31.10.2016

Architektur und Atomausstieg: JA

Am 27. November wird in der Schweiz über den «geordneten Atomausstieg» abgestimmt. werk, bauen + wohnen empfiehlt, ein JA in die Urne zu legen. Die ökologischen und wirtschaftlichen Argumente für und gegen die Initiative sind hinlänglich bekannt und sollen an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Was hier aber vielleicht interessiert, ist die Frage, inwieweit ein Ausstieg aus der Atomenergie die Architektur und das Entwerfen betrifft.
Der Ausstieg aus der Atomenergie wird keine unmittelbaren Konsequenzen auf das Bauen haben; die vom Schweizer Parlament beschlossene Energiestrategie 2050 wiegt bedeutend schwerer. In Bezug auf deren Konsequenzen sind die Hoffnungen und Ängste klar: Ein Ausstieg aus der fossilen Energie auf der einen und (noch) mehr thermische Isolation und Haustechnik auf der anderen Seite.
Ein Ausstieg aus der Atomenergie bedeutet in erster Linie, dass der heute in Atomkraftwerken produzierte Strom durch andere Formen der Gewinnung ersetzt werden muss. Gas-, Kohle- oder Ölkraftwerke sind keine Option. Für das Entwerfen stellt sich die Frage, inwieweit sich eine dezentralisierte Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Wasser konzeptionell in den Entwurf von Bauten, Siedlungen und Landschaften integrieren lässt. Hier gibt es mehr Chancen als Einschränkungen: Im Sinne von Entwurfsproblemen, die gelöst werden sollen.
Eigentlich ist mit dem Ausstieg aus der Atomenergie eine ideelle Frage verbunden. Solange der Strom bequem aus dem zentralen Atomkraftwerk kommt, bleibt das Bauen abhängig von der Ausbeutung nicht-erneuerbarer Energiequellen. Es beruht, folgt man dem deutschen Philosophen Peter Sloterdijk, auf einem eigentlich feudalistischen Modell der «Freiheit zur Übertreibung und zur Verschwendung, ja schliesslich auch [der] Freiheit zur Explosion und zur Selbstzerstörung» (Was geschah im 20. Jahrhundert?, Frankfurt/M 2016, S. 27).
Mit Sloterdijk liegen die Chancen einer Wende weg von der «launischen Verausgabung auf Kosten der Natur» in einer «Reprogrammierung der Daseinsbestimmungen» (S. 122). Das ist ein ideelles Angebot, das Entwerfende nicht ausschlagen sollten – denn: Was ist Entwerfen anderes als Reprogrammieren?
Insofern bietet sich der Architektur eine einmalige Chance zu gesellschaftlicher Relevanz und Anerkennung. Sie soll nicht bedeuten, dass wir uns wie die Avantgarde-Architekten der Moderne als Lehrmeister aufführen, sondern dass wir uns beteiligen am tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. In diesem Sinn können sich Architekten zu einer mutigen Idee bekennen. Und am 27. November ein JA in die Urne legen.

— Tibor Joanelly
© RDR; Fernando Guerra
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