Romina Grillo und Liviu Vasiu, Zürich/Bukarest

Architektur mit der Landschaft verschmelzen

Auf den ausschweifenden Bahnen unseres Hefts über die Jungen zu Jahresbeginn sind viele Büronamen einzig im Netzwerk-Diagramm aufgetaucht. Für eine Vorstellung ihrer Arbeiten blieb kein Platz. So stellen wir hier Romina Grillo und Liviu Vasiu mit einem realisierten Projekt vor. Das italienisch-rumänische Architektenpaar hat mit geschickt gesetzten Öffnungen einen piemonteser Altbau in ein transparentes Raumkontinuum verwandelt.

Wie habt ihr Euch kennengelernt und was ist Euer Hintergrund?

Im zweiten Jahr an der Accademia di Architettura di Mendrisio haben wir uns kennengelernt und haben seitdem immer zusammengearbeitet: manchmal als Studenten, manchmal als Kollektiv mit anderen Architekten, im Kern wir zwei. Wir haben in verschiedenen Städten in Europa gelebt, gearbeitet und Erfahrungen gesammelt. So konnte wir bereits im Jahr 2010 zusammen mit einer Gruppe befreundeter Architekten den Wettbewerb für den rumänischen Pavillon der 12. Architekturbiennale in Venedig realisieren – unser erstes reales Grossprojekt. Die Herausforderung bestand darin, eine neue Raumhülle in ein bestehendes Gebäude einzubauen.

Parallel zur selbständigen Tätigkeit waren wir stets auch in der Architekturlehre engagiert. Alle diese Erfahrungen bieten uns eine nicht versiegende Quelle, die unsere Interessen an den verschiedenen Aspekten der Architektur kontinuierlich bewässert.

Was ist Euch wichtig im Denken und Entwerfen?

Unser Architekturverständnis zeichnet sich durch eine dynamische, energetische und neugierige Haltung aus. Unsere entwerferischen Interessen orientieren sich an innovativen, die Konventionen brechenden Architekturfragen, die an der Schnittstelle zwischen Theorie, Entwurf und Realisierbarkeit liegen.

Wir arbeiten meist mit den grundlegenden Elementen der Architektur. Dabei untersuchen wir, auf welche Weise sie Raum definieren, um ein einzigartiges Raumerlebnis zu kreieren. Eine tragende architektonische Konzeptidee hat auch Auswirkung auf soziale und ökonomische Bereiche. Nicht selten wird die treibende Kraft dieser Idee zur Konstellation neuer Lebensräumen, die mit etwas Glück zu neuen Lebensweisen führen. Wir möchten so entwerfen und bauen, wie wir selbst zu leben wünschen. Unser Ziel ist ein architektonisches Ganzes zu erreichen, das durch die Interaktion, die Ordnung und die Komposition architektonischer Grundelemente neue Welten erschafft.

Wie zeigt sich das in der von Euch entworfenen Renovierung und Ausbau einer Villa?

Die Villa aus dem Jahr 1910 liegt in einem piemontesischen Dorf, am Rande des städtischen Gefüges, am Übergang zu weiten Reis- und Landwirtschaftsfeldern. Von Mauern umschlossen, ist das Gebäude von einem zusammenhängenden Freiraum auf dem langgestreckten Grundstück umspült. Das beförderte unsere Idee, ein neues Universum zwischen den Grenzlinien zu schaffen: eine abgeschlossene Welt, in der das Haus vom Garten profitiert und umgekehrt.

Bereits beim ersten Besuch auf der zukünftigen Baustelle beschlossen wir, keine Verschönerung vorzunehmen, sondern das rohes Potential des Bestands und seiner Umgebung zu enthüllen. Die Veränderungen betrafen besonders das Erdgeschoss, während der erste Stock des Hauses im Wesentlichen unverändert blieb. Kernstück unseres Eingriffs ist eine Veranda als Erweiterung des Wohnraums. Sie ist auf drei Seiten verglast. Das zum V geformte Betondach wirkt als eigenständiges Objekt, das auf drei unterschiedlich geformten Betonsäulen sein Gleichgewicht findet: ein Wandstück und zwei Stützen, von denen eine im Kamin verborgen ist.

So bleibt der eigentliche Wohnbereich nicht auf den Perimeter des Dachs beschränkt, sondern entfaltet sich auf der gesamten Fläche zwischen dem bestehenden Haus und den alten Grundstücksmauern. Die Fenster der Veranda gleiten hinter das neu gebaute Wandstück, lassen den Raum der Veranda völlig offen und verwischen so die Grenzen zwischen innen und aussen.

Ein Teil der Renovierung bestand auch in einer neuen Erschliessung des Obergeschosses. Als markantes Objekt aus Beton verbindet nun eine Wendeltreppe die Etagen. Ebenfalls als punktueller Eingriff schafft die Skulptur eine Mischung aus runder und tropfenförmiger Form: zuerst spiralförmig, dann zweimal die Richtung wechselnd führen die Stufen unter das Dach. Im Ergebnis besteht das Projekt aus alten und neuen Fragmenten, die aufeinander bezogen sind, um Raum für neue Formen des Lebens aufzuspannen.

Haus im Piemont

Romina Grillo und Liviu Vasiu

Haus im Piemont

Adresse: Galliate, Piemonte, Italia; Bauherrschaft: Privat; Chronologie: Vorprojekt 2016, Bau 2017 - 2018; Fotograf: Proiekt: Delfino Sisto Legnani e Marco Cappelletti, Portrait mit Baum: Francesco Marullo

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