24.04.2018

Alles ist Referenz!

Nach sechzig (!) Semestern Unterricht, ein Grossteil davon an der ETH, endet mit der Abschiedsvorlesung von Miroslav Šik offiziell die Ära der Analogen Architektur. Sie und ihr Protagonist haben Generationen von Architekten in der Schweiz geprägt. Šik trumpfte zum Abschied mit der ihm eigenen kraftvollen Rhetorik und einem klaren Blick für lebensweltliche Zusammenhänge auf – und mit der Behauptung, dass die Deutschschweizer und vor allem Zürcher Architektur hauptsächlich eines sei: Ein Spiel mit Referenzen, angelegt in den 1980er Jahren und den gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit. Diese Behauptung ist Grund genug, um in Ergänzung zu unserem April-Heft Entwurf und Referenz die Analoge Architektur in ihrer Tragweite einzuordnen.

Natürlich würde sich Šik gegen eine Historisierung seines Projekts verwahren. Doch auch das Buch, das zum Ende der Lehrtätigkeit der erst «analogen» und später «altneuen» Lehre an der ETH erschienen ist, behandelt seinen Gegenstand analytisch, einordnend, erklärend, wertend, kurz: in seiner geschichtlichen Dimension. Als Lehrstuhlpublikation erfolgt diese Arbeit aus einer Distanz, die seine Herausgeber Eva Willenegger und Lukas Imhof eigentlich nicht beanspruchen können. Trotzdem: Blättern und Lesen lohnen sich, gerade die angestrebte Objektivität offenbart und erklärt viel über die Analoge Altneue Architektur – so der Titel des Buchs –, über ihre Anfänge mit Fabio Reinhart, die verschiedenen Phasen der Theoriebildung, die Darstellungstechnik, die gebauten Resultate, die Schüler.

Was also macht die Analoge Architektur aus? Wohl ein unterschwelliger, oft aber auch expliziter Expressionismus. Im Gegensatz zum später von Šik selbst in seiner Bedeutung neutralisierten Begriff der «Referenz» spielte das kraftvolle, architektonische Bild immer eine entscheidende Rolle. Die Poetik der Analogen war expressiv, und wenn man neuere Studierendenprojekte aus dem Buch betrachtet, dann trifft dies noch immer zu. Es ist eigentlich seltsam, dass das Wort «Poetik» im analogen Diskurs kaum mehr vorkommt. Die Analoge Architektur war unter vielem anderem vor allem auch das lockende Versprechen, dass Architektur als Bild unmittelbar die Seele bewegen kann.

In der Rezeption der Analogen Architektur tut sich so ein interessanter Widerspruch auf. Denn Vertreter wie Kritiker behaupten seit jeher, dass diese ein architektonischer Realismus sei. Doch die erfinderische Kraft ihrer Bilder und deren Montage gehen über einen solchen weit hinaus. In der Praxis wurde das Entwerfen mit Bildern dann allerdings trotzdem zu Realismus, in Übereinstimmung von Mentalität, kulturellem Hintergrund und realer Bauwirtschaft. Alles ist Referenz.

Für die Zürcher Architektur liesse sich ein weiterer Widerspruch finden: Ist die Rede von Deutschschweizer Architektur, so fällt schnell der Name Aldo Rossi. Im Fall von Zürich aber kann man sagen – und das wurde anlässlich von Šiks Abschiedsvorlesung überdeutlich: Wirklich einflussreich war die Lehre von Šik, dessen in Zürich praktizierende Schüler und ihre Epigonen den Begriff des Bildes so lange und bis zur Unkenntlichkeit geknetet haben, dass zum Schluss jene typische «Zürcher Mischung» entstanden ist, die aus Kontext, Vorbildern (gerne aus Mailand), Pragmatismus und baulicher Sorgfalt «Architektur» beschwört: aufs vernünftige Mass domestiziert, Zuvorkommend Höflich, Zureich, ohne dass man’s merkt – etwas oberflächlich und brav.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass Šik in seiner eigenen Arbeit den Einfluss der Referenz immer stärker zurückdrängte, um sich mehr und mehr einem baukünstlerischen Ideal zu verpflichten. (Ein Beispiel etwa wäre das Bürgerhaus in Haldenstein, 2005–07.) Denn nachdem die ersten analogen Projekte von Šik gebaut waren, offenbarten sie geradezu schreiend das Problem der Arbeit mit Bildern, eine Art Tautologie: Hinter dem Bild erkennt man nur das Bild. Die Bauten von La Longeraie in Morges (1991–96) oder das Musikerhaus in Zürich (1992–98) unterscheiden sich kaum von den sie darstellenden Perspektiven. Der Bau ist das Bild, nichts weiter. Dasselbe kann man heute über die Bedeutung der Referenz sagen: Hinter der Referenz erkennt man vor allem die Referenz.

Doch die «Analoge Altneue Architektur» ist reicher. Im neuen Buch kommt auch eine Art Gegenprogramm zum Referenzieren zum Ausdruck, und mit diesem erklärt sich vielleicht auch, weshalb die Analoge Architektur einige bedeutende Architekturschaffende hervorgebracht hat. Für Valerio Olgiati, Andrea Deplazes, Christian Kerez, Quintus Miller und Paola Maranta und andere bekannte Namen verband sich das Hantieren mit Referenzen von Anfang an mit einer vertieften Auseinandersetzung mit der Bedeutung und Wirkung der im Entwurf verwendeten Mittel. So erschloss sich für viele eine Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe sozusagen über die Oberfläche des Bildes, über die xerographierte Kopie einer Referenz.

Und das kann auch für heute gelten: Für die cleveren Füchse unter den Architekturschaffenden ist die Referenz immer nur ein Vorwand. Denn das Werk selbst ist auch und vor allem selbstreferenziell. Es bleibt stets einer zwingend eigenen, architektonischen Logik unterworfen.

— Tibor Joanelly

Analoge Altneue Architektur
Miroslav Šik, Eva Willenegger, Lukas Imhof (Hg.)
480 Seiten, 21 x 28 cm, ca. 300 Abbildungen, ca. 200 Pläne
Quart Verlag, Luzern 2018. Hardcover, fadengeheftet
CHF 128.– / EUR 116.–
ISBN 978-3 03761-153-1

Bild: Conradin Clavout
© Conradin Clavuot
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