entstanden sind.

Im Gegenteil dazu bestand unsere Absicht darin, den Annex nicht als reines Anhängsel oder Zubehör zum Haupthaus zu verstehen, sondern als Erweiterung seiner Innenräume grundsätzlich zu denken, um dem Haus neuen inneren Zusammenhalt zu geben.

Alle Erweiterungen sind Räume, die nicht für sich alleinstehen können: Als minimaler Erker erweitert ein aufgesetztes Fenster den Wohnraum zum Garten, das Podest als Teil der neuen Treppe ist Arbeitszimmer, die Lukarne erweitert das Dach. Entsprechend verbinden sich die einzelnen Teile des Hauses und machen den Innenraum erstmals als zusammenhängende Choreografie erlebbar, während umgekehrt die innenräumlichen Annexe im Sinne des Annektierens das gesamte Haus einzunehmen beginnen. Die Erweiterung des Innenraums wird so nicht über zusätzliche Quadratmeter erreicht, sondern über komplexe räumliche Überlagerungen. Die Raumbezüge lassen das Haus innerlich grösser erscheinen, als es ist, und die Erweiterung ist in Wahrheit Verdichtung und Reorganisation der bereits vorhandenen Flächen und Räume.

Findlingsweg, Derendingen (SO)

Bessire Winter GmbH, Feldbrunnen
Céline Bessire + Matthias Winter

https://bessirewinter.com

Findlingsweg, Derendingen (SO)

Erweiterung eines kleinen Hauses; Derendingen, Solothurn; Bauherrschaft privat; Architektur Bessire Winter GmbH; Mitarbeit Cilgia Hofer, Leonie Müller; Bausumme CHF150'000; Planungsbeginn 2017, Bau 2019–2020; Fotos: Paola Caputo

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