04.03.2022

Architektur im Klimawandel

Netto-Null bis im Jahr 2030. Das ist die Voraussetzung, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, die Erhitzung der Atmosphäre zu bremsen. Netto-Null, das sagt sich leicht, doch es hat einschneidende Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft, viel einschneidender als das abgelehnte CO2-Gesetz – eine eigentliche Neuerfindung ist gefragt.

Die Schweizer Klimastreik-Bewegung hat vor einem guten Jahr einen riesigen Katalog an Massnahmen publiziert, die es braucht, um bis 2030 klimaneutral zu werden: den Climate Action Plan, kurz CAP. Viele hundert Seiten, erarbeitet von Expertinnen und Aktivisten. Als wir die Zusammenfassung lasen, wurde uns schwindlig. Und wir sagten uns: Das ist wichtig, das müssen wir diskutieren, mit allen die es angeht. Zusammen mit Kollege Axel Simon und Kollegin Rahel Marti von Hochparterre haben wir ein gemeinsames Dialog-Format eingerichtet, die CAP talks. Wir befragten Architektinnen und Ingenieure, Junge und Ältere, Politiker, Wirtschaftsvertreter, Verantwortliche vom SIA und BSA zum Klima-Aktionsplan. Und was wir schon bald vermuteten, wurde im Verlauf der acht Gespräche immer mehr zur Gewissheit: Diese Gespräche gehören zum Besten, was wir 2021 publiziert haben! Und eine Premiere: das erste gemeinsame Format, seit es werk, bauen+wohnen und Hochparterre gibt.

Wir waren überrascht und berührt, wie viel Engagement, wie viele neue Ideen, wieviel Neugier und Freude an neuen Herausforderungen da an den Tag kam – und durchaus nicht nur bei der (Klima-)Jugend. Der Switch in der Diskussion vom engen Fokus auf «Energiesparen» auf den sehr viel breiteren Themenkreis «Klimaneutral bauen» bringt sehr viel Spielräume für Innovation in Entwurf und Konstruktion. Aber auch ein neues, selbstkritisches Denken: Klimaneutrales Bauen gibt es eigentlich nicht, vor allem nicht beim Neu-Bauen. Es geht darum, wie wir den gebauten Bestand als Ressource viel besser nutzen, es geht um neue Prioritäten, abseits von Konsum und Wachstum. Das bringt einige Einschränkungen, vor allem aber viel Befreiendes.

Es lohnt sich, nach einem Jahr die ganze Serie der CAP talks zu lesen. Unter wbw.ch und Hochparterre.ch sind alle Beiträge greifbar, inklusive eines zusammenfassenden Videos bei den Kollegen für diejenogen, die nicht lesen mögen, aber mitreden wollen. Die Diskussion hat ja schliesslich gerade erst angefangen.

— Jenny Keller, Daniel Kurz
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