24.01.2018

Normcore und Baukultur

Ausnahmsweise kommt vom World Economic Forum in Davos – neben den üblichen Faits divers – gute Kunde, mit möglicherweise grosser Relevanz für Architekturschaffende: Dort haben sich nämlich auf Einladung von Bundesrat Alain Berset Europas Kulturminister getroffen und die Davos Declaration verabschiedet, eine Erklärung, die «eine hohe Baukultur» politisch und strategisch verankern will.
Auch die hohe Politik verpflichtet sich jetzt also für Baukultur, und dazu besteht aller Grund: Die alltägliche Architekturproduktion zeigt ein Bild, das wenig mit Kultur zu tun hat. Mit ein Grund für das deprimierende Bild sind die Normen und Regulierungen, die das Bauen formen. Je für sich genommen sind sie vernünftig und begründet, erleichtern die Zusammenarbeit, verhindern Misslingen oder Gefährdung. Mit dem Ziel der Risikovermeidung und als Summierung von Partikularinteressen produzieren sie aber keine Baukultur und selten mehr als Kompromisse und Mainstream. Anlässlich unseres Podiums an der Swissbau hat es Architektin Astrid Staufer auf den Punkt gebracht: Im globalen Einheitsbrei, der uns allenthalben begegnet, formen die Normen alles – nur nicht einen architektonisch nachhaltigen Raum. Im Streben nach Sicherheit sperrt sich die Bauwelt in ein immer engeres Gefängnis ein.
Unterstützung erhielt Staufer durch eine Feststellung des Bauingenieurs Heinrich Schnetzer: Normen regeln immer den aktuellen Stand der Technik, sie sichern stets das Bestehende und Bekannte. So stehen sie der Innovation im Weg, vor allem, wenn sie immer umfangreicher und detaillierter werden und statt der Ziele auch den Weg dahin festschreiben. Baurechtsprofessor Hubert Stöckli stiess ins gleiche Horn: Ähnlich wie bei Verträgen sei auch bei Normen die Tendenz erkennbar, möglichst viel regeln zu wollen. Für Verträge gilt aber, dass sie umso streitanfälliger – und schlechter – werden, je detaillierter sie ausgestaltet sind. Es wäre besser, sich auf Grundsätze und Zielfestlegungen zu besinnen.
Eine Diskussion über hohe Baukultur verlangt also nach einer grundsätzlichen Diskussion über technische Normen. Dabei könnte zum Beispiel eine Unterscheidung von Normen und Standards weiterhelfen: Normen dienen dazu, Standards der Baukultur zu gewährleisten. Allein schon mit einer etwas veränderten Sicht auf das Bauen wäre einiges gewonnen: Wenn das Bauen nicht mehr primär als die Summierung partikulärer Interessen verstanden wird. Gefördert würde ein solches Umdenken etwa durch das Festlegen von Globalstandards, die ähnlich quantifizierbar und vor allem qualifizierbar sein könnten, wie dies mit dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz der Fall ist. – Wäre es also nicht an der Zeit, den selbstlaufenden Prozess der Normenschaffung umzudrehen und sie mit Augenmass in den Dienst der Baukultur zu stellen? In einem gewissen Sinn ist dies schon bei der Revision der Brandschutznormen geschehen. Was wäre aber, wenn die geistige Energie nicht mehr in eine Perfektionierung unserer Normen investiert würde, sondern in die Suche nach deren Kompatibilität mit explizit formulierten gesellschaftlichen Zielen wie etwa der Davos Declaration? Hier sind die Verbände, die Politik, Verwaltungen und Normenschaffende gleichermassen gefordert.

— Tibor Joanelly
© Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam
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